Das kleine Wörtchen „alle“

… lockt alle in die Falle

Die gendergerechte Sprache ist ein totalitäres System

 

 

„Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Klingt interessant – oder? So lautete der Titel einer Diskussion im Rahmen des evangelischen Kirchentags, der unter dem Motto steht: „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13).

 

Es ging um „gerechte“ oder „geschlechtergerechte“ Sprache. Ich war dabei. Das war was für mich. Nicht nur für mich. Es geht uns alle an, sofern wir ein Geschlecht haben, sprechen können und uns nicht nachsagen lassen wollen, dass wir gegen Gerechtigkeit sind. Es ist allerdings nicht klar, wie man am besten „gendert“ – so nennt man das, wenn man versucht, die gerechte Sprache anzuwenden.

 

Geht es auf die sanfte Art? Vielleicht. Auch die CDU-Frauen wollen, wie es der ‚Spiegel’ süffisant ausgedrückt hat, „ein bisschen gendern“. Nur ein bisschen. Sie wollen gemäßigt gendern. So soll es nach den Wünschen der CDU-Frauen in Zukunft heißen: „Der Parteitag wählt auf Vorschlag der oder des Vorsitzenden die oder den Generalsekretär/in“.

 

Da habe ich mich gleich gefragt: Was ist in die Damen gefahren? Warum wollen sie nun doch ein Tänzchen wagen mit einem Verführer, den sie jahrelang verschmäht haben? Und warum wollen sie nur ein bisschen gendern? Sind sie etwa auch ein bisschen schwanger? Bemühen sie sich um ein bisschen Rechtsstaatlichkeit? Um ein bisschen Frieden? Vielleicht mögen sie auch das Lied ‚Gib mir’n ein kleines bisschen Sicherheit’ von der Gruppe Silbermond. (Dabei geht es um ein billiges, leicht zu knackendes Fahrradschloss, das sich die Sängerin zum Valentinstag wünscht … aber womöglich habe ich den Text nicht richtig verstanden).

 

Ein bisschen totalitär

 

Ein „bisschen“ geht nicht. Es geht – genau gesagt – gar nicht. Bei dem so genannten „gendern“ handelt es sich nicht etwa darum, einen neuen Begriff in das Lexikon aufzunehmen, den man bei passender Gelegenheit benutzen kann und bei unpassender Gelegenheit nicht. Es handelt sich vielmehr um einen Eingriff in die Regeln der Grammatik, die bei jeder Gelegenheit angewendet werden sollen. Das haben Regeln so an sich.

 

Doch keiner weiß genau, wie man gendern soll. Da kommen ständig neue Vorschläge hoch (Doppelnennung, Binnen-I, (m/w), _innen, /innen, *innen …). Bisher hat sich keiner der Vorschläge bewährt. Es sind aber neue in Arbeit.

 

Wir wissen aber, warum wir gendern sollen. Warum? Um Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen. Das klingt nach einer großen, womöglich nur schwer oder gar nicht lösbaren Aufgabe. Kann man das auf die sanfte Tour schaffen? Das ist die Frage.

 

Nächste Frage: Was ist Geschlechtergerechtigkeit? Nun, das sagt uns das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die haben es in einer Erklärung zur Strategie des Gender Mainstreaming zusammengefasst. (Die CDU-Frauen kennen den Satz bestimmt. Den haben sie auf einen Zettel geschrieben und tragen ihn stets in der Handtasche bei sich, falls sie es wieder vergessen haben – also):

 

„Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen.“

 

Aha. Entscheidend in diesem Merksatz ist das unscheinbare Wort „allen“! Immerhin: Man kann es sich leicht merken. Nun wissen wir auch, wann wir gendern sollen. Wann? Immer. Ganz einfach. Gender Mainstreaming gilt immer (!) und überall (!). An anderer Stelle in den Erklärungen zur Geschlechtergerechtigkeit heißt es zur Abwechslung „regelmäßig“ (!).

 

GM ist also eine Strategie – auch Querschnittsaufgabe genannt –, die sich in alle (!) Lebensbereiche einmischen will, um überall (!) eine Unterschiedlichkeit zu berücksichtigen, das heißt in Wirklichkeit: um überall (!) eine Trennung vorzunehmen, um alles (!) Gemeinsame zu zerstören und um überall (!) Geschlechterapartheid vorzuschreiben.

 

Hier muss niemand zum Finale einer aufwühlenden Rede fragen: „Wollt ihr die totale Gender-Sprache?“ Die Frage erübrigt sich. Es gibt die Gender-Sprache nur in der totalen Version. Das liegt daran, dass der Eingriff in die Sprache über das Regelwerk erfolgen soll, und dass nach Meinung der AktivistInnen oder Aktivist*innen – wie ich sie aktuell korrekt bezeichnen soll – es sowieso „keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit“ gibt (Das meinen sie tatsächlich. Sehen Sie sich die Seite des oben erwähnten Bundesministeriums an, da steht es) und dass daher alles, aber auch alles, alles, alles geschlechtersensibel betrachtet werden muss.

 

Non Stop Sex Show. Non Stop Gender Trouble

 

Überall lauert der Unterschied zwischen männlich und weiblich. Wer es noch nicht mitgekriegt hat, sollte sich spaßeshalber ein Musikvideo angucken – nämlich dieses hier –, das versucht, alle Tummelplätze aufzulisten, auf denen sich heutzutage Sexismus breit macht und dringend durch Geschlechtergerechtigkeit bekämpft werden muss: everything is sexist.

 

Also: Bei jeder nur möglichen Gelegenheit soll das Geschlecht berücksichtigt werden, als wäre die Welt eine einzige Non Stop Sex Show. Bei jeder Gelegenheit wird gedanklich in die Unterwäsche gegriffen. Mary Daly ist eine Vordenkerin des Sprachfeminismus, der man nicht nachsagen kann, dass sie sanft ist – im Gegenteil. Ihr Markenzeichen ist die Doppelaxt. Sie ist berühmt für ihre ruppige Art – und ihre Wortspiele. Sie spricht vom „dicktionary“. Klar, oder? Um es kurz zu erklären: Das Wörterbuch („dictionary“) untersteht ihrer Meinung nach voll und ganz dem männlichen Geschlechtsteil („dick“).

 

Es erinnert mich an den Witz, in dem ein Psychiater einem Patienten verschiedene Darstellungen von Dreiecken und Kreisen zeigt und nachfragt, was sich der Patient darunter vorstellt. Der arme Kerl auf der Couch erkennt überall nackte Frauen. Als der Psychiater sorgenvoll die Stirn in Falten legt, verteidigt er sich: „Warum zeigen Sie mir dauernd solchen Schweinkram? Wer von uns beiden ist denn hier versaut?“

 

So geht es uns, wenn mir geschlechtergerecht sprechen wollen. Wir sollen immer an Sex denken. An Sex, nicht an Gender. Wenn es um „Selbstabholerinnen und Selbstabholer“ geht oder um „Benutzerinnen- und Benutzerfreundlichkeit“ von Oberflächen, über die man mit dem Finger wischt – woran denken wir dann? Daran dass hier zwei Gruppen erwähnt werden, die durch soziale Einflüsse, denen sie ausgesetzt waren, unterscheidbar sind – also anhand von Gender-Kriterien – oder an zwei Gruppen, die man unterscheiden kann, weil eine mit einem weiblichen, die andere wiederum mit einem männlichen Geschlechts-Apparatus ausgestattet ist?

 

Der kleine Zettel kann in den Papiermüll

 

Das Beispiel passt: es geht nur um die Oberfläche. Nicht um Inhalte. Es werden Mengen gebildet, die nur oberflächlich betrachtet als Menge gelten können und lediglich aus toten Zahlen mit Geschlechtsteilen bestehen, nicht aus lebendigen Menschen mit Albträumen, Wünschen, Sehnsüchten, Plänen, Krankheiten …

 

Es werden eben gerade nicht die „unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen“ berücksichtigt, wie es auf dem kleinen Zettel heißt. Eben nicht! Sondern? Was wird berücksichtigt? Das Geschlecht. Anders geht es gar nicht. Es müsste sonst eine jeweils unterschiedliche, der speziellen Situation angemessene Formulierung genutzt werden.

 

Aber ein Geschlecht ist immer dabei und die Geschlechtszugehörigkeit ist nun mal unterschiedlich. Na und? Das muss nicht zu einer unterschiedlichen Interessenslage in allen Bereichen des Lebens führen. Es muss auch nicht zu einem dauerhaften Getrenntsein der Geschlechter führen. Die Geschlechter können sich auch ihrer Unterschiedlichkeit erfreuen und daraus etwas Gemeinsames entstehen lassen.

 

Doch darüber können wir nicht mehr reden, wenn wir die geschlechtergerechte Sprache benutzen, denn diese Sprache betont das Trennende. Immer. Bei jeder Gelegenheit. Auch wenn Männer und Frauen in Wirklichkeit keine unterschiedlichen, sondern gemeinsame Interessen haben.

 

Sie sind nämlich eigentlich ganz nett, sie sind gar nicht solche Sexmonster, wie ihnen unterstellt wird. Sie möchten gerne etwas selbst abholen und wollen in Ruhe die Vorteile einer benutzerfreundlichen Oberfläche genießen, ohne dabei von Fragen zur Sexualität oder zur Genderpolitik belästigt zu werden.

 

Doch es geht nicht. Was immer sie an Interessen und Lebenswirklichkeiten gemeinsam haben, wie gut sie sich auch verstehen mögen: immer steht ihnen ihre unterschiedliche Geschlechtszugehörigkeit im Weg und soll als etwas Trennendes hervorgehoben werden. So will es jedenfalls die geschlechtergerechte Sprache. Das Unterschiedliche wird damit schwuppdiwupp zum Trennenden, das nicht mehr überwunden werden kann, es wird unversehens zum Unversöhnlichen. Denn die Unterschiede sollen „regelmäßig“, sie sollen bei jeder Gelegenheit gelten.

 

Die PolitikerInnen oder Politiker*innen – wie ich sie aktuell korrekt bezeichnen soll – können den kleinen Zettel gleich wieder zerreißen. Geschlechtergerechtigkeit ist nicht das, was sie vorgibt zu sein. Noch einmal: Es werden nicht die unterschiedlichen Interessen und Lebensweisen berücksichtigt, sondern die unterschiedlichen Geschlechtszugehörigkeiten.

 

Die ausgestreckten Finger der Geschlechterpolitik zeigen nicht auf die Situationen, in denen sich die Menschen befinden, sondern auf deren Geschlechtsteile. Merkt das eigentlich niemand von denen, die sich Geschlechtergerechtigkeit auf die Fahne geschrieben haben?

 

Vielleicht bemerken sie es nicht, weil sie von der Position des Wortes „unterschiedlich“ in dem Satz getäuscht worden sind. Schauen wir noch einmal hin. Worauf bezieht sich dieses „unterschiedlich“? Auf unterschiedliche Lebenswirklichkeiten und Interessen? Oder auf die Unterschiedlichkeit der Geschlechter? Worauf wird hingewiesen?

 

Wenn wir den Satz (flüchtig) lesen, haben wir den Eindruck, dass sich dieses lästige „unterschiedlich“ auf die Interessen und Lebenswirklichkeiten bezieht. In der Tat. Die können sehr unterschiedlich sein. So unterschiedlich, dass man sie nicht bei jeder Gelegenheit mit ein und derselben Formulierung beschreiben kann.

 

Aber. Jetzt kommt es: Die Interessen und Lebenswirklichkeiten sind nicht immer unterschiedlich. Worin liegen denn – bitte schön – die unterschiedlichen Interessen und Lebenswirklichkeiten von Menschen, die etwas selbst abholen wollen? Na gut, die mag es geben. Aber wie sollte man sie erstens beschreiben und zweitens berücksichtigen? Sind sie überhaupt wichtig?

 

Sie lügen, ohne es zu merken

 

Es ist ja nicht schlimm, wenn Politiker, Poeten sowie alle anderen, die gerne viel reden, sich mit unwichtigen Dingen befassen, schlimm ist, wenn sie uns zwingen wollen zuzuhören und wenn sie nicht aufrichtig sind. Wenn sie schummeln. Wenn sie aus Schlamperei oder Hinterhältigkeit einen wichtigen Unterschied nicht beachten. Genau das machen die Verfechter einer geschlechtergerechten Sprache: Sie unterscheiden grundsätzlich nicht zwischen Situationen, in denen Frauen und Männer unterschiedliche Interessen haben und Situationen, in denen sie gemeinsame Interessen und gemeinsame Lebenswirklichkeiten haben. Sie tun so, als hätten sie immer unterschiedliche Interessen.

 

Das unscheinbare Wort „allen“ hätte sie warnen müssen. Wenn etwas in allen Fällen gilt, wird es bedeutungslos. Mehr noch: Es wird zur Lüge – nämlich in den Fällen, in denen es gar keine Unterschiede gibt.

 

Da haben wir sie. Die verfaulte Olive im Obstsalat. Hier liegt die ganz spezielle, recht gut – aber auch nicht allzu gut genug – versteckte Unwahrhaftigkeit der geschlechtergerechten Sprache.