Siebenter Brief

 

 

Briefmarke

 

Das gefährliche Halb-Wissen-Wollen

 

 

 

 

Liebe Frauen

 

Wenn Sie bedenken, dass ich mit einem „Doppelherz“ bei der Friedensbewegung war, dann verstehen Sie vielleicht, dass ich mich nicht darüber gefreut habe, dass mein dickes Buch Auf dem schwarzen Schiff von der Kritik als „Animal Farm der Friedensbewegung“ bezeichnet wurde, als Beispiel für die „Dialektik der Aufklärung“.

 

Es klingt eigentlich ganz gut. Es verleiht dem Buch eine gewisse Bedeutung. Aber es wirkt auch so, als hätte ich die Friedensbewegung verraten, als hätte ich sie feige im Stich gelassen und würde nun gegen sie aussagen. Das wollte ich nicht. Inzwischen bin ich unsicher. Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Pazifismus halten soll – und was von einer neuen Kriegsgefahr.

 

Ein möglicher Titel für das Buch, der lange zur Diskussion stand, war zum Beispiel: Die Friedenspiraten. So sahen sich die Aktivisten nämlich selber: als Piraten für den Frieden.

 

Was hatten sie vor? Sie wollten auf Segelschiffen verbotene Bücher nach Afrika bringen. Es sollte eine künstlerische und zugleich politische Aktion sein; eine Aktion, die symbolisch und zugleich konkret ist. Sie wollten damit Frieden nach Afrika bringen.

 

Ja, tatsächlich: Bücher bringen Frieden. Das haben sie wirklich gedacht. Es ist gar nicht so naiv, wie es auf den ersten Blick erscheint. Bücher können Türen zu anderen Welten öffnen, sie können Verständnis für das, was man noch nicht kennt, ermöglichen. Bücher können die Leser in der Kunst einüben, sich dem anderen anzunähern und über den Tellerrand der Ichbezogenheit hinauszugucken.

 

Diese Idee stand auch hinter dem Programm, das mich einst als Austauschschüler nach Michigan gebracht hat. Entstanden waren solche Programme aus den Erfahrungen des letzten Krieges. Die neue Jugend sollte sich nicht in Organisationen wie der Hitler-Jugend austoben, vielmehr sollte sie sich mit anderen Lebensweisen in anderen Gesellschaften auseinandersetzen und versuchen, in der Fremde wie unter Freunden zu leben.

 

Solche Jugendlichen würden sich nicht mehr so leicht in einen Krieg schicken lassen. Denn Verständnis und Wertschätzung für den anderen immunisiert gegen Hetze und Propaganda und arbeitet damit auch gegen den Krieg. So konnte man noch in den 70er Jahren argumentieren, wenn man begründen wollte – und das musste man auch –, warum man den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. Das habe ich getan. Ich denke im Grunde immer noch so, und es gefällt mir, was in dem Briefwechsel von Albert Einstein an Sigmund Freud steht, da heißt es: „Alles, was der Kunst dient, arbeitet auch gegen den Krieg.“

 

Auch Malala Yousafzai, die mit 18 die bisher jüngste Friedensnobelpreisträgerin ist, fragt in aller Unschuld: „Wieso ist es so leicht, Waffen zu geben, aber so schwer, Bücher zu geben? Wieso ist es so einfach Panzer zu bauen, aber so schwer Schulen zu errichten?“ Auch sie teilt diesen zerbrechlichen Traum: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und Stift können die Welt verändern.“

 

Die Hippies gingen noch weiter. Sie wollten nicht nur, dass die Menschen lesen, Musik hören und sich besser verstehen, sie sollten sich auch lieben:

 

Make Love. Not War.

 

Remember? Das war die berühmte Hippie-Parole. Ob man tatsächlich Liebe „machen“ kann, lasse ich mal dahingestellt sein. Ich hatte von Anfang an meine Zweifel, ich war aber auch schwer beeindruckt von der praktischen Art der Amerikaner, die kurzerhand die Milch in Cornflakes-Packungen schütteten und die Turnschuhe gleich mit in die Waschmaschine steckten zu den T-shirts mit der Aufschrift „Just do it“.

 

Sei’s drum. Ich nehme zur Kenntnis, dass wir das heute so handhaben wollen: Liebe „macht“ man, Sex „hat“ man. Na dann: viel Spaß. Für mich klingt es schon wieder nach einem Open-Air-Festival bei freiem Eintritt und mit einer Musik, bei der sich am Ende alle in den Armen liegen. Es kommt mir zu schön vor, um wahr zu sein, aber vielleicht bin ich auch ein schwieriger Fall mit ungewöhnlich trägem Herzen. Ich sollte mich nicht so anstellen und nicht immer so kritisch aus der Wäsche gucken.

 

Das tue ich aber. Und ich werfe weiterhin einen kritischen Blick auf die Feministen. Die haben nämlich den alten Hippie-Spruch umgedreht: Sie wollen zukünftig keine Liebe mehr zwischen den Geschlechtern – das meinen sie wirklich so, wir sollten uns darüber nicht hinwegtäuschen. Es gibt viele Zitate, die das belegen und viele Taten, die es beweisen. Sie haben stattdessen den Geschlechter-Krieg erklärt:

 

Make Sex War. Do Not Make Love.

 

So ein Krieg geht notwendigerweise gegen alles, was gegen den Krieg arbeitet. Also: gegen die Kultur. Gegen den Dialog. Gegen die Möglichkeiten der Verständigung. Gegen eine Wertschätzung des anderen.

 

Es ist also keine Überraschung: Der Feminismus bringt neue Bücherverbote mit sich. Neue Formen der Zensur. Neue Denkverbote. Neue Verständigungsverbote. Boykott von Diskussionsveranstaltungen. Offene Gewaltdrohungen gegen Männer, die sich für ihre Interessen einsetzen wollen. Das Niederbrüllen von Rednern.

 

Deswegen ist auch der ständige Angriff auf die Sprache von Seiten der Feministen keine Kleinigkeit. Auch wenn es auf manche so wirkt. Ich nehme das ernst. Ich tue das nicht, weil ich – wie man leichtfertig sagen könnte ­– Sprache liebe. Ich liebe die Sprache natürlich nicht, ich liebe Menschen.

 

Ich habe auch nichts gegen Veränderungen. Erst recht nicht gegen kreative Neuerungen. Auch nicht in der Sprache. Aber was uns mit der „geschlechtergerechten“ Sprache zugemutet wird, ist nicht nur eine Verhunzung, wie oft gesagt wird, es ist eine vorsätzliche Beschädigung, mit der das Miteinanderreden beendet wird. Es wird die Grammatik durcheinandergebracht. Es werden Begriffe umgedeutet. Es werden die Menschen verwirrt.

 

Alle, die sich frei von der Leber weg äußern wollen, werden gedemütigt, weil man sie nötigt, etwas zu sagen, das sie gar nicht sagen wollen und gestern noch als falsch empfunden haben. Die feministische Auffassung, dass bei jeder Gelegenheit die Unversöhnlichkeit der Geschlechter betont und grundsätzlich alles, was irgendwie „männlich“ wirkt, als böse anzusehen ist und wie Unkraut ausgerottet werden muss, wird als gegeben vorausgesetzt. Mit jeder Formulierung sollen wir uns dazu bekennen.

 

So können wir nicht mehr miteinander reden.

Doch genau das möchte ich weiterhin tun.

Deshalb diese Seite.

 

Deshalb der Versuch zur „Rettung der Liebe“, wie es im Untertitel zu den drei Frau-ohne-Welt-Büchern heißt. Ich weiß selber, dass es pathetisch klingt. Aber darum geht es. Und was ist Liebe? What is love anyway? Liebe ist ein Versprechen. Liebe ist ein guter Plan. Liebe vergrößert.

 

Sie beginnt mit dem Verstehen, mit dem Erkennen, wie es schon Adam und Eva geschafft haben. Deshalb ist es auch so schädlich, wenn man nicht neugierig ist, wenn man gar nicht erst etwas erkennen will (weil man glaubt, schon alles zu wissen), wenn man den anderen ignoriert, ihn ausschließt und den Blick mit Vorverurteilungen verstellt. Wie es die Feministen mit ihrer aufgesetzten Halbblindheit tun. Doch ich will nicht nur über den Schaden jammern, sondern den Nutzen betonen.

 

Der Nutzen liegt in der Möglichkeit, die Zukunft zu gewinnen, sich an einer „dritten Sache“ zu beteiligen, die größer ist als man selber.

 

Damit endet der siebente Brief

Mit herzlichen Grüßen

von

Bernhard Lassahn

 

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