Erster Brief

 

 Briefmarke

 

Über echte und gespielte Liebe

 

 

Liebe Frauen!

So. Nun ist es raus. Ich habe gerade die größten Intimitäten ausgeplaudert, die ich auf Lager habe. Vielleicht ist es nicht sonderlich aufgefallen, aber ich habe gerade einen flüchtigen Blick auf meine innigsten Gefühle zugelassen, obwohl es eigentlich niemanden etwas angeht. Deshalb habe ich mich auch so geziert, als ich diesen Satz angekündigt habe, in dem „Liebe“ vorkommt. So etwas sagt man nicht. Wer es trotzdem sagt, ist zumeist ein elender Schwindler.  

Schon als Kind fand ich Schlagerfuzzis lächerlich. Mir konnten die nichts vormachen. Wenn sie von der „Lie-hie-be“ sangen, brauchten sie meinetwegen gar nicht erst so zu tun, als würden sie vor lauter Gefühlen dahinschmelzen wie Erdbeereis in der Sonne, ich glaubte denen sowieso nicht. Ich bemerkte den Betrug sofort.  

Wenn diese Fuzzis wirklich eine mir gänzlich unbekannte „schöne Annabell“ – oder wen auch immer – über alles verehrten und für immer und immer lieben wollten, dann sollten sie ihr das bei passender Gelegenheit mitteilen. Sie sollten es aber nicht ausgerechnet einem Unbeteiligten wie mir und außerdem jedem anderen, der sich zufällig in Hörweite befindet, unter die Nase reiben beziehungsweise in die Ohren brüllen.  

Wenn ich mir vorstelle, jemand hätte – als ich in der Grundschule war – hinter meinem Rücken BERNHARD LIEBT ILSE an die Tafel geschrieben, ich weiß nicht, was ich getan hätte. Mir hätten damals die Mittel gefehlt, das Land zu verlassen und inkognito in der Fremde ein neues Leben anzufangen, aber ich hätte das Gefühl gehabt, ich müsste es tun. Gefühle, die einem wichtig sind, dürfen nicht in die Öffentlichkeit, nicht in die Schule, nicht in die Politik, nicht ins Radio, nicht ins Netz. Da gehen sie verloren. So denke ich. So einer bin ich.  

Das Private ist politisch. Sagt man. Ich weiß nicht, wer den Spruch aufgebracht hat und was derjenige – vielleicht war es auch eine diejenige – sich dabei gedacht hat. Vielleicht hat derjenige oder diejenige sich nicht viel dabei gedacht. Oder nichts Gutes. Wie auch immer. Ich habe den Spruch oft gehört, und mir ist erst erstaunlich spät aufgefallen, wie schlimm er ist. Wie falsch. Dabei hätte ich es von Anfang an wissen können.  

 

Dieses ist der erste Spruch, auf den ich hereingefallen bin.

Der zweite folgt sogleich.

 

Nein, nein, nein! Das Private sollte nicht politisch sein. Das Private sollte sorgsam vor den langen Fingern der Politik geschützt werden. Die Politik stört das Private, sie zerstört es sogar. Es passt nie richtig. Die Größenverhältnisse stimmen nicht. Es wirkt immer so, als würde jemand versuchen, mit einem Holzhammer eine SMS zu schreiben.  

Die Vermutungen der Politiker über das Privatleben ihrer wenigen Wähler und ihrer vielen Nichtwähler sind überwiegend falsch. Sie sind sowieso zunächst einmal an den Eigeninteressen des Politikers orientiert und nicht an den Interessen von denjenigen, die ein Polit-Profi ganz richtig „die Menschen draußen im Lande“ nennt. Er selber gehört nicht zu diesen Menschen, er gehört nicht in dieses Land.  

 

groucho

Politik ist die Kunst, überall Probleme zu suchen und zu finden,

sie falsch zu diagnostizieren

und ungeeignete Rezepte anzuwenden.

 

Politiker sehen vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Politiker haben in unseren Betten grundsätzlich nichts zu suchen. Auch nichts in der Küche. Auch nichts im Bad. Der Staat ist das kälteste aller Ungeheuer. Der Staat hat an den höheren Seelenkräften keinen Anteil. Das sind nicht meine Worte. Doch ich stimme zu. Die Liebe gibt es nicht als etwas Allgemeines.  

Das möchte ich betonen, ehe ich weitermache.

Soviel. Erst einmal!  

Herzliche Grüße

Bernhard Lassahn

 

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