Luther und der Teufel, die Beatles und Jesus …

 

… die singende Nonne und die gerechte Sprache

 

Die Lieder beim evangelischen Kirchentag

 

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, komm Freunde, will ich euch singen …“ Das war Heinrich Heine. Damals. Beim diesjährigen evangelischen Kirchentag hieß es: Ein neues Lied, ein gerechtes Lied, kommt Freunde, wollen wir singen!

 

Zwei Lieder in gerechter Sprache wurden gesungen – im Rahmen der Geschlechterdebatte „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. So war es jedenfalls angekündigt. Ich war gespannt. Und enttäuscht. Es waren überhaupt keine Lieder in „gerechter Sprache“. Die wurden nur fälschlicherweise so genannt.

 

Die Kirche und das populäre Lied

 

Erinnert sich jemand an die Beatles? Klar. Ich sowieso. In dem Film ‚Eight Days A Week’ über die Zeit, als sie auf den großen Bühnen standen, wird der Skandal dokumentiert, der ausgelöst wurde, als John Lennon gesagt hatte, die Beatles seien populärer als Jesus. Da traten sogleich radikale Christen auf den Plan. Beatles-LPs wurden verbrannt. Ihre öffentlichen Auftritte wurden zum Risiko. Da war was los.

 

Erinnert sich noch jemand an die singende Nonne Sœur Sourire, „Schwester des Lächelns“? Womöglich hat noch jemand ihr Lied ‚Dominique’ im Ohr, mit dem sie einst die Hitparaden stürmte. Es hieß damals, die singende Nonne sei populärer als Elvis.

 

Die Millioneneinnahmen gingen direkt an das Kloster und Jeanine Deckers (so ihr bürgerlicher Name) ließ sich das – gutgläubig wie sie war – nicht quittieren. Das Finanzamt bestand auf Steuern, das Kloster hüllte sich in kaltes Schweigen. Sie verließ das Kloster. Hochverschuldet und tablettensüchtig versuchte sie vergeblich, an ihren Erfolg als Sängerin anzuknüpfen, unter anderem mit einem Loblied auf die Pille. Schließlich beging sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Selbstmord.

 

Warum erzähle ich das? Es sind Beispiele für eine Öffnung der Kirche. Oder eben dafür, dass sie sich nicht geöffnet hat. Es sah in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tatsächlich so aus, als wollte sich die Kirche öffnen – öffnen für die unruhige Jugend, öffnen für neue Lieder, öffnen für aktuelle Fragen. Und so gab es den so genannten progressiven Jugendgottesdienst.

 

Die rastlose Jugend stellt Fragen und singt Lieder

 

Das sah dann so aus: Da stand ich mit schlecht gestimmter Gitarre in der Kirche – und wir sangen gemeinsam: „Wir zieh-he-hen auf der-er großen Straße unsres Lebens rastlos hin. Suchen auf der-er großen Straße nur nach Vorteil und Gewinn.“ Soweit die Strophe. Dann sollten Fragen aufgeworfen werden, die speziell auf die Jugend zugeschnitten waren:

 

„Vater im Himmel, so unbe-he-greiflich, wer sagt uns, dass es ihn wirklich gibt? Ob unser Sinnen und Trachten vergeblich (wenn ich das richtig in Erinnerung habe) oder ob er uns wirklich liebt?“ Das waren die Fragen. Wir nannten es nicht „gerechte Sprache“. Es ging auch nicht um eine „Revolution“. Wir sangen das Lied am Reformationstag. So richtig begeistert war ich nicht.

 

Was sagte John Lennon dazu? Seine blasphemische Bemerkung hatte schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, als sie anlässlich der Beatles-Tour in den USA wiederentdeckt und zum Skandal hochgejazzt wurde. Er hatte sich einst in einem Jugendmagazin über die Lieder, die bei solchen progressiven Jugendgottesdiensten gesungen wurden, geäußert. Er mochte sie nicht. Er fand sie zweitklassig und langweilig.

 

Die genauen Formulierungen kenne ich nicht; John Lennon mochte es natürlich, heftig auf die Pauke zu hauen (eigentlich war Ringo der Schlagzeuger), er war nicht gerade zimperlich. Zum Beispiel hat er behauptet, der Erfolg der Beatles beruhe darauf, dass sie die ersten wären, die in der Sprache der Arbeiterklasse singen.

 

Da ist was dran. Was er meinte, war in etwa folgendes: im Jugendgottesdienst werden Lieder gesungen, die Jugendliche hören wollen sollen. Die Beatles sind besser, sie machen es richtig. Sie singen Lieder, die Jugendliche wirklich hören wollen. Kurz zusammengefasst: die Beatles sind populärer als Jesus.

 

Der größte Schatz der evangelischen Kirche

 

Die evangelische Kirche hatte einst mit ihrer Musik einen echten Joker – einen Schatz von unermesslichem Wert. Man kann sagen, was man will: Paul Gerhardt ist ein Liedermacher ersten Ranges. Emil Cioran hat sowieso immer nur gesagt hat, was er wollte, auch wenn es alle Grenzen sprengte, er sagte: „Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiß Gott.“ Na ja. Aber man kann schon verstehen, wie es gemeint ist.

 

Und heute? Heute singen sie Lieder in gerechter Sprache. Doch das sagen sie nur so. Es stimmt nicht einmal. Es ist in Wirklichkeit die gute, alte Sprache, die wir schon kennen. Nur schlecht gemacht. Die besonderen Merkmale der gerechten Sprache (nämlich die Varianten der Innen-Form und der Doppelnennung) kommen in den Liedern in gerechter Sprache gar nicht vor.

 

Das geht auch nicht. Die geschlechtergerechte Sprache ist ein vorsätzlicher Angriff auf die Schönheit und Eleganz der Sprache. Da stottert der Motor. Der Rhythmus wird holperig. In gerechter Sprache kann man nicht singen. Nicht richtig reimen. Robert Gernhardts berühmter Zweizeiler:

 

„Jesus sprach zu den Apachen:

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

müsste in gerechter Sprache lauten:

 

„Jesus sprach zu den Apachinnen und Apachen

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

Das klingt nicht. Es wurde dann auch nicht wie angekündigt ein Lied in gerechter Sprache gesungen, sondern – wie aus dem Effeff – ein Lied in feministischer Fälschung. Statt:

 

„Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren.“

 

heißt es nun:

 

„Lobe die Kraft,

die uns Gott für das Leben gegeben.“

 

Wo ist da die gerechte Sprache? Es ist einfach nur ein anderer Text. Ein anderer Inhalt. Einmal wird der Schöpfer gelobt. Einmal die Kraft der Geschöpfe. Woher haben sie denn die Kraft? Vielleicht von ihrem Schöpfer? Die „Kraft, die uns Gott für das Leben gegeben“ ist nur ein Teil der Schöpfung.

 

Es war nicht alles schlecht früher … doch: es war alles schlecht

 

Es ist eine schlechte Parodie auf ein beliebtes Lied. Die Aussage wird verkleinert. Klar, der Text ist alt. Sechzehnhundert irgendwann. Doch was passiert, wenn man sagt, dass der neue Text nicht etwa „neu“, sondern „gerecht“ ist? Dann sagt man, dass der alte es nicht war. Ein altmodischer Text wird nicht etwa durch einen neumodischen ersetzt. Vielmehr wird ein ungerechter Text durch einen gerechten ersetzt.

 

Prof. Dr. Martin Leutzsch, den wir für die Dauer der Diskussion mit „Martin“ anreden konnten, bekannte sich ausdrücklich dazu, dass die Verfechter der gerechten Sprache auf eine „ungerechte“ Sprache zurückblicken. Noch einmal: bis zur Einführung der gerechten Sprache, war die Sprache, wie sie allgemein im Gottesdienst verwendet wurde, ungerecht. Noch einmal: Die Sprache war ungerecht. Jahrhunderte lang war sie ungerecht. Jahrhunderte lang hat es niemand bemerkt. Was für ein Versagen!? Was für eine Abwertung der Tradition?!

 

Und das nur, um denen gerecht zu werden, die eine Allergie haben gegen den Begriff „Herren“ und nicht mehr wissen, was damit gemeint ist. (Hinweis: Es ist nicht der „Herr“ Pastor).

 

Sie sind auf die Hündin gekommen

 

Die gerechte Sprache richtet Schaden an und zerstört Vertrauen. Sie stellt allen, die ein Lied wie ‚Lobet den Herren’ früher gerne gesungen haben, im Nachhinein ein schlechtes Zeugnis aus. Die gerechte Sprache ist ein Eigentor mit Fallrückzieher, bei dem sich der Spieler schwer verletzt hat. Ich fand übrigens immer, dass ‚Lobet den Herren’ unter den ansonsten eher drögen Kirchenliedern noch relativ flott war; ursprünglich war es tatsächlich als Straßenmusik gedacht, es war ein lagerfeuertauglicher Hit, der in die Kirche Einzug hielt und da populär wurde.

 

Wenn die selbst ernannten Gerechten von heute das Lied nicht mehr mögen, weil sie verlernt haben, was mit dem „Herren“ gemeint war, dann sollen sie es halt lassen. Dann sollen sie neue Lieder machen. Die müssen auch nicht als „Lieder in gerechter Sprache“ bezeichnet werden. Besonders dann nicht, wenn es nicht zutrifft. Dann sollen sie sehen, ob jemand diese Lieder mag und freiwillig singen will.

 

Wollt ihr nicht mal was singen, was ihr wirklich singen wollt?

 

Natürlich gibt es immer wieder neue Lieder, die eine Gemeinde gerne singen würde. Die kommen hinzu und bereichern das Repertoire. Zum Beispiel Lieder von den Beatles. ‚My Sweet Lord’ … Ah, Halt, Stopp, da kommt „Hare Krishna“ vor. Das ist nicht christlich, nicht jüdisch, nicht islamisch. Das geht nicht. Auch ‚Imagine’ sollte ins Gesangbuch aufgenommen werden, aber Yoko Ono erteilte keine Zustimmung, dafür die Zeile „imagine no religion“ zu streichen. Immerhin: Man kann auch mal was Gutes über Yoko Ono sagen.

 

Sebastian Krämer hatte auf einer Großveranstaltung im Rahmen des Kirchentages ein Lied angestimmt, das einen Reim auf „Maracuja“ präsentiert. Richtig. Das Publikum hat es spontan aufgegriffen und mitgesungen: „Halleluja, Halleluja …“ Sebastian Krämer, der als derzeit beste Liedermacher angekündigt wurde, ließ sie aber nicht. Och, schade … Er brach das Stück ab und erklärte, dass weder seine Witz-Version noch das Original von Leonard Cohen christliche Lieder sind. Dann spielte er ein Lied über den Teufel.

 

Die freundlichen Teufel

 

Den Teufel will ich jetzt auch aus dem Sack lassen. Einen Teufelspack, die Gruppe Duivelspack. Die haben ein Lied drauf, das nicht etwa ein Lied in gerechter Sprache ist, sondern ein Lied über gerechte Sprache. Es fetzt. Wenn das bei Kundgebungen gespielt wird, tanzen die Leute auf der Straße. Anschließend darf geklatscht werden. Hier würde vielleicht sogar John Lennon applaudieren. Es ist Musik, die das Publikum hören will. Es sind Songs, die gefallen.

 

Duivelspack ist eine erfolgreiche Fun-Folk-Gruppe. Ich habe selber auch ein paar Lieder gemacht. Ich bin so einer. Ich kenne mich da ein wenig aus. Hier haben wir den seltenen Fall von einem Lied, das ich selber gerne geschrieben hätte. Ich finde es toll.

 

Natürlich wird da mit dem Holzhammer gereimt. So muss das auch sein. So kommt eine lockere Mischung aus Tradition (Minnesang) und Moderne (geschlechtergerechte Sprache) zustande. Der ironische Umgang mit dem Alten und Neuen, schafft einen freundlichen Ton. Sie treten nicht als miesepeterige Lehrmeister auf, sondern als Narren, die über sich selbst lachen können.

 

So geht es los:

 

„Wir beginnen … -innen … -innen …

euch zu beminnen … -innen … -innen …

um zu gewinnen … -innen … -innen:

die Schönheit die von innen kommt.

 

Hallo Leute und Leutinnen,

liebe Fans, liebe Finnen.

Wir Männer wollen minnen

und ein Weiberherz gewinnen,

aber wenn, dann

ohne zu gendern.“

 

Na, endlich. Hier hat das Wort „gendern“ einen großen Auftritt vor historischer Kulisse. Das geht in die Ohren, das bleibt in den Köpfen, das spricht die Herzen an. Ich bin begeistert. Weiter geht es:

 

„Wie soll das miteinander weitergehen,

wenn wir die Sprache so brutal verdrehn?

Das ist politisch ja vielleicht korrekt

Doch ist es das, was frau bezweckt?“

 

Refrain:

„Diese Schönheit, die von innen kommt

ist für die schöne Sprache ein Affront,

liebe Freundinnen, Feindinnen, Heldinnen, Göttinnen

wir gewinnen nie:

eure Herzen mit nem Binnen-I.“

 

So ist es. Diese Gruppe hätten sie für den Kirchentag einladen sollen. Das wäre ein guter Beitrag gewesen für die Debatte um eine geschlechter- oder gendergerechte Sprache.

 

Wenn es weiter im Text heißt „Was die Beginen schon begannen …“, könnte man bei einem Publikum beim Kirchentag womöglich ein Vorwissen voraussetzen: Beginen sind christliche Gemeinschaften, die im 12. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich und anderswo aktiv waren. Die hatten es noch richtig gut; denn:

 

„ … denen drohte

nie die Frauenquote.“

 

Weiter geht es mit dem Teufelspack, die, wie wir sehen, durchaus bereitwillig sind, sich für Neuerungen zu öffnen.

 

„Wir übernehmen ja auch gern

den kleinen Gender-Stern,

sogar als Musik-X

kennen wir nix,

wir probiern es mal,

ab jetzt geschlechtsneutral.

 

Es kommt uns aber oft so vor,

als wäre das ein Eigentor,

weil Gender-Wahn mit aller Kraft

nur neue Unterschiede schafft.“

 

Richtig. Geschlechtergerechte Sprache treibt einen Keil zwischen die Geschlechter. Sie trennt. Sie schafft schlechte Laune und eignet sich speziell – und vermutlich ausschließlich – für selbstgerechte Besserwisser, die gerne andere ins Unrecht setzen und keine Gelegenheit auslassen, selbst an entlegenen Stellen nach unbedeutenden Ungerechtigkeiten zu suchen, auch wenn da schon Gras drüber gewachsen ist.

 

John Lennon hätte vermutlich gesagt: Der Teufel ist populärer als Luther.

 

Original und Fälschung

 

Wie war es wirklich?

 

An einem sonnigen Tag ritt Old Shatterhand auf seinem treuen Pferd Hatatitla über die Prärie und traf an verabredeter Stelle Winnetou, der ihm sein Leid klagte. „Mein weißer Bruder“, sagte sein rothäutiger Freund mit belegter Stimme, „ich muss etwas gestehen: Ich bin nicht länger der Häuptling der Apachen.“

 

„Uff“, entgegnete Old Shatterhand, der die Sprechweise von den Indianern übernommen hatte, um sich ein wenig den Sitten und Gebräuchen anzupassen. „Was ist passiert? Haben die Komantschen den edlen Stamm der Apachen besiegt?“

 

Winnetou winkte ab: „Nein, das nicht. Doch ich darf mich nicht länger Häuptling der Apachen nennen.“

 

„Wie denn sonst?“, wollte Old Shatterhand wissen.

 

Winnetou blickte zu Boden, so sehr schämte er sich vor seinem weißen Bruder. „Häuptling der Apachinnen und Apachen“.

 

„Verstehe …“, sagte Old Shatterhand. Aber das sagte er nur so. Er tat gerne so, als würde er nicht nur alles wissen, sondern auch noch alles besser wissen, „die rote Frau spricht mit gespaltener Zunge.“

 

„Nicht nur das“, entgegnete Winnetou, „sie spalten alles. Die Zungen sind gespalten. Die Herzen sind gebrochen. Die Zelte sind zerrissen. Wir haben jetzt sogar getrennte Pfähle, an die wir – hier – die Stuten und – da – Hengste anbinden.“ Winnetou untermalte seine Rede mit kräftigen Handbewegungen. „Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder zusammenfinden, auch die Friedenspfeife ist zerbrochen.“

 

„Ich dachte immer“, überlegte Old Shatterhand, „die roten Frauen wären sowieso Nichtraucher …“

 

„Nichtraucherinnen“, verbesserte Winnetou.

 

Da erkannte Old Shatterhand den Ernst der Lage. Er war sprachlos, er konnte nicht einmal mehr ein leises „Uff“ hervorbringen. Er musste in Ruhe nachdenken und unterließ es, vorschnell „verstehe“ zu sagen.

 

Original und Fälschung, Teil 2

Wie war es wirklich?

 

Mir geht es auch so. Ich verstehe es nicht. Früher wurde in der Bibel „Das Buch der Makkabäer“ erwähnt, doch in der Bibelübersetzung in gerechter Sprache heißt es neuerdings das „Buch der Makkabäerinnen und Makkabäer“.

 

Makkabäerinnen? Was sind das für Leute? Ich hatte mir nie Gedanken über diese Personengruppe gemacht. Nun schon. Was ist dabei herausgekommen?

 

Ich gestehe es offen: Ich mag sie nicht. Ich würde natürlich nicht sagen, dass ich sie hasse. Das wird heute viel zu leichtfertig unterstellt. Das tue ich nicht. Ich hasse die Makkabäerinnen nicht. Doch sie sind mir unsympathisch.

 

Das war jedenfalls mein erster Reflex. Dann fiel mir auf, dass die Makkabäerinnen nichts dafür können. Sie können sich nicht mehr dagegen wehren, wie sie dargestellt werden. Mein Unmut richtete sich daraufhin auf diejenigen, die die Bibel in gerechter Sprache verfasst und die Makkabäerinnen speziell hervorgehoben haben.

 

Wie werden sie dargestellt? Als übermäßig geltungssüchtig, eitel und wichtigtuerisch, als wollten sie gegenüber den Männern ohne Angabe von Gründen hervorgehoben werden. Dieser Wunsch wird ihnen nun nach Jahrhunderten erfüllt.

 

Sie werden uns als Querulanten präsentiert – Querulantinnen, besser gesagt –, die per einstweiliger Verfügung darauf bestehen, dass sie gesondert im Abspann eines historischen Films erwähnt werden, auch wenn sie darin gar keine Rolle gespielt haben, und die Zuschauer längst das Kino verlassen haben. Denn womit – bitte schön! – haben die Makkabäerinnen die besondere Aufmerksamkeit verdient, die sie beanspruchen? Was haben sie getan? Haben sie überhaupt etwas getan?

 

Vermutlich schon – jedoch nichts Gutes! Sie haben die Gemeinschaft der Makkabäer zerstört. Sie haben aus einer guten Gruppe zwei schlechte Gruppen gemacht.

 

Bisher hatte ich mir eine einheitliche Bevölkerungsgruppe vorgestellt, die von gemeinsamen Interessen zusammengehalten war und im Notfall mit vereinten Kräften einem äußeren Feind entgegengetreten ist. Doch die Bibelübersetzung in gerechter Sprache sagt mir: Stopp! So war das nicht.

 

Wie war es denn? Es muss da irgendeinen Dissens gegeben haben, irgendeinen Widerspruch, von dem ich bisher nichts gewusst habe, und der mir auch nicht erklärt wird. Doch es muss da was gegeben haben. Warum sonst legen die Übersetzerinnen und Übersetzer der Bibel in gerechter Sprache Wert darauf, die Makkabäerinnen als schwierige, nicht integrierbare Minderheit zu präsentieren, über die man nichts Gutes zu sagen weiß, aber Schlechtes vermuten darf?

 

Warum wird so viel Aufhebens davon gemacht, dass man sie extra erwähnt, aber nicht begründet, warum man es tut? Die Übersetzerinnen und Übersetzer kommen mir vor wie Teenager, die sich darin gefallen zu sagen: „Ich habe ein kleines, süßes Geheimnis, aber ich verrate es nicht, Ätschi Bätschi.“

 

Wollen uns diese Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich auf dem evangelischen Kirchentag feiern ließen, wirklich etwas über die Makkabäerinnen sagen – oder vielmehr etwas über sich? Wie heißt es doch: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt/
Das ist im Grund der Herren eigner Geist/ 
In dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Wer es noch nicht wusste: Die Makkabäerinnen waren die Vorkämpferinnen des Feminismus.

 

Korrektur: Es muss heißen: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt/
Das ist im Grund der Herrinnen eigner Geist.“

 

Weiter geht es: „Da ist’s dann wahrlich oft ein Jammer!/ Man läuft euch bei dem ersten Blick davon./ Ein Kehrichtfass und eine Rumpelkammer,/ Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion,/ Mit trefflichen, pragmatischen Maximen,/ Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

Verstehe: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Die gerechte Sprache kennt keinen Scherz.

 

Howgh, ich habe gesprochen.

 

 

Das kleine Wörtchen „alle“

… lockt alle in die Falle

Die gendergerechte Sprache ist ein totalitäres System

 

 

„Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Klingt interessant – oder? So lautete der Titel einer Diskussion im Rahmen des evangelischen Kirchentags, der unter dem Motto steht: „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13).

 

Es ging um „gerechte“ oder „geschlechtergerechte“ Sprache. Ich war dabei. Das war was für mich. Nicht nur für mich. Es geht uns alle an, sofern wir ein Geschlecht haben, sprechen können und uns nicht nachsagen lassen wollen, dass wir gegen Gerechtigkeit sind. Es ist allerdings nicht klar, wie man am besten „gendert“ – so nennt man das, wenn man versucht, die gerechte Sprache anzuwenden.

 

Geht es auf die sanfte Art? Vielleicht. Auch die CDU-Frauen wollen, wie es der ‚Spiegel’ süffisant ausgedrückt hat, „ein bisschen gendern“. Nur ein bisschen. Sie wollen gemäßigt gendern. So soll es nach den Wünschen der CDU-Frauen in Zukunft heißen: „Der Parteitag wählt auf Vorschlag der oder des Vorsitzenden die oder den Generalsekretär/in“.

 

Da habe ich mich gleich gefragt: Was ist in die Damen gefahren? Warum wollen sie nun doch ein Tänzchen wagen mit einem Verführer, den sie jahrelang verschmäht haben? Und warum wollen sie nur ein bisschen gendern? Sind sie etwa auch ein bisschen schwanger? Bemühen sie sich um ein bisschen Rechtsstaatlichkeit? Um ein bisschen Frieden? Vielleicht mögen sie auch das Lied ‚Gib mir’n ein kleines bisschen Sicherheit’ von der Gruppe Silbermond. (Dabei geht es um ein billiges, leicht zu knackendes Fahrradschloss, das sich die Sängerin zum Valentinstag wünscht … aber womöglich habe ich den Text nicht richtig verstanden).

 

Ein bisschen totalitär

 

Ein „bisschen“ geht nicht. Es geht – genau gesagt – gar nicht. Bei dem so genannten „gendern“ handelt es sich nicht etwa darum, einen neuen Begriff in das Lexikon aufzunehmen, den man bei passender Gelegenheit benutzen kann und bei unpassender Gelegenheit nicht. Es handelt sich vielmehr um einen Eingriff in die Regeln der Grammatik, die bei jeder Gelegenheit angewendet werden sollen. Das haben Regeln so an sich.

 

Doch keiner weiß genau, wie man gendern soll. Da kommen ständig neue Vorschläge hoch (Doppelnennung, Binnen-I, (m/w), _innen, /innen, *innen …). Bisher hat sich keiner der Vorschläge bewährt. Es sind aber neue in Arbeit.

 

Wir wissen aber, warum wir gendern sollen. Warum? Um Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen. Das klingt nach einer großen, womöglich nur schwer oder gar nicht lösbaren Aufgabe. Kann man das auf die sanfte Tour schaffen? Das ist die Frage.

 

Nächste Frage: Was ist Geschlechtergerechtigkeit? Nun, das sagt uns das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die haben es in einer Erklärung zur Strategie des Gender Mainstreaming zusammengefasst. (Die CDU-Frauen kennen den Satz bestimmt. Den haben sie auf einen Zettel geschrieben und tragen ihn stets in der Handtasche bei sich, falls sie es wieder vergessen haben – also):

 

„Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen.“

 

Aha. Entscheidend in diesem Merksatz ist das unscheinbare Wort „allen“! Immerhin: Man kann es sich leicht merken. Nun wissen wir auch, wann wir gendern sollen. Wann? Immer. Ganz einfach. Gender Mainstreaming gilt immer (!) und überall (!). An anderer Stelle in den Erklärungen zur Geschlechtergerechtigkeit heißt es zur Abwechslung „regelmäßig“ (!).

 

GM ist also eine Strategie – auch Querschnittsaufgabe genannt –, die sich in alle (!) Lebensbereiche einmischen will, um überall (!) eine Unterschiedlichkeit zu berücksichtigen, das heißt in Wirklichkeit: um überall (!) eine Trennung vorzunehmen, um alles (!) Gemeinsame zu zerstören und um überall (!) Geschlechterapartheid vorzuschreiben.

 

Hier muss niemand zum Finale einer aufwühlenden Rede fragen: „Wollt ihr die totale Gender-Sprache?“ Die Frage erübrigt sich. Es gibt die Gender-Sprache nur in der totalen Version. Das liegt daran, dass der Eingriff in die Sprache über das Regelwerk erfolgen soll, und dass nach Meinung der AktivistInnen oder Aktivist*innen – wie ich sie aktuell korrekt bezeichnen soll – es sowieso „keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit“ gibt (Das meinen sie tatsächlich. Sehen Sie sich die Seite des oben erwähnten Bundesministeriums an, da steht es) und dass daher alles, aber auch alles, alles, alles geschlechtersensibel betrachtet werden muss.

 

Non Stop Sex Show. Non Stop Gender Trouble

 

Überall lauert der Unterschied zwischen männlich und weiblich. Wer es noch nicht mitgekriegt hat, sollte sich spaßeshalber ein Musikvideo angucken – nämlich dieses hier –, das versucht, alle Tummelplätze aufzulisten, auf denen sich heutzutage Sexismus breit macht und dringend durch Geschlechtergerechtigkeit bekämpft werden muss: everything is sexist.

 

Also: Bei jeder nur möglichen Gelegenheit soll das Geschlecht berücksichtigt werden, als wäre die Welt eine einzige Non Stop Sex Show. Bei jeder Gelegenheit wird gedanklich in die Unterwäsche gegriffen. Mary Daly ist eine Vordenkerin des Sprachfeminismus, der man nicht nachsagen kann, dass sie sanft ist – im Gegenteil. Ihr Markenzeichen ist die Doppelaxt. Sie ist berühmt für ihre ruppige Art – und ihre Wortspiele. Sie spricht vom „dicktionary“. Klar, oder? Um es kurz zu erklären: Das Wörterbuch („dictionary“) untersteht ihrer Meinung nach voll und ganz dem männlichen Geschlechtsteil („dick“).

 

Es erinnert mich an den Witz, in dem ein Psychiater einem Patienten verschiedene Darstellungen von Dreiecken und Kreisen zeigt und nachfragt, was sich der Patient darunter vorstellt. Der arme Kerl auf der Couch erkennt überall nackte Frauen. Als der Psychiater sorgenvoll die Stirn in Falten legt, verteidigt er sich: „Warum zeigen Sie mir dauernd solchen Schweinkram? Wer von uns beiden ist denn hier versaut?“

 

So geht es uns, wenn mir geschlechtergerecht sprechen wollen. Wir sollen immer an Sex denken. An Sex, nicht an Gender. Wenn es um „Selbstabholerinnen und Selbstabholer“ geht oder um „Benutzerinnen- und Benutzerfreundlichkeit“ von Oberflächen, über die man mit dem Finger wischt – woran denken wir dann? Daran dass hier zwei Gruppen erwähnt werden, die durch soziale Einflüsse, denen sie ausgesetzt waren, unterscheidbar sind – also anhand von Gender-Kriterien – oder an zwei Gruppen, die man unterscheiden kann, weil eine mit einem weiblichen, die andere wiederum mit einem männlichen Geschlechts-Apparatus ausgestattet ist?

 

Der kleine Zettel kann in den Papiermüll

 

Das Beispiel passt: es geht nur um die Oberfläche. Nicht um Inhalte. Es werden Mengen gebildet, die nur oberflächlich betrachtet als Menge gelten können und lediglich aus toten Zahlen mit Geschlechtsteilen bestehen, nicht aus lebendigen Menschen mit Albträumen, Wünschen, Sehnsüchten, Plänen, Krankheiten …

 

Es werden eben gerade nicht die „unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen“ berücksichtigt, wie es auf dem kleinen Zettel heißt. Eben nicht! Sondern? Was wird berücksichtigt? Das Geschlecht. Anders geht es gar nicht. Es müsste sonst eine jeweils unterschiedliche, der speziellen Situation angemessene Formulierung genutzt werden.

 

Aber ein Geschlecht ist immer dabei und die Geschlechtszugehörigkeit ist nun mal unterschiedlich. Na und? Das muss nicht zu einer unterschiedlichen Interessenslage in allen Bereichen des Lebens führen. Es muss auch nicht zu einem dauerhaften Getrenntsein der Geschlechter führen. Die Geschlechter können sich auch ihrer Unterschiedlichkeit erfreuen und daraus etwas Gemeinsames entstehen lassen.

 

Doch darüber können wir nicht mehr reden, wenn wir die geschlechtergerechte Sprache benutzen, denn diese Sprache betont das Trennende. Immer. Bei jeder Gelegenheit. Auch wenn Männer und Frauen in Wirklichkeit keine unterschiedlichen, sondern gemeinsame Interessen haben.

 

Sie sind nämlich eigentlich ganz nett, sie sind gar nicht solche Sexmonster, wie ihnen unterstellt wird. Sie möchten gerne etwas selbst abholen und wollen in Ruhe die Vorteile einer benutzerfreundlichen Oberfläche genießen, ohne dabei von Fragen zur Sexualität oder zur Genderpolitik belästigt zu werden.

 

Doch es geht nicht. Was immer sie an Interessen und Lebenswirklichkeiten gemeinsam haben, wie gut sie sich auch verstehen mögen: immer steht ihnen ihre unterschiedliche Geschlechtszugehörigkeit im Weg und soll als etwas Trennendes hervorgehoben werden. So will es jedenfalls die geschlechtergerechte Sprache. Das Unterschiedliche wird damit schwuppdiwupp zum Trennenden, das nicht mehr überwunden werden kann, es wird unversehens zum Unversöhnlichen. Denn die Unterschiede sollen „regelmäßig“, sie sollen bei jeder Gelegenheit gelten.

 

Die PolitikerInnen oder Politiker*innen – wie ich sie aktuell korrekt bezeichnen soll – können den kleinen Zettel gleich wieder zerreißen. Geschlechtergerechtigkeit ist nicht das, was sie vorgibt zu sein. Noch einmal: Es werden nicht die unterschiedlichen Interessen und Lebensweisen berücksichtigt, sondern die unterschiedlichen Geschlechtszugehörigkeiten.

 

Die ausgestreckten Finger der Geschlechterpolitik zeigen nicht auf die Situationen, in denen sich die Menschen befinden, sondern auf deren Geschlechtsteile. Merkt das eigentlich niemand von denen, die sich Geschlechtergerechtigkeit auf die Fahne geschrieben haben?

 

Vielleicht bemerken sie es nicht, weil sie von der Position des Wortes „unterschiedlich“ in dem Satz getäuscht worden sind. Schauen wir noch einmal hin. Worauf bezieht sich dieses „unterschiedlich“? Auf unterschiedliche Lebenswirklichkeiten und Interessen? Oder auf die Unterschiedlichkeit der Geschlechter? Worauf wird hingewiesen?

 

Wenn wir den Satz (flüchtig) lesen, haben wir den Eindruck, dass sich dieses lästige „unterschiedlich“ auf die Interessen und Lebenswirklichkeiten bezieht. In der Tat. Die können sehr unterschiedlich sein. So unterschiedlich, dass man sie nicht bei jeder Gelegenheit mit ein und derselben Formulierung beschreiben kann.

 

Aber. Jetzt kommt es: Die Interessen und Lebenswirklichkeiten sind nicht immer unterschiedlich. Worin liegen denn – bitte schön – die unterschiedlichen Interessen und Lebenswirklichkeiten von Menschen, die etwas selbst abholen wollen? Na gut, die mag es geben. Aber wie sollte man sie erstens beschreiben und zweitens berücksichtigen? Sind sie überhaupt wichtig?

 

Sie lügen, ohne es zu merken

 

Es ist ja nicht schlimm, wenn Politiker, Poeten sowie alle anderen, die gerne viel reden, sich mit unwichtigen Dingen befassen, schlimm ist, wenn sie uns zwingen wollen zuzuhören und wenn sie nicht aufrichtig sind. Wenn sie schummeln. Wenn sie aus Schlamperei oder Hinterhältigkeit einen wichtigen Unterschied nicht beachten. Genau das machen die Verfechter einer geschlechtergerechten Sprache: Sie unterscheiden grundsätzlich nicht zwischen Situationen, in denen Frauen und Männer unterschiedliche Interessen haben und Situationen, in denen sie gemeinsame Interessen und gemeinsame Lebenswirklichkeiten haben. Sie tun so, als hätten sie immer unterschiedliche Interessen.

 

Das unscheinbare Wort „allen“ hätte sie warnen müssen. Wenn etwas in allen Fällen gilt, wird es bedeutungslos. Mehr noch: Es wird zur Lüge – nämlich in den Fällen, in denen es gar keine Unterschiede gibt.

 

Da haben wir sie. Die verfaulte Olive im Obstsalat. Hier liegt die ganz spezielle, recht gut – aber auch nicht allzu gut genug – versteckte Unwahrhaftigkeit der geschlechtergerechten Sprache.

 

 

XY ungelöst

Auf der Suche nach dem Täter im Nebel der geschlechtergerechten Sprache

 

Elter 1 und Elter 2, Studierende, Erlebende.

 

So sieht sie aus. Die geschlechtergerechte Sprache. Es ist wie mit Pornografie. Man muss nicht lange über eine Definition streiten – man erkennt sie sofort, wenn man sie sieht.

 

Die Beispiele habe ich mir ausgesucht, damit wir uns vor Augen halten können, worüber wir eigentlich reden. Wer redet? Wann? Wo? Im Rahmen des evangelischen Kirchentages hat es eine Genderdebatte gegeben unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten). Da ging es um „geschlechter- und gendergerechte“ Sprache.

Okay. Wir können die „geschlechter- und gendergerechte“ Sprache leicht erkennen.

 

Wie wirkt sie sich aus? Sie hat Wirkungen und Nebenwirkungen. Eine der Wirkungen besteht darin, dass die Täter versteckt werden. Wir lesen einen Krimi, aber dürfen ihn nicht bis zum Schluss lesen. Die Frage „who did it?“ bleibt unbeantwortet. Nicht nur die Geschlechtszugehörigkeit verschwindet im Nebel, auch die Täter verstecken sich in einer neu geschaffenen Grauzone zwischen Aktiv und Passiv.

 

Schauen wir mal. Auch diesmal will ich ein Zitat voranstellen. Ich halte der geschlechtergerechten Sprache vor, dass sie, wie Paulus gesagt hat, „undeutlich“ (Korinther 14.9) ist. Sie schafft vorsätzlich Unklarheiten, als würden sie einer Anweisung folgen, die man gelegentlich in den Drehbüchern von Federico Fellini findet – da heißt es: „Nebbia qui, nebbia là” (Nebel hier, Nebel dort).

 

Elter 1 und Elter 2

 

Inzwischen sind in Formularen bei Behörden die vertrauten Begriffe „Vater“ und „Mutter“, die noch aus einer Zeit stammen, als eine gerechte Sprache unbekannt war und keiner wusste, was „gender“ ist, durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzen worden, um damit eine neue Art von Gerechtigkeit zu schaffen.

 

Nun kann man einwenden … äh, wieso? Damit ändert sich doch nichts in Sachen Aktiv und Passiv. Ein Elter ist doch genauso eine aktive Person, wie es eine Mutter oder wie es ein Vater wäre. Wir wissen nach wie vor, wer die Täter sind. Ja, ja. Schon. Aber was tut so ein Elter?

 

Mit der Umbenennung verschwindet unsere Vorstellung von der Tätigkeit, die sich derjenige oder diejenige, der oder die sich heute „Elter“ nennt, ausübt … Oh weh, das war ein komplizierter Satz. Mit Vater oder Mutter wäre das nicht passiert. Das haben wir davon. Wir wissen nicht, was für ein Geschlecht derjenige oder diejenige hat. Wir wissen auch sonst nichts.

 

Auch die Kriminalkommissarinnen sind ratlos: Sie können einen Täter nicht mehr so leicht auf die Spur kommen. Elter 1 und Elter 2 hinterlassen keine Spuren. Wir haben keine Vorstellung davon, was sie tun. Wenn wir an eine Mutter denken, haben wir sofort eine Vorstellung davon, welche Aktivität sie aufgebracht hat, ein Kind in die Welt zu setzen und was es für ein Aufwand ist, das Alltagsleben mit einem quengelndem Kind zu meistern. Bei einem Vater haben wir ebenfalls gewisse Vorstellungen. Bei Elter nicht.

 

Wir wissen nicht, ob sie etwas gemeinsam haben – abgesehen von der Bezeichnung, die man ihnen verpasst hat. Wir wissen auch nicht, was sie für eine Beziehung zueinander haben. Wir wissen auch nicht, ob sich ein Elter überhaupt um ein Kind kümmert oder sich gerade auf der Flucht befindet.

 

Früher konnten wir uns vielfältige, die Fantasie anregende Unterschiede vorstellen zwischen einem Vater und einer Mutter. Zwischen Elter und Elter sehen wir keine. Bei Vätern und Müttern waren uns auch die verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen bekannt, die man beim Umgang mit Kindern beachten musste. Bei Elter und Elter ist nichts bekannt.

 

 

 

Studierende

 

Wir sehen keine Unterschiede mehr. Keine Täter. Auch bei Studenten nicht. Differenzieren wird vorschnell mit Diskriminieren gleichgesetzt, also sollte man damit gar nicht erst damit anfangen: Da ist jemand, der nur pro forma Student ist, sein Studentenausweis ist noch nicht abgelaufen, er lässt sich längst nicht mehr an der Uni sehen. Der ist noch jemand, der sich gerne Vorlesungen anhört, aber den Status eines Rentners hat. Sie sollen nicht unterschieden werden. Sonst könnte sich einer der beiden ausgegrenzt und diskriminiert fühlen. Beide sind Studierende.

 

Ich war auch mal Student, mir ist das klar. Dass sich die Studenten von heute so gerne „Studierende“ nennen, hat einen einfachen Grund: Es ist die Prüfungsangst, die Angst vor dem Ende des Studiums. Denn was wird sein, so lautet die bange Frage, wenn sie eines Tages keine Studenten mehr sind? Was dann? Dann sind sie ehemalige Studenten.

 

Das darf nicht sein. Zum Glück gibt es keine ehemaligen Studierenden. Ein Studierender ist man immer. Jetzt und immerdar. Deshalb wollen sie gerne Studierende sein. Dann sind sie geschützt davor, jemals Ehemalige zu werden. The show must go on. The party shall not be over.

 

Die Party geht auch bei den Alleinerziehenden immer weiter, bei den Kunstschaffenden, den Arbeitssuchenden und Auszubildenden. Und auch den Rauchenden. Sie sind immer im Dienst, sie sind allzeit bereit. Wir wissen doch, wie das ist: Eine alleinziehende Mutter wird vom Kind aus dem Schlaf gerissen, just in dem Moment, als sie so schön davon geträumt hat, dass sie an der gläsernen Decke ein neues Reinigungsmittel ausprobiert. Ein Künstler ist immer ein Künstler, auch wenn es so aussieht, als würde er gerade über ein neues Werk nachdenken und es würde ihm partout nichts einfallen. Alle sind so sehr in Beschlag gelegt, dass sie nichts anderes mehr tun können. Sie haben immer Schicht. Sie sind rund um die Uhr das, was sie tun.

 

Es sieht auf den ersten Blick so aus, als wären das keine guten Beispiele dafür, wie durch eine geschlechtergerechte Sprache Täter versteckt und aus der Verantwortung genommen werden. Schließlich sind die Studierenden und die Alleinerziehenden deutlich als Täter benannt. Sie tun etwas. Sie tun es sogar rund um die Uhr. Eben. Das ist das Problem.

 

Es kann genauso gut sein, dass sie nichts tun. Gar nichts. Gerade Alleinerziehende geben ihre Kinder besonders häufig in Fremdbetreuung. Ein Studierender hat gerade Semesterferien und arbeitet als Taxifahrer. Künstler lassen ihr Werk bewusst unvollendet; denn der Prozess des Kunstschaffens selber gilt bereits als Kunst, auf das Ergebnis kommt es nicht an. Die Mitglieder im Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller sehen sich neuerdings als „Schreibende“ und falls sie jemals etwas zu Ende gebracht und dann Urheberrechte zu verwalten haben, dann sehen sie sich als „Urhebende“.

 

Wir sind immer gerade dabei, etwas zu tun. Bei McDonald heißt es: „I’m loving it“ statt „I love it“, wir werden nie fertig, wir verbleiben in der Verlaufsform, in der Tun und Nichtstun verschwimmen und sich die Zeitenfolge (consecutio temporum) auflöst.

 

Wenn es heißt, dass die „Teilnehmenden“ anschließend eine Erklärung unterschrieben haben, müsste es eigentlich die Teilgenommen-Habenden heißen, für Teilnehmende gibt es kein „anschließend“. Egal. Die allumfassende Gegenwart – das angestrengte Nirwana auf Hochtouren – überschreitet sogar die Grenze von Leben und Tod. Denken wir an die bei einem Massaker an der Uni sterbenden Studierenden. In vorauseilendem Gehorsam passen sich die Leute an und schreiben: „… heute Vormittag ist es erneut zu einem tödlichen Unfall gekommen … eine Radfahrerin wurde direkt am Unfallort getötet. Der Volksentscheid Fahrrad wird 16 Grablichter aufstellen – für jede und jeden getöteten Radfahrenden eines.“

 

Wir sollten gleich noch eine Kerze aufstellen: für die Sprache. Die ist kaputt.

Emma Watson, die Hermine aus der Harry-Potter-Verfilmung hat vor den Vereinten Nationen die Kampagne „He for She“ vorgestellt, die eigentlich „He for Her“ heißen müsste. So viel Englisch kann ich auch. Bei der deutschen Übersetzung „Er für Sie“ fällt der Fehler nicht auf, er tut es erst, wenn wir die Formulierung in die erste Person übertragen, dann hieße es: „Ich für Du“ – nicht etwa „Ich für dich“. Das Aktiv wird hier mit dem Passiv gleichgesetzt, der Nominativ mit dem Akkusativ. Derjenige, der etwas tut – also he – ist gleichrangig mit derjenigen – also she – für die etwas getan wird.

 

Erlebende

 

 So auch bei Vergewaltigungen. Mithu Sanyal, die für diverse Rundfunkanstalten und für die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt, stellt im ‚Spiegel’ ihr neues Buch vor und erklärt, dass sie sich von Opfer-Täter-Zuschreibung verabschiedet hat und grundsätzlich in Frage stellt, dass eine vergewaltigte Frau das Opfer und der vergewaltigende Mann der Täter sei.

 

Sie meint, dass es das Wort „Opfer“ in diesem Zusammenhang gar nicht mehr geben solle. Vielmehr solle man in Zukunft bei vergewaltigten Personen, aber genauso beim Vergewaltiger von „Erlebenden“ sprechen. Das sei neutral und wertfrei und würde die klassische, genderproblematische Rollenverteilung – aktiver Mann hier, passive Frau da – aufbrechen.

 

Die anderen Diskussionsteilnehmer, die von der evangelischen Kirche eingeladen wurden, standen der geschlechter- oder gendergerechten Sprache ausnahmslos positiv gegenüber. Ich war der einzige, der die Diskussion interessant gemacht hat. Ich sage es deutlich: Ich bin gegen eine gendergerechte Sprache. Sie ist schädlich.

 

Über die drei Beispiele wurde nicht gesprochen. Gesprochen wurde nur allgemein – insbesondere über die Bibelübersetzung in gerechter Sprache, die von allen gelobt wurde. Bei den drei Beispielen ist es mir so gegangen, dass Leute, denen ich davon erzählt habe, mir nicht glauben wollten und misstrauisch nach Belegen gefragt haben. Die Belege gibt es. Die kann jeder selber googlen. Ich weiß nicht, worauf die Leute noch warten. Auf eine Schrift an der Wand? Auf einen brennenden Busch? Darauf dass ihnen jemand den Balken aus dem Auge nimmt?

 

Im Englischen spricht man vom „elefant in the room“, also vom Elefanten im Zimmer, den alle angestrengt übersehen. Wittgenstein hat einst mit Bertram Russel eine Stunde lange über die Frage diskutiert, ob es möglich ist, theoretisch zu beweisen, dass sich gerade kein Rhinozeros im Zimmer befindet.

 

Für die Genderdebatte waren zwei Stunden angesetzt. Einschließlich einer Schweigeminute für die Ertrinkenden im Mittelmeer, außerdem wurden zwei Lieder in geschlechtergerechter Sprache gesungen, für die jeweils 5 Minuten eingeplant waren. Ich hatte gefühlte 6 Minuten Zeit, kritische Anmerkungen zu machen. Ich hätte die anderen gerne zu den drei Beispielen gefragt. Dazu kam es nicht.

 

Es wirkten mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitete Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet hatte. Sie fand am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain statt. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen. Wer keine Dauerkarte für den Kirchentag hatte, hätte 33,– Euro Eintritt zahlen müssen. Deshalb sind einige von denen ich weiß, dass sie durchaus interessiert gewesen wären, nicht gekommen.

 

 

 

In den Wind reden

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 2

 

Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten) sollen wir uns fragen, wie weit wir gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“. Wir sind weit gekommen. Wie haben wir das geschafft? In zwei Schritten.

 

Der erste Schritt forderte eine „geschlechtergerechte“ Sprache, der zweite eine „gendergerechte“. Das ist nicht dasselbe. Im ersten Schritt haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und neu denken. Darum geht es in diesem Teil.

 

Zunächst will ich ein Zitat voranstellen. Die erwähnte Genderdebatte findet im Rahmen des evangelischen Kirchentages im Lutherjahr statt. Da passt das. Bei Paulus (1. Korinther, 14.9) lesen wir: „Also auch ihr, wenn ihr mit Zungen redet, so ihr nicht eine deutliche Rede gebet, wie kann man wissen, was geredet ist? Denn ihr werdet in den Wind reden.“

 

Wir sollen gendern. Was steckt dahinter?

 

Das geheimnisvolle „gender“ kam mit der Weltfrauenkonferenz im Jahre 1995 in Peking in die Welt. Da trafen sich Nichtregierungsorganisationen, so genannte NGOs, also non-governmental organisations, die ihre Autorität daraus beziehen, dass sie als unabhängig gelten und so etwas wie das gute Gewissen der Welt verkörpern, weil sie Basisgruppen repräsentieren. Sie haben lediglich Beraterstatus, sie geben Empfehlungen an die Vereinten Nationen. Mehr nicht. Das wirkt harmlos.

 

Doch sowohl beim Stichwort „unabhängig“ als auch bei den „Empfehlungen“ wurde gemogelt. Die Teilnehmer waren keineswegs unabhängig, sie vertraten keine Bewegungen, die „von unten“ kommen – im Gegenteil: Man nennt sie auch das „gender establishment“. Ihre Vorgaben sollen „top down“ durchgeführt werden, von oben nach unten. Man sollte auch deshalb nicht von einer „Revolution“ sprechen, wie es im Titel der Genderdebatte heißt, sondern von einem Putsch.

 

Die großen Parteien haben längst Quoten. So ist sichergestellt, dass Aktivistinnen gefördert werden, die zwar als unabhängig gelten, aber der Regierung zuarbeiten. Damit haben sich die Spielregeln der westlichen Demokratien grundlegend verändert. Es gibt keine Diskussion mehr über Frauenthemen, die sind grundsätzlich abgesegnet und werden vom Steuerzahler finanziert. Die Quotenfrauen halten die Türen sperrangelweit auf; ihre Aufgabe ist es, alles, was von weitem so aussieht, als wäre es irgendwie gut für Frauen und schlecht für Männer, besinnungslos durchzuwinken. Wir haben längst eine Allparteien-Frauen-Regierung.

 

Claudia Nolte von der CDU bezahlte seinerzeit „ihre“ Leute und schickte sie zu einem Luxusurlaub nach Peking, wo sie sich als unabhängige Basisbewegung tarnten. Später wurden bei den Verträgen, die in Amsterdam beschlossen wurden, aus den Empfehlungen „Verpflichtungen“ gemacht, und die Frauen von Rot/Grün übernahmen begeistert, was „ihre“ Leute von langer Hand vorbereitet hatten. Egal von welcher Partei sie waren. Sie waren Frauen.

 

In Peking fand eine brausende Applaus-Veranstaltung statt. Die Weichen dazu waren schon bei Vorbereitungstreffen in New York gestellt worden. Die Journalistin Dale O’Leary hat an mehreren solcher „PrepComs“ teilgenommen und verraten, wie man da getrickst und getäuscht hat, wie Vereinbarungen gebrochen und wie Vertreter aus armen Ländern erpresst wurden.

 

Die Weltfrauenkonferenz war eine Halbweltfrauenkonferenz

 

Die Machtverhältnisse hatten sich verschoben: Ursprünglich sollten NGOs den politischen Vertretern der Vereinten Nationen Hilfestellungen bieten, inzwischen dominieren sie die. Frauenverbände aus reichen, westlichen Ländern sind um ein Vielfaches besser ausgestattet als die Regierungen armer Länder und nutzen schamlos ihren Standortvorteil, um Vertreter aus kleinen Ländern zu bloßen Statisten zu degradieren. Dale O’Leary beschreibt diesen neuen „Kolonialismus der weißen Frau“ in ihrem Buch ‚The Gender Agenda’.

Natürlich herrschte in Peking ein männerfeindliches Klima. Was denn sonst? Es wurden pauschal alle Männer außen vor gelassen: „Männer raus!“, hieß die Parole. Das war die conditio sine qua non. Daran hatten wir uns gewöhnt, seit wir die Trennungs-Propaganda-Sprache übernommen hatten, die ich in beschrieben habe, als ich von dem ersten Schritt gesprochen habe ­– dem ersten Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit.

 

Streng genommen gibt es gar keine Frauenthemen, die nicht ebenso für Männer von Belang sind. Doch die Aktivistinnen der Weltfrauenkonferenz entziehen sich jedem Dialog; sie glauben offenbar selber nicht, dass sich ihre Argumente in einer offenen und fairen Diskussion bewähren würden. Sie sind feige Despoten. Zuerst werden Beschlüsse ohne eine Möglichkeit der Mitwirkung von Männern gefasst, dann wird ihnen das Ergebnis vorgesetzt wie einem Verlierer, der bedingungslos kapituliert hat.

 

Frauen und Männer – das sagt man heute nur noch so

 

Die bekannteste Vordenkerin ist Judith Butler, die sich als Lesbin bezeichnet. Sie gehört zur Führungsspitze der IGLHR (International Gay and Lesbian Human Rights Commission), einer internationalen Homosexuellenorganisation und war aktiv an der Vorbereitung für die Weltfrauenkonferenz in Peking beteiligt. Ihr erklärtes Ziel ist die Dekonstruktion, also die Auflösung des Mann- und Frauseins.

 

Sie behauptet ausdrücklich, dass das soziale Geschlecht und der Körper „diskursiv“ hervorgebracht, also sozial konstruiert seien. Damit wird dem so genannten Diskurs eine überverhältnismäßige Bedeutung verleihen. In ihren Augen ist der Diskus sogar entscheidend. Im Rahmen historisch gewachsener „Sprache“, so meint sie, seien Bezeichnungen herausgebildet worden, welche aufgrund ständiger Wiederholungen den Charakter des „Unhinterfragbaren“ und „Natürlichen“ gewinnen würden.

 

Erst durch Sprache würde also etwas Natürliches geschaffen, zumindest etwas, das so aussieht und den Charakter des Natürlichen hat. Es sei folglich, so meint sie, nur eine Art Gewöhnung, dass wir unseren Körper und seine Anatomie aus einer zweigeschlechtlichen Perspektive als männlich oder weiblich bezeichnen.

 

Diese äußerst kühne These, für die es keine Begründung gibt, die aber mit Nachdruck vertreten wird, hat sich erfolgreich durchgesetzt. Nun verstehen wir auch, weshalb die Vertreter der Gender-Theorie so großen Wert auf Sprache legen und darauf bestehen, uns einen Sprachgebrauch vorzuschreiben, der zu der Erschaffung eines neuen Verständnisses von Mann und Frau führen soll.

 

Der Mensch kommt in die Bio-Tonne

 

Das Zauberwort „gender“ kommt in einer der Erklärungen von New York mehr als 200 Mal vor, doch kaum einer der angereisten Delegierten konnte damit etwas anfangen. Ihnen ging es nicht besser als uns. Viele dachten, „gender“ wäre nur ein vornehmes Wort für „sex“, das man aus Rücksicht auf Teilnehmerinnen, die sich durch das Wort „Sex“ abgeschreckt fühlen könnten, eingeführt hätte.

 

Die Delegierten mussten im Wörterbuch nachgucken. Da stand etwas vom „sozialen“ und vom „grammatischen“ Geschlecht. Sie konnten nicht ahnen, was sich da zusammenbraute: Die Gender-Perspektive sollte an die Stelle eines Blickes auf die Biologie treten; die sozialen Faktoren sollten nicht etwa als Ergänzung, sondern als Ersatz für die natürlichen Einflüsse gesehen werden. Sonst wäre es auch nichts Neues; Soziologie gibt es schon lange. Neu war die vollständige Absage an die Natur, wie wir sie schon früh bei Simone de Beauvoir und – auf die Spitze getrieben – bei Judith Butler formuliert finden. Demnach haben wir nicht etwa ein natürliches und ein soziales Geschlecht, sondern nur noch ein soziales. Das stand so nicht im Wörterbuch. Da stand auch nicht, dass Lesben, Schwule und Transsexuelle neuerdings als eigenständige Geschlechter gelten.

 

Wie gelähmt haben wir die Ziele dieser „Pekinger Aktionsplattform“ über uns ergehen lassen, vorbei am Bundesrat, abseits jeder öffentlichen Diskussion. Erst so langsam wird deutlich, was wir uns da eingefangen haben und wie sehr es in unser Leben eingreift. Vorgesehen sind die Förderung von Homosexualität sowie die sexuelle Früherziehung in Schulen. Es ist außerdem vorgesehen, dass fünfzig Prozent aller Arbeitsplätze in allen Berufssparten mit Frauen zu besetzen sind, notfalls zwangsweise. Dieser Zwang gilt als die neue Gerechtigkeit.

 

Diese „Geschlechtergerechtigkeit“ sollen wir in der Sprache zum Ausdruck bringen. Was kommt dabei heraus? Die Sprache wird undeutlich. Sie ist an einem modischen Ideal orientiert, das wir morgen oder spätestens übermorgen als falsches Ideal ansehen werden. Sie ist in den Wind gesprochen.

 

Dieses war der zweite Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Teil 2:

Gender und das Ende der Geschlechter, wie wir sie kennen

Nach dem ersten Schritt kommt der zweite. Wir haben A gesagt, nun sollen wir B sagen. Die Stimme im Navi, die uns unablässig ermahnt hatte „Bei der nächsten Gelegenheit, bitte wenden“, haben wir überhört. Wir sind weiter gefahren, die geschlechtergerechte Sprache war eine Zwischenstation. Nun geht es weiter in Richtung gendergerechte Sprache.

 

Nun soll gegendert werden mit Rücksicht auf diejenigen, die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen können und die sich unwohl fühlen, wenn sie als männlich oder weiblich angesprochen werden. Diese Entwicklung wurde von der Weltfrauenkonferenz eingeleitet, bei der die Trennung von Frauen und Männern schon vorausgesetzt war; sie steht im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Homophobie und Transphobie und der Einführung von sexueller Vielfalt in die Bildungspläne für die Schulen.

 

Die Sprachvorgaben des zweiten Schritts fordern das Partizip als – angeblich – neutrale Form, also zum Beispiel die Umbenennung des Studentenheimes in „Studierendenheim“, sie verlangen den Unterstrich, der symbolisch Platz bieten soll für die, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, oder das Gender-Sternchen. Also: „Schriftsteller_innen“, „Schriftsteller*innen“ oder „Schreibende“. 

 

Die Doppelnennungen, die im ersten Schritt gefordert wurden, ist nicht mehr nötig. Das macht die Forderung nach gerechter Sprache unglaubwürdig und erklärt die Forderungen des Sprachfeminismus im Nachhinein für ungültig. Kaum haben wir uns an die Formulierung „Studentinnen und Studenten“ gewöhnt, kommt die neue Parole: Es soll jetzt „Studierende“ heißen. Hier offenbart sich, wie zeitgebunden und unzuverlässig das Ideal der Gerechtigkeit ist, hinter dem alle herlaufen sollen.

 

Als wir „Studentinnen und Studenten“ sagten, sind wir den Frauen gerecht geworden (besser gesagt den Feministen), aber nicht denen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können. Denen sollen wir jetzt gerecht werden. Aber: Wenn wir nun „Studierende“ sagen, stellt sich die Frage: Gilt plötzlich das Argument nicht mehr, dass Frauen unterdrückt und ausgegrenzt werden, wenn man nicht die Innen-Form verwendet? Wieso sind die Vertreter der gerechten Sprache einverstanden, wenn man „die Studierenden“ sagt, machen einem aber einen moralisierenden Vorwurf, wenn man „die Studenten“ sagt? Das sollten sie mal erklären.

 

Hinter den Handreichungen und Ratschlägen stecken offene Drohungen gegen alle, die sich nicht beugen wollen. Es ist längst soweit, dass es als Vorwurf gilt, wenn jemand „bewusst nicht gendert“. Immer mehr Universitäten verweigern inzwischen die Annahme von Arbeiten, die nicht gegendert sind.

 

Wir sollen alle gendern. Kirchen, Gewerkschaften, Rundfunkanstalten, Parteien, Universitäten, Gemeinden – ja, man hat den Eindruck, dass jeder Alpen- und Tierschutzverein mitmacht – alle geben Anleitungen heraus, wie man gendern soll, wie eine „geschlechtergerechte Sprache“ im Alltag umgesetzt werden kann, um nicht als rechtspopulistisch erkannt und verdammt zu werden. Der Ton ist rau geworden. Wer nicht gendern will, gilt als Nazi. Es drohen Strafen.

 

Fußnoten und Tipps:

Wenn man die Sprachregeln wirklich diskutieren wollte, sollte man die Für- und Gegensprecher zu einer fairen Diskussion einladen.

 

Wird es so eine Diskussion im Lutherjahr geben? Werden dabei die Argumente von beiden Seiten gleichermaßen gehört werden? Wir werden sehen. Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus. Es gibt ein deutliches Ungleichgewicht, das offenbar gewollt ist. Die Genderdebatte der evangelischen Kirche folgt dem Motto: 5 gegen Willi. Ich bin der Willi.

 

Außerdem wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.

 

 

 

 

 

Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 1

 

Gute Frage. Darüber soll auch im Rahmen des evangelischen Kirchentages gesprochen werden. Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten), an der ich teilnehmen werde, sollen wir uns fragen, wie weit wir schon gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“.

 

Das wollte ich schon lange wissen. Ich möchte hier kurz die Entwicklung aus meiner Sicht beschreiben. Doch zunächst will ich ein Zitat voranstellen: Konfuzius wurde einmal gefragt, was er als erstes machen würde, wenn er ein Land zu regieren hätte.

 

„Ich würde vor allem die Sprache verbessern. Wenn die Sprache nicht einwandfrei ist, sagt man nicht, was man meint. Wenn das Gesagte aber nicht das ist, was man meint, bleibt ungetan, was getan werden soll. Wenn es ungetan bleibt, verfallen die Sitten und Künste und das Recht geht in die Irre. Wenn das Recht in die Irre geht, ist das Volk hilflos und unsicher. Deshalb darf in dem, was gesagt, nichts Willkürliches sein. Es gibt nichts Wichtigeres.“

 

So ist es. Unsere Sprache ist verdorben und wir gehen in die Irre. Wie konnte es dazu kommen? In zwei Schritten: im ersten haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen, als lebten sie nicht miteinander, sondern gegeneinander. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und ganz neu denken. Ich will in diesem Teil zunächst nur den ersten Schritt vorstellen.

 

 

Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wer A sagt, muss auch B sagen. Sagt der Volksmund. Bertholt Brecht ist da anderer Meinung. Er findet, wer A gesagt hat, muss nicht B sagen, er kann auch einsehen, dass A falsch gewesen ist. Doch wer mag schon zugeben, dass er bisher etwas falsch gemacht hat? Mark Twain hat es so zusammengefasst: Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als ihnen klar zu machen, dass sie getäuscht worden sind.

 

Wir sind getäuscht und schrittweise in die falsche Richtung gedrängt worden und können uns nicht mehr erinnern, wann wir angefangen haben, A zu sagen, obwohl wir es gar nicht sagen wollten und damals schon als falsch empfunden haben. 

 

Friedrich Schiller meinte: „Wie menschlich Menschen sind, zeigt ihr Umgang mit der Muttersprache.“ Das ist lange her. Die feministischen Sprachforscherinnen sehen unsere Muttersprache als böse „Männersprache“, die Frauen unterdrückt. Sie muss dringend menschlicher gemacht werden, indem man sie weniger männlich macht – je weniger Mann, desto mehr Mensch, lautet die Parole. Sie behaupten sogar, dass Frauen durch die Sprache, wie sie bisher war, vergewaltigt würden.

 

Die wollen bestimmt nur spielen

Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz sind die lautesten Wortführerinnen. Auch wenn ihre Namen so klingen, als hätte Loriot sie ausgedacht, sie haben keinen Humor. Sie sind nicht bloß unfreundlich, sie sind feindselig. Sie gefallen sich in Sticheleien.

 

Luise F. Pusch findet, dass man Frauenfußball lieber „Fußball“ nennen sollte und das, was wir bisher unter „Fußball“ verstanden haben, als Männerfußball bezeichnen sollten; denn nur Frauenfußball sei richtiger Fußball. Vielleicht hat so ein Auftreten dazu beigetragen, dass man solche Stimmen nicht ernst genommen hat. Man hat nur müde gelächelt, wenn man ein Schreiben an die „Mitgliederinnen und Mitglieder“ erhielt. Man hat das als Kuriosität durchgehen lassen. Linke Tagesszeitungen wie die ‚taz’ und das ‚Woz’ haben das umso begeisterter aufgegriffen und das so genannte Binnen-I – wie in LeserInnen – kreiert, um damit zu betonen, dass sie Frauenanliegen in jeder Hinsicht unterstützen.

 

Erst sollten wir Innen-Schwänzchen anhängen

Wir haben seit den siebziger Jahren eine regelrechte Innen-Invasion erlebt. Schriftsteller hießen nun: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“. Wir wurden überschwemmt mit Innen-Formen, mit Doppelnennungen, Schrägstrichen und Klammern, die dazu führten, dass die Sprache unaussprechlich wurde und dass unser Computer eine BenutzerInnenoberfläche hat. Viele Männer haben das als Gebot der Höflichkeit missverstanden. Darum ging es nicht. Es ging darum, die Geschlechter-Apartheid einzuführen.

 

Die Kluft zwischen Männern und Frauen sollte vertieft werden. Die feministische Parole „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ beschreibt die grundsätzliche Unversöhnlichkeit der Geschlechter, sie beschreibt eine Dissoziation (im Gegensatz zur Assoziation). Männer und Frauen leben demnach in verschiedenen Sphären; dass sie jemals etwas miteinander zu tun haben könnten, liegt außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Feministen wollen keine Vereinigung der Geschlechter. Sie wollen die Scheidung, die seit der Reform des Scheidungsrechtes von 1976 zu einem Massenphänomen geworden ist.

 

Dabei ist die Innen-Form überflüssig; wir konnten uns bisher sehr gut ohne Innen-Schwänze verständigen. Ich bin so alt, ich kann mich noch erinnern. Wenn ich sagen wollte, dass beispielsweise eine Gruppe von Schriftstellern ausschließlich aus Frauen besteht und ich das gesondert hervorheben wollte – was meistens nicht der Fall war –, dann konnte ich sagen „weibliche Schriftsteller“. Man konnte das sogar differenzieren und von „überwiegend weiblichen“ oder „ausschließlich weiblichen“ Schriftstellern reden. Voraussetzung ist dabei, dass die Bezugsgruppe als einheitliche Gruppe erhalten bleibt und dass es einen gemeinsam genutzten Begriff für diese Gruppe gibt – nämlich die „Schriftsteller“.

 

Die Formulierung „weibliche Schriftsteller“ erscheint uns deshalb so ungewöhnlich, weil wir sie (fast) nie benutzt haben. Es gab dafür keinen Anlass. Es gibt auch heute keinen. Wir brauchen keine Innen-Form. Die Innen-Form ist das „Willkürliche“, von dem Konfuzius meint, dass es so etwas in der Sprache nicht geben dürfe. Sie beruht auf dem Missverständnis, dass das grammatische Geschlecht eine Aussage über das natürliche Geschlecht mache.

 

Politisch korrekt, sachlich falsch

Exklusiven Frauengruppen wurden damals überhaupt erst erschaffen oder einfach behauptet. In der Zeit entstanden Frauenhäuser, Frauenbuchläden, Frauenparkplätze, Frauentaxen, Frauencafés und schließlich mit Rita Süssmuth erstmalig ein Ministerium für „Frauen“. Damit wurde der Sprachfeminismus amtlich und in der Politik hörte man von nun an Doppelnennungen.

 

Wenn Ursula von der Leyen über die gefallenen deutschen „Soldatinnen und Soldaten“ spricht, tut sie das aus Prinzip, nicht etwa, weil tatsächlich ein weiblicher deutscher Soldat in Afghanistan gefallen wäre. Die „gerechte“ Ausdrucksweise ist wichtiger geworden als die angemessene. Ideologie triumphiert über Wirklichkeit. Die Sprache wird unwahrhaftig.

 

Arthur Brühlmeier hatte schon früh vor den Risiken und Nebenwirkungen der Doppelnennung und der Innen-Form gewarnt, unter dem Titel „Sprachfeminismus in der Sackgasse“ kann man das nachlesen. Was ist das Problem? Es geht uns mehr und mehr der Begriff für das Gemeinsame verloren und damit verlieren wir auch eine Vorstellung von dem Gemeinsamen. Wir erleiden, wie es Arthur Brühlmeier sagt, den „Verlust des wichtigsten Oberbegriffs der deutschen Sprache, nämlich des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefassten Menschen.“ Friedrich Schiller dreht sich im Grabe um (aber das tut vermutlich sowieso).

 

Ein Bruch ohne gemeinsamen Nenner

Am Wahlabend wird nur noch von „Wählerinnen und Wählern“ gesprochen. Bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg wird von „Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern“ gesprochen, als hätten wir es mit einem Bundesland zu tun, das aus zwei Landesteilen zusammensetzt ist und einen gemeinsamen Namen führt – nämlich Baden-Württemberg –, allerdings unter einer Wählerschaft leidet, die aus zwei Gruppen besteht, die sich auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnten: „Wähler“ empfinden sie nicht als richtige Bezeichnung und reden von „Wählerinnen und Wähler“.

 

Was uns zunächst als unbedeutende Verrücktheit erschien, ist inzwischen zur Norm geworden. Aus dem Abseitigen wurde das Gängige. Wie konnte soweit kommen? Schritt für Schritt. Erst sagten wir A, dann sagten wir B. Wir haben erst eine Kröte geschluckt, dann unser Geschmacksempfinden verloren und schlucken nun eine Kröte nach der anderen.

 

Idiotinnen und Idioten durch Trennung

Eine weitere Station auf dem Weg in die falsche Richtung war die Bibelübersetzung in „gerechter“ Sprache. Da lesen wir von „Makkabäerinnen und Makkabäern“, als hätte es damals schon eine bisher verschwiegene Geschlechtertrennung gegeben. Wir nehmen das hin, auch wenn wir wissen, dass es falsch ist. Es gab auch keine „Jüngerinnen“. Die Bibelübersetzung ist sowieso keine „Übersetzung“, also eine Übertragung von einer Sprache in eine andere, sondern eine Interpretation – was eine Übersetzung nicht sein darf.

 

Eine „gerechte“ Sprache gibt es nicht. Gerechtigkeit kann man nicht beanspruchen, sie wird einem zuteil. Von einer neutralen Instanz. Wer aber sollte in dem Fall als neutrale Instanz Gerechtigkeit schaffen und ein gerechtes Urteil fällen? Wenn sich die Klägerin selbst zum Richter macht, entsteht eine Tyrannen-Gerechtigkeit, besser gesagt: eine Tyranninnen-Gerechtigkeit.

 

Egal. Wir Leserinnen und Leser haben uns daran gewöhnt wie die Idiotinnen und Idioten. Wir nehmen die Falschheiten hin. Nun reden wir so: „Frauen sind die besseren Autofahrerinnen und Autofahrer“. „Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin …“

Dieses war der erste Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Fußnoten:

Teil 1:

Geschlechtertrennung, Verlust der Gemeinsamkeit:
Erst hatten wir den Sprachfeminismus, der uns die so genannte „gerechte“, „geschlechtergerechte“ oder auch „geschlechtersensible“ Sprache gebracht hat. Von „gender“ war in den siebziger Jahren noch nicht die Rede, „gender“ war noch ein Fremdwort. Wir sollten zunächst Frauen bei jeder Gelegenheit explizit benennen, weil sie sich sonst – angeblich – diskriminiert fühlen. Tatsächlich sollte damit eine Männerfeindlichkeit zum Ausdruck gebracht und eine Geschlechterapartheid eingeführt werden. Die erste Phase steht im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Ministeriums für Frauen und exklusiven Räumen für Frauen wie etwa den Frauenparkplätzen.

 

Die Sprachvorgaben in der ersten Phase verlangten die Innen-Form bei der Pluralbildung, die Doppelnennungen , das Binnen-I und die Abschaffung von Begriffen, in denen Frauen und Männer gemeinsam Platz finden. Wir sagten also: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ – keinesfalls: „Schriftsteller“. Diese Form, die bisher als übergeschlechtliche Pluralform galt, wird nun trotz des weiblichen Artikels als „männliche Form“ gesehen, als „generisches Maskulinum“ und muss deshalb gemieden und bekämpft werden.

Tipps:

Woher kommt der Dampf?

Viele halten die geschlechtergerechte Sprache für eine Politikersprache, die wir nicht ernst nehmen müssen. Der Amtsschimmel wiehert eben gerne. Doch mir fällt etwas auf. Die Sprache der Verwaltung und der Bürokratie war früher eine beliebte Zielscheibe für Hechelscherz und Spottlob (diese Begriffe hatte einst Joachim Heinrich Campe vorgeschlagen als Ersatz für „Ironie“). Über die feministische Sprache wird selten gespottet. Hier hört der Spaß auf. Vielleicht liegt es daran, dass die Auseinandersetzung über den Sprachfeminismus jenseits von Ernsthaftigkeit und Humor liegt – d.h. man kann nicht ernsthaft darüber diskutieren und auch nicht darüber lachen. Die Scharfmacherinnen sind humorfern, sie stehen voll unter Dampf. Sie sind diejenigen, bei denen wir nachschauen sollten, was sie über die Sprache sagen. Alle anderen sind nur Mitläuferinnen, sie sind nur die Anhänger. Wer aber sind die Lokomotiven?

 

Soldatinnen und Soldaten

Wie verkrampft sich das anhört, sieht – und hört – man hier.

 

Arthur Brühmeier

hat mir geschrieben, dass sein Eintrag bei Wikipedia immer wieder verschwindet. Seinen hier zitierter Text, auf den ich immer wieder gerne hinweise, halte ich für einen Schlüsseltext: er ist kurz, sachlich und in einem überaus freundlichem Ton geschrieben. Sprachfeminismus in der Sackgasse.

 

Für eine sanfte Revolution der Sprache

So heißt die Veranstaltung. Es wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.

 

 

 

 

Siebenter Brief

 

 

Briefmarke

 

Das gefährliche Halb-Wissen-Wollen

 

 

 

 

Liebe Frauen

 

Wenn Sie bedenken, dass ich mit einem „Doppelherz“ bei der Friedensbewegung war, dann verstehen Sie vielleicht, dass ich mich nicht darüber gefreut habe, dass mein dickes Buch Auf dem schwarzen Schiff von der Kritik als „Animal Farm der Friedensbewegung“ bezeichnet wurde, als Beispiel für die „Dialektik der Aufklärung“.

 

Es klingt eigentlich ganz gut. Es verleiht dem Buch eine gewisse Bedeutung. Aber es wirkt auch so, als hätte ich die Friedensbewegung verraten, als hätte ich sie feige im Stich gelassen und würde nun gegen sie aussagen. Das wollte ich nicht. Inzwischen bin ich unsicher. Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Pazifismus halten soll – und was von einer neuen Kriegsgefahr.

 

Ein möglicher Titel für das Buch, der lange zur Diskussion stand, war zum Beispiel: Die Friedenspiraten. So sahen sich die Aktivisten nämlich selber: als Piraten für den Frieden.

 

Was hatten sie vor? Sie wollten auf Segelschiffen verbotene Bücher nach Afrika bringen. Es sollte eine künstlerische und zugleich politische Aktion sein; eine Aktion, die symbolisch und zugleich konkret ist. Sie wollten damit Frieden nach Afrika bringen.

 

Ja, tatsächlich: Bücher bringen Frieden. Das haben sie wirklich gedacht. Es ist gar nicht so naiv, wie es auf den ersten Blick erscheint. Bücher können Türen zu anderen Welten öffnen, sie können Verständnis für das, was man noch nicht kennt, ermöglichen. Bücher können die Leser in der Kunst einüben, sich dem anderen anzunähern und über den Tellerrand der Ichbezogenheit hinauszugucken.

 

Diese Idee stand auch hinter dem Programm, das mich einst als Austauschschüler nach Michigan gebracht hat. Entstanden waren solche Programme aus den Erfahrungen des letzten Krieges. Die neue Jugend sollte sich nicht in Organisationen wie der Hitler-Jugend austoben, vielmehr sollte sie sich mit anderen Lebensweisen in anderen Gesellschaften auseinandersetzen und versuchen, in der Fremde wie unter Freunden zu leben.

 

Solche Jugendlichen würden sich nicht mehr so leicht in einen Krieg schicken lassen. Denn Verständnis und Wertschätzung für den anderen immunisiert gegen Hetze und Propaganda und arbeitet damit auch gegen den Krieg. So konnte man noch in den 70er Jahren argumentieren, wenn man begründen wollte – und das musste man auch –, warum man den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. Das habe ich getan. Ich denke im Grunde immer noch so, und es gefällt mir, was in dem Briefwechsel von Albert Einstein an Sigmund Freud steht, da heißt es: „Alles, was der Kunst dient, arbeitet auch gegen den Krieg.“

 

Auch Malala Yousafzai, die mit 18 die bisher jüngste Friedensnobelpreisträgerin ist, fragt in aller Unschuld: „Wieso ist es so leicht, Waffen zu geben, aber so schwer, Bücher zu geben? Wieso ist es so einfach Panzer zu bauen, aber so schwer Schulen zu errichten?“ Auch sie teilt diesen zerbrechlichen Traum: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und Stift können die Welt verändern.“

 

Die Hippies gingen noch weiter. Sie wollten nicht nur, dass die Menschen lesen, Musik hören und sich besser verstehen, sie sollten sich auch lieben:

 

Make Love. Not War.

 

Remember? Das war die berühmte Hippie-Parole. Ob man tatsächlich Liebe „machen“ kann, lasse ich mal dahingestellt sein. Ich hatte von Anfang an meine Zweifel, ich war aber auch schwer beeindruckt von der praktischen Art der Amerikaner, die kurzerhand die Milch in Cornflakes-Packungen schütteten und die Turnschuhe gleich mit in die Waschmaschine steckten zu den T-shirts mit der Aufschrift „Just do it“.

 

Sei’s drum. Ich nehme zur Kenntnis, dass wir das heute so handhaben wollen: Liebe „macht“ man, Sex „hat“ man. Na dann: viel Spaß. Für mich klingt es schon wieder nach einem Open-Air-Festival bei freiem Eintritt und mit einer Musik, bei der sich am Ende alle in den Armen liegen. Es kommt mir zu schön vor, um wahr zu sein, aber vielleicht bin ich auch ein schwieriger Fall mit ungewöhnlich trägem Herzen. Ich sollte mich nicht so anstellen und nicht immer so kritisch aus der Wäsche gucken.

 

Das tue ich aber. Und ich werfe weiterhin einen kritischen Blick auf die Feministen. Die haben nämlich den alten Hippie-Spruch umgedreht: Sie wollen zukünftig keine Liebe mehr zwischen den Geschlechtern – das meinen sie wirklich so, wir sollten uns darüber nicht hinwegtäuschen. Es gibt viele Zitate, die das belegen und viele Taten, die es beweisen. Sie haben stattdessen den Geschlechter-Krieg erklärt:

 

Make Sex War. Do Not Make Love.

 

So ein Krieg geht notwendigerweise gegen alles, was gegen den Krieg arbeitet. Also: gegen die Kultur. Gegen den Dialog. Gegen die Möglichkeiten der Verständigung. Gegen eine Wertschätzung des anderen.

 

Es ist also keine Überraschung: Der Feminismus bringt neue Bücherverbote mit sich. Neue Formen der Zensur. Neue Denkverbote. Neue Verständigungsverbote. Boykott von Diskussionsveranstaltungen. Offene Gewaltdrohungen gegen Männer, die sich für ihre Interessen einsetzen wollen. Das Niederbrüllen von Rednern.

 

Deswegen ist auch der ständige Angriff auf die Sprache von Seiten der Feministen keine Kleinigkeit. Auch wenn es auf manche so wirkt. Ich nehme das ernst. Ich tue das nicht, weil ich – wie man leichtfertig sagen könnte ­– Sprache liebe. Ich liebe die Sprache natürlich nicht, ich liebe Menschen.

 

Ich habe auch nichts gegen Veränderungen. Erst recht nicht gegen kreative Neuerungen. Auch nicht in der Sprache. Aber was uns mit der „geschlechtergerechten“ Sprache zugemutet wird, ist nicht nur eine Verhunzung, wie oft gesagt wird, es ist eine vorsätzliche Beschädigung, mit der das Miteinanderreden beendet wird. Es wird die Grammatik durcheinandergebracht. Es werden Begriffe umgedeutet. Es werden die Menschen verwirrt.

 

Alle, die sich frei von der Leber weg äußern wollen, werden gedemütigt, weil man sie nötigt, etwas zu sagen, das sie gar nicht sagen wollen und gestern noch als falsch empfunden haben. Die feministische Auffassung, dass bei jeder Gelegenheit die Unversöhnlichkeit der Geschlechter betont und grundsätzlich alles, was irgendwie „männlich“ wirkt, als böse anzusehen ist und wie Unkraut ausgerottet werden muss, wird als gegeben vorausgesetzt. Mit jeder Formulierung sollen wir uns dazu bekennen.

 

So können wir nicht mehr miteinander reden.

Doch genau das möchte ich weiterhin tun.

Deshalb diese Seite.

 

Deshalb der Versuch zur „Rettung der Liebe“, wie es im Untertitel zu den drei Frau-ohne-Welt-Büchern heißt. Ich weiß selber, dass es pathetisch klingt. Aber darum geht es. Und was ist Liebe? What is love anyway? Liebe ist ein Versprechen. Liebe ist ein guter Plan. Liebe vergrößert.

 

Sie beginnt mit dem Verstehen, mit dem Erkennen, wie es schon Adam und Eva geschafft haben. Deshalb ist es auch so schädlich, wenn man nicht neugierig ist, wenn man gar nicht erst etwas erkennen will (weil man glaubt, schon alles zu wissen), wenn man den anderen ignoriert, ihn ausschließt und den Blick mit Vorverurteilungen verstellt. Wie es die Feministen mit ihrer aufgesetzten Halbblindheit tun. Doch ich will nicht nur über den Schaden jammern, sondern den Nutzen betonen.

 

Der Nutzen liegt in der Möglichkeit, die Zukunft zu gewinnen, sich an einer „dritten Sache“ zu beteiligen, die größer ist als man selber.

 

Damit endet der siebente Brief

Mit herzlichen Grüßen

von

Bernhard Lassahn

 

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Ringo in der Regionalbahn

 

 

KleineZone

 

 

Heute können wir drüber lachen, weil wir inzwischen wissen, dass damals nichts passiert ist. Doch bei ihrem letzten Konzert 1966 in San Francisco mussten die Beatles um ihr Leben fürchten. Es gab ernst zu nehmende Hinweise auf geplante Anschläge. Zur Sicherheit ließ man eine leere Luxuslimousine mit getönten Scheiben am Konzertort vorfahren, während sich die Beatles selbst in einem unscheinbaren Auto versteckt hielten. Außerdem wurde extra ein Polizist abbestellt, der sich stets in der Nähe vom Schlagzeug aufhalten musste.

 

Ringo erinnert sich – wenn auch ungern –, er hatte sich die bange Frage gestellt, was dieser Polizist wohl täte, wenn auf ihn oder die anderen Beatles geschossen würde. Würde er aufspringen und die Kugeln wie ein Baseball-Spieler auffangen? Die verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen verschafftem ihm nicht etwa ein gutes Gefühl, sondern ein schlechtes. Sie stärkten nicht sein Sicherheitsgefühl, sondern sein Unwohlsein. Ringo ist nicht dumm. Ihm war klar, dass sein persönlicher Schutzmann, den er nicht wollte und auch nicht bestellt hatte, keinen Schutz bieten konnte. Er machte ihm nur deutlich, wie ernst die Bedrohung genommen wurde.

 

Die Beatles hatten nach kurzer Show – ohne Zugabe – geradezu fluchtartig das Stadium im Candlestick Park verlassen. Ihnen war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Es sollte dann auch, wenn man vom Rooftop-Konzert für den Film ‚Let It Be’ absieht, ihr letzter öffentlicher Auftritt gewesen sein.

 

Man kann Ringo verstehen. Er hatte es mit einem besonderen Gefühl zu tun: Nennen wir es – so lange mir nichts Besseres einfällt – das Ringo-Feeling. Es ist das Gefühl, hilflos einer unheimlichen Gefahr ausgesetzt zu sein, vor der man einerseits eindringlich gewarnt wird, während einem andererseits deutlich gemacht wird, dass man davor nicht geschützt ist.

 

Coach

 

 

Dieses Feeling soll nun auch Frauen geboten werden, die auf der Strecke Leipzig-Chemnitz mit der Regionalbahn fahren. Aber nur in kleiner Dosis. Das Feeling ist im Fahrpreis inbegriffen. Die Mitteldeutsche Regionalbahn richtet spezielle Abteile für Frauen ein, die zu ihrer Sicherheit nicht weit vom Dienstabteil entfernt sind. Damit soll das Sicherheitsgefühl gestärkt werden. So heißt es. Doch es wird aller Voraussicht nach kein gutes Gefühl dabei entstehen, sondern ein schlechtes – wenn auch nicht so schlecht, wie einst bei Ringo. Die Frauen in der Regionalbahn werden sich nicht sicherer fühlen, sondern unsicherer. Denn so blöd sind weder Frauen noch Schlagzeuger. Sie wissen genau, dass ihnen im Notfall kein Schutz geboten wird. Doch so ein Notfall wird heraufbeschworen, er wird als durchaus wahrscheinliche Möglichkeit vorausgesetzt. Die Einrichtung dieser Abteile beweist es ja. Sonst hätte man nicht zu solchen Maßnahmen greifen müssen.

 

So werden Ängste geschürt. Das ist nicht gut; denn das Schüren von Ängsten ist etwas, das – wie es heißt – nur Rechtspopulisten tun. Und die sollten das nicht tun, sie sollten es bleiben lassen. Doch nun ist es passiert. Frauen wird Angst gemacht. Und dann werden sie mit ihren Ängsten allein gelassen. Es liegen keine Broschüren aus, in denen in mehreren Sprachen die Risiken und Nebenwirkungen beschrieben und Verhaltensmaßregeln für die richtige Nutzung der Abteile gegeben werden.

 

Was nun? Was sollen die Frauen tun, wenn plötzlich ein privilegierter, älterer, weißer Mann auftaucht, für den Alltagssexismus bekanntlich ganz normal ist? Was sollen sie tun, wenn er anfängt, einen Herrenwitz zu erzählen? Sollen sie ihn aus dem Abteil verweisen, bevor er zur Pointe vordringt? Notfalls mit Gewalt? Sollen sie die Notbremse ziehen? Und wenn ein Mann kommt, der eine andere Sprache spricht und ein ganz anderes Frauenbild hat als der allseits gefürchtete privilegierte, ältere, weiße Mann – was dann? Wenn es ein Mann ist, der offensichtlich aus einem anderen Kulturkreis kommt, der nicht alt, nicht weiß und nicht privilegiert ist. Ist die Gefahr dann größer? Oder nicht so groß? Ist so eine Frage überhaupt noch zulässig? Oder gilt sie als rassistisch? Nächste Frage: Ist es zulässig, nachzufragen, ob so eine Frage zulässig ist? Es ist heikel. Denn wir sollen nicht verallgemeinern und pauschal beschuldigen, wir wollen aber auch die Ängste der Frauen nicht banalisieren. Also, wie ist es? Wie groß ist die Gefahr? Von wem geht sie aus?

 

Coach

 

 

Bei den Beatles war die Gefährdung konkret. Sie richtet sich nicht gegen Popgruppen im allgemeinen, sondern speziell gegen John Lennon. Man wusste auch, wodurch sie ausgelöst worden war und von wem sie ausging. Der Ku Klux Klan und andere religiöse Gruppen hatten nach der Bemerkung, dass die Beatles populärer seien als Jesus, Rache-Aktionen angekündigt, LPs verbrannt und Beatles-Puppen gekreuzigt. Bei dem Konzert in Memphis wurden Knallkörper auf die Bühne geworfen. Auf ihren Hubschrauber wurden geschossen. Wie wir heute wissen, haben die Beatles überlebt. Dass John Lennon später von einem verrückten Einzeltäter erschossen wurde, konnte keiner verhindern und hatte mit dem damaligen Aufruhr nichts zu tun. Vielleicht war die Gefahr 1966 gar nicht so groß gewesen, wie alle dachten. Vielleicht waren es nur hoch gekochte Gerüchte, von denen sie verrückt gemacht wurden. Vielleicht war es sogar eine makabere Kampagne gewesen, um den Kartenverkauf anzukurbeln.

 

Feministen sehen sich nicht mehr als Opfer, sondern als Überlebende. Sie haben es bisher geschafft, die „rape-culture“, in der sie heute leben müssen, zu überleben, allerdings nicht ohne schwere Schäden zu erleiden. Wehe, es wagt jemand zu behaupten, sie würden heillos übertreiben und das ganze Gekreische und Gejaule wäre nur eine makabere Kampagne, um die Gleichstellungspolitik zu rechtfertigen und neue Straftatbestände für Männer zu schaffen. Wehe, es wagt jemand, zu behaupten, dass Schutzräume „nur für Frauen“ in unseren Breitengraden zu Friedenszeiten ebenso überflüssig sind wie Trigger-Warnungen, die sie davor schützen, ihre traumatischen Erfahrungen noch einmal durchleben zu müssen.

 

Wir kennen das. Wir haben uns längst an Frauenparkplätze und andere Hysterie-Aufladestationen gewöhnt wie etwa an Bibliotheken, die nur Frauen nutzen dürfen. Die Grünen führen sicherheitshalber „frauenöffentliche“, politische Veranstaltungen durch – Veranstaltungen also, bei denen Männer ausgesperrt werden. Es wird etwas sensibler ausgedrückt; denn natürlich sind solche Veranstaltungen „öffentlich“, da kann grundsätzlich jeder hin, aber sie sind „frauenöffentlich“, es kann also doch nicht jeder hin, nur Frauen. Sonst können sie nicht ungestört Politik für alle machen.

 

Wenn man zum Arzt geht, sollte man zwei Fragen beantworten können: Wo genau tut es weh? Seit wann sind die Beschwerden aufgetreten? So hat der Arzt eine gewisse Chance, dem Leiden auf die Spur zu kommen und ein Gegenmittel zu finden. Sonst nicht. Sonst kann er nicht helfen. In unserem Fall können die Fragen nicht beantwortet werden. Damit haben wir schon den Sinn der Sache verstanden: Es soll überhaupt nicht geholfen werden. Es wird keine Linderung angestrebt. Es soll nur gegen Männer gehetzt werden.

 

Coach

 

 

Man könnte sich ja ernsthaft Gedanken zum Thema machen. Haben wir etwa nur auf der Strecke Leipzig-Chemnitz ein Problem? Auf allen anderen Strecken nicht? Das wäre sehr unwahrscheinlich. Es ist auch nicht so. Soeben wird gemeldet, dass auf der Strecke Osnabrück-Cloppenburg eine 22jährige Frau, die in der Nordostbahn eingeschlafen war, gegen 21 Uhr von einem Fremden flüchtig geküsst wurde. Es sieht also ganz danach aus, als hätten wir auf der Leipzig-Chemnitz-Strecke genauso wenige – oder eben auch genauso viele – Problemfälle wie auf allen anderen Strecken auch. Was nun? Müssen nun überall solche Abteile eingerichtet werden? Wir wissen, wann die erste Regionalbahn gefahren ist. Das war 1835. Sie fuhr nicht von Leipzig nach Chemnitz, sondern von Nürnberg nach Fürth. Aber ab wann haben sich da die Übergriffe gegen Frauen so gehäuft, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen? Wie bitte? Die haben sich gar nicht gehäuft? Soll das heißen, dass die Maßnahmen überflüssig sind? Sollte man dann nicht erst einmal eine gut bezahlte Studie nachschieben, die beweist wie gefährlich das Leben für Frauen heute ist? Irgendwas mit Statistiken, die keiner liest.

 

Natürlich sollte man etwas gegen echte Bedrohungen tun. Aber was? Wie? Wo? Wäre es vielleicht eine Überlegung wert, auf manchen Strecken zu bestimmten Zeiten (etwa nachts in der S-Bahn in Berlin), Security mitfahren zu lassen? Das wäre zwar aufwendig, aber so könnte man eventuell helfen. Doch wenn die Bedrohung nicht lokalisierbar ist, kann man nichts machen. Wenn die Bedrohung als allumfassend dargestellt wird und gleichzeitig nur punktuell Schutz angeboten wird, ist es so, als hätte man den Leuten eingeredet, dass jederzeit überall Kometen abstürzen können und dass deshalb zur Sicherheit an zwei Orten in Deutschland Unterstellmöglichkeiten eingerichtet werden. Eine in Chemnitz. Eine in Leipzig. Dann sollen sie doch kommen, die Kometen.

 

Die Sicherheitsmaßnahmen tarnen sich als Service, doch sie sind hinterhältig und bösartig. Sie führen dazu, dass Männer pauschal als Gefahr für Frauen hingestellt werden. Alle Männer. Leider auch der Schaffner, der sein Abteil ganz in der Nähe hat. Wenn der nämlich auch ein Mann ist, wer sagt denn, dass er nicht Teil der Bedrohung ist? Ringo hatte damals eine böse Ahnung. Er fürchtete, dass sein Polizist ihn, wenn er angeschossen am Boden läge, nicht etwa retten, sondern um ein letztes Autogramm bitten würde. Auch der Polizist war Teil des Wahnsinns, der damals um die Beatles tobte.

 

Der Wahnsinn liegt in unserem Fall nicht darin, dass alle Männer im Raum Leipzig plötzlich irre geworden sind und wahllos über Frauen herfallen, der Wahnsinn liegt bei einer infamen Frauenpolitik, die alle Männer abstrafen will, als würden sie jedem Mann in einer imaginären Kartei in Flensburg zwei Punkte verpassen. Grundsätzlich. Weil er ein Mann ist. Wenn sich dieser Mann dann etwas zu Schulden kommen lässt, was nur einen Punkt bringen würde – schon ist der Führerschein weg. Männer werden durch solche Maßnahmen behandelt, als wären sie vorbestraft. Sie sind auf Bewährung und stehen unter verschärfter Beobachtung. Das ist der Sinn der Sache.

 

Coach

 

 

In so einer Stimmung kann Heiko Maas Gesetze und Verbote durchsetzen, die das Klima noch weiter vergiften. Passend dazu gibt es als schrille Begleitmusik den Hashtag #imzugpassiert. Da wird das Verhalten von Männern im Nahverkehr als skandalös hingestellt. Als Zumutung für Frauen. Das muss man sich mal vorstellen: In Deutschland werden tatsächlich Frauen in der Regionalbahn angestarrt, beobachtet und vielleicht sogar berührt. Da liegt Vergewaltigung in der Luft. Die Zustände schreien zum Himmel. Und wenn die Zustände selber nicht schreien, dann tun es die Frauen. Deutsche Denunziantinnen muss man nicht lange bitten: Achtung, fertig, Aufschrei. Schon sind die Giftspritzen zur Stelle, schon sprudeln die kleinen, anonymen Beschuldigungen nur so hervor und tun so, als könnten sie ein Gesamtbild zeichnen. Doch ein Hashtag ist nur ein Mückenschwarm, der sich einbildet, er wäre nahrhaft wie ein kleines Steak. Ein Hashtag ist ein Sturm aus Scheiße; der sich aufspielt, als hätte er Beweiskraft und irgendeinen Aussagewert. Dabei wird nur das Lied der Klamaukgruppe mit dem bezeichnenden Namen Erste Allgemeine Verunsicherung angestimmt: „Das Böse ist immer und überall!“

 

Was passiert denn nun im Zug? Ein Mann schieb vorsichtig die Tür zu dem Sonderabteil auf, in dem zwei Frauen sitzen. „Sind die Plätze noch frei ?Darf ich … ?“, fragt er höflich und rechnet im Stillen damit, dass ihn die Frauen wie in guten, alten Zeiten anschwindeln und behaupten, sie wären besetzt, auch wenn sie es gar nicht sind. Heute kommt es noch schlimmer.

 

„Können Sie nicht lesen?!“, sagt eine der Frauen und deutet auf das Zeichen „Männerfreie Zone“, mit dem das Abteil gekennzeichnet ist.

„Die anderen Abteile sind leider alle voll“, versucht es der Mann.

„Wenn eine Regel nicht konsequent befolgt wird, braucht man sie gar nicht erst einzuführen“, erklärt ihm die andere Frau. „Nun ist die Regel eingeführt.“

„In den anderen Abteilen sitzen aber, so viel ich sehe, überall Frauen und Männer friedlich nebeneinander …“

„Hier nicht!“

„Ich habe einen Behindertenausweis. Allerdings nur vierzig Prozent.“

Die Frauen schütteln energisch ihre Köpfe.

„Ich habe noch nie einer Frau …“

„Das kann alles noch kommen“, unterbricht ihn eine der Frauen und die andere ergänzt: „Selbst in Ihrem Alter, hi, hi, hi.“

„Ich will meine kranke Mutter besuchen …“, versucht er es weiter.

Doch die Frauen unterbrechen ihn sofort. Sie seien schließlich in Deutschland. Ob er nicht wüsste, wie hier Frauen in Angst und Schrecken leben müssen.

Er versucht es mit einem letzten verzweifelten Argument: „Ich habe Migrationshintergrund.“

Doch die Frauen zeigen sich entschlossen: „Männer raus!“ skandieren sie. Als er die Glastür zuschiebt und sich zurückzieht rufen sie ihm noch hinterher: „Überprüfen Sie Ihre Privilegien!“ Eine der Frauen kann auch ein bisschen englisch, schließlich leben sie in einer weltoffenen Gegend: „Scheck juhr Priwilätsches!“

 

Dabei ist es doch so einfach. Man stellt einfach ein Schild auf, dass Monster keinen Zugang haben und schon bleiben die Monster weg:

 

Monsterneu

 

P A S

 

Das Unglück hat drei Buchstaben: PAS.

Die wiederum haben zwei Bedeutungen. Sie stehen entweder für Parental Alienation Syndrome oder für Post Abortion Syndrome.

Einmal bringen sie das Leid der Kinder, die von einem Elternteil entfremdet werden, auf eine Formel, das andere Mal das Leid einer Frau, die es bereut, dass sie abgetrieben hat.

Beide Syndrome können sich zu einem Trauma entwickeln, das lebenslänglich wirkt. Immer, wenn ich diese drei Buchstaben sehe, stelle ich mir vor, dass die Betroffenen ein Brandzeichen haben – etwas, was sie nicht wieder loswerden. Sie sind ein Leben lang gezeichnet. Man sieht es ihnen nicht an, man weiß nicht, an welcher Stelle am Körper sie dieses Geheimzeichen haben.

Das Leid lässt sich nicht fotografieren, es gibt keine Bilder, die es anschaulich machen, es gibt auch keinen Zeitpunkt, an dem man sagen kann, dass es jetzt gerade spürbar ist. Es gibt immerhin ein paar Zahlen. Der Verein agens hat ausgerechnet, dass täglich 400 Kinder durch Scheidung von ihren Vätern (es sind fast immer Väter) getrennt und so zu Halbwaisen werden. Sie leiden immer. Mehr oder weniger. Manche – zumindest äußerlich – so wenig, dass man es nicht bemerkt. Manche treibt es in den Selbstmord, auch dann weiß man nicht, ob es der einzige Grund war.

Die Zahl der Abtreibungen, die es in den letzten vierzig Jahren in Deutschland gegeben hat, wird auf circa zehn Millionen geschätzt. Fast alle Frauen sind anschließend unglücklich, fast alle sind nicht mehr mit dem Partner zusammen, fast alle geben an, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlten. Niemand weiß Genaues. Nicht nur, weil das Problem schwer zu erfassen ist und die Daten schwer zu erheben sind, sondern weil es niemand in der Politik wissen will.

Man fragt zwölfjährige Mädchen, ob sie schon mal zur Zwangsprostitution gezwungen wurden, aber nicht, ob sie sich wünschen, dass sich die Eltern wieder vertragen. Man fordert ein Grundrecht auf Abtreibung, kümmert sich aber nicht um das Leid, das damit bei den Frauen angerichtet wird. Die Frauenpolitik sorgt sich um Frauen in den Vorständen von DAX-Unternehmen und um homosexuell lebende Paare, die ein Kind adoptieren wollen.

Das Unglück, das sich hinter den Buchstaben PAS verbirgt, hat es früher in der Art nicht gegeben. Es gehört zu den Früchten, an denen man die Frauenpolitik erkennt. PAS in seinen beiden Bedeutungen ist das eigentlich Neue und das Besondere, das uns der Feminismus gebracht hat – er hat uns PAS -Früchte gebracht.

Sind diese Ergebnisse gewollt oder nicht?

Sie sind gewollt. Wären sie es nicht, würde sich die Politik um die Aufarbeitung und Begrenzung weiterer Schäden kümmern und Wiedergutmachung leisten.

Doch das geschieht nicht.

Dokumentationen, wie sie MANNdat oder das Internetprojekt Die Familie und ihre Zerstörer – abgekürzt dfuiz – zu erarbeiten versuchen, werden nicht nur nicht gefördert, sie sind ausdrücklich unerwünscht.

Die Akteure, die man mit dem unglücklichen Begriff »Männerrechtler« etikettiert, werden behandelt, als würden sie etwas Verbotenes tun.

 

 

Das Kind als Gewinnstufe

 

 

 

 

 

Ich träume jetzt mal vor mich hin: Ich stelle mir vor, dass ein Paar, das ein Kind hat, sich so verhalten muss wie ein Kandidat bei ‚Wer wird Millionär’, der eine Gewinnstufe einloggt und festschreibt – eine Gewinnstufe, unter die er nicht mehr zurückfallen kann, wenn er im Verlauf seiner Rateabenteuer abstürzt.

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Die Gewinnstufe ist das gemeinsame Kind. Die darf nicht unterlaufen werden.