Zweiter Brief

 

 

 

 Briefmarke

 

Über die Henker der Liebe

 

 

Liebe Frauen

Was ich gerade über die Schlager gesagt habe, gilt ebenso für Hollywoodfilme, in denen es nur noch darum geht, an welcher Stelle der Satz „I love you“ vorkommt und welche Musik dazu im Hintergrund plätschert. Es gilt ebenso für Pornografie und für Feminismus. Erstaunlich – nicht wahr? –, dass diese Erscheinungen, die auf den ersten Blick so unterschiedlichen wirken, alle etwas gemeinsam haben. Aber ja. Das haben sie!

Sie sind kitschig und verlogen: Sie machen etwas Intimes öffentlich. Sie zerstören es dadurch oder beschädigen es zumindest. Sie machen sich der falschen Verallgemeinerung schuldig. Die Liebenden bleiben unter diesen Umständen nicht länger unter sich, wie es gut und angemessen wäre, vielmehr werden sie in etwas Fremdes und Kaltes eingetaucht.  

Ich muss das nicht näher erklären. Wir spüren es auch so. Wir bemerken die Lügen sehr wohl, denn wir haben einen serienmäßig eingebauten Lügendetektor. Doch wir können uns nicht richtig wehren. Wir können die Wucht der starken Gefühle, wenn sie über uns hereinbrechen, nicht abweisen. Nicht ganz. Da ist immer auch ein Funken Wahrheit im Feuer. Selbst wenn die Zumutungen extrem kitschig, einseitig und dämlich sind: Sie sind auch nicht komplett falsch.  

Gerade von Pornofilmen kann man nicht sagen, dass sie einem etwas vorgaukeln, das es in Wirklichkeit nicht gibt. So ist es nicht. Die Darsteller geben nicht bloß vor, den Geschlechtsakt zu vollziehen – sie tun es wirklich. Es ist also die Wirklichkeit. Sie sind keine Darsteller, sie sind Täter. Deshalb stellt sich auch nicht die Frage, ob sie gute, mittelmäßige oder schlechte Schauspieler sind. Sie sind gar keine.  

Im dekadenten Rom, so habe ich gelesen, gab es Aufführungen, bei denen auf der Bühne jemand umgebracht wurde (die Rolle musste immer wieder neu besetzt werden), so dass der bedauernswerte Sklave, der die Rolle zugewiesen kriegte, einen nur gespielten, aber zugleich echten Tod starb. So sehe ich Pornos. Da spielen die Täter einerseits „nur“ und tun es andererseits „wirklich“, sie begehen einen nur für die Kamera und für die Beobachter gespielten, aber gleichwohl echten Verrat – an sich selbst oder an wem auch immer. Sie werden sicher im stillen Kämmerlein ihres Gemüts wissen, an wem sie diesen Verrat begehen.  

Schon gut. Ich habe nur deshalb so viel zu diesem Reizthema geschrieben, weil Pornographie und Feminismus so viel gemeinsam haben. Nicht bloß dass in beiden Fällen etwas Intimes in die Öffentlichkeit gezerrt und damit verzerrt wird, da ist noch mehr: In beiden Fällen geht es mit Karacho unter die Gürtellinie. In beiden Fällen geht es erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens, sechstens, siebentens, achtens … um die Geschlechtsteile. Alles andere kann vernachlässigt werden. Damit wird der Mensch auf den Kopf gestellt. Was bisher unter der Gürtellinie war, ist plötzlich oben. Herz und Kopf sind unten.  

Ich muss jedes Mal an die armen Darsteller im alten Rom denken, wenn ich bemerke, dass heute kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen „echt“ und nur „gespielt“, zwischen wahr und vorgetäuscht. Ein solches Unbehagen spüre ich übrigens auch bei den Körperwelten von Gunther von Hagens, wo ich echte Leichen sehen kann, die nur Ausstellungsstücke sein sollen. Doch wenn wir nicht mehr deutlich unterscheiden, dann kommt es auch nicht mehr darauf an, ob jemand eine Frau „ist“ oder ob er nur eine Frau „spielt“, dann sind Wesen und Erscheinung deckungsgleich, Form und Inhalt. Dann ist Conchita Wurst eine Frau.  

Dann ist es egal, ob wir „nur so tun als ob“, oder ob wir „wirklich etwas tun“, ob wir Rollenbilder ausfüllen wie ferngesteuerte Roboter oder ob wir mit Herz und Seele bei der Sache sind, die wir von uns aus wollen.

Damit sind wir beim Thema Gender Mainstream, das ich – wenn ich das bei der Gelegenheit loswerden darf – für ein großes Unglück halte.  

In der Welt des Gender Mainstreamings gibt es nichts Echtes mehr. Da ist alles konstruiert. Auch die Natur ist nur ein Konstrukt und kann beliebig verändert werden. Wir spielen lediglich Rollen. Es gibt nichts Persönliches mehr, nur noch Gruppenzugehörigkeiten. Aus der Liebe zu einer Frau wird ein Fall von Diskriminierung oder – wenn wir Glück haben – ein Fall von positiver Diskriminierung.  

In beiden Fällen schaut man hoch zu den Wolken, wo man die imaginäre Gruppe der Frauen vermutet, und schaut gelangweilt vorbei an einzelnen Menschen, die man übersieht. So werden Urteile gefällt, die ganz unabhängig sind von dem tatsächlichen Privatleben der Beteiligten. Von ihren Eigenarten. Ihren verschlungenen Lebenswegen.  

Mein eingebauter Lügendetektor macht unablässig PIEP, PIEP, PIEP, wenn mir Gender-Experten erzählen wollen, dass ich ein „soziales Geschlecht“ habe, dass Männer und Frauen prinzipiell austauschbar sind, und dass man sie in möglichst gleichgroßen Gruppen nebeneinanderstellen muss, um Gerechtigkeit herzustellen, die man bei jeder Gelegenheit auch sprachlich zum Ausdruck bringen soll. Die Sprachvorschriften, denen wir heute folgen sollen, unterscheiden nicht mehr zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden und gehen davon aus, dass etwas auch so ist, wenn man es so nennt.  

Austauschbarkeit, Gleichgültigkeit (in anderen Worten: gleiche Gültigkeit) und Lieblosigkeit sind die drei tragenden Säulen des Gender-Gebäudes.

Es sind außerdem drei Nägel zu einem Kindersarg.  

Das klingt nicht sehr erfreulich.  

Und doch: Ich grüße herzlich

 

Bernhard Lassahn

 

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