Siebenter Brief

 

 

Briefmarke

 

Das gefährliche Halb-Wissen-Wollen

 

 

 

 

Liebe Frauen

 

Wenn Sie bedenken, dass ich mit einem „Doppelherz“ bei der Friedensbewegung war, dann verstehen Sie vielleicht, dass ich mich nicht darüber gefreut habe, dass mein dickes Buch Auf dem schwarzen Schiff von der Kritik als „Animal Farm der Friedensbewegung“ bezeichnet wurde, als Beispiel für die „Dialektik der Aufklärung“.

 

Es klingt eigentlich ganz gut. Es verleiht dem Buch eine gewisse Bedeutung. Aber es wirkt auch so, als hätte ich die Friedensbewegung verraten, als hätte ich sie feige im Stich gelassen und würde nun gegen sie aussagen. Das wollte ich nicht. Inzwischen bin ich unsicher. Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Pazifismus halten soll – und was von einer neuen Kriegsgefahr.

 

Ein möglicher Titel für das Buch, der lange zur Diskussion stand, war zum Beispiel: Die Friedenspiraten. So sahen sich die Aktivisten nämlich selber: als Piraten für den Frieden.

 

Was hatten sie vor? Sie wollten auf Segelschiffen verbotene Bücher nach Afrika bringen. Es sollte eine künstlerische und zugleich politische Aktion sein; eine Aktion, die symbolisch und zugleich konkret ist. Sie wollten damit Frieden nach Afrika bringen.

 

Ja, tatsächlich: Bücher bringen Frieden. Das haben sie wirklich gedacht. Es ist gar nicht so naiv, wie es auf den ersten Blick erscheint. Bücher können Türen zu anderen Welten öffnen, sie können Verständnis für das, was man noch nicht kennt, ermöglichen. Bücher können die Leser in der Kunst einüben, sich dem anderen anzunähern und über den Tellerrand der Ichbezogenheit hinauszugucken.

 

Diese Idee stand auch hinter dem Programm, das mich einst als Austauschschüler nach Michigan gebracht hat. Entstanden waren solche Programme aus den Erfahrungen des letzten Krieges. Die neue Jugend sollte sich nicht in Organisationen wie der Hitler-Jugend austoben, vielmehr sollte sie sich mit anderen Lebensweisen in anderen Gesellschaften auseinandersetzen und versuchen, in der Fremde wie unter Freunden zu leben.

 

Solche Jugendlichen würden sich nicht mehr so leicht in einen Krieg schicken lassen. Denn Verständnis und Wertschätzung für den anderen immunisiert gegen Hetze und Propaganda und arbeitet damit auch gegen den Krieg. So konnte man noch in den 70er Jahren argumentieren, wenn man begründen wollte – und das musste man auch –, warum man den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. Das habe ich getan. Ich denke im Grunde immer noch so, und es gefällt mir, was in dem Briefwechsel von Albert Einstein an Sigmund Freud steht, da heißt es: „Alles, was der Kunst dient, arbeitet auch gegen den Krieg.“

 

Auch Malala Yousafzai, die mit 18 die bisher jüngste Friedensnobelpreisträgerin ist, fragt in aller Unschuld: „Wieso ist es so leicht, Waffen zu geben, aber so schwer, Bücher zu geben? Wieso ist es so einfach Panzer zu bauen, aber so schwer Schulen zu errichten?“ Auch sie teilt diesen zerbrechlichen Traum: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und Stift können die Welt verändern.“

 

Die Hippies gingen noch weiter. Sie wollten nicht nur, dass die Menschen lesen, Musik hören und sich besser verstehen, sie sollten sich auch lieben:

 

Make Love. Not War.

 

Remember? Das war die berühmte Hippie-Parole. Ob man tatsächlich Liebe „machen“ kann, lasse ich mal dahingestellt sein. Ich hatte von Anfang an meine Zweifel, ich war aber auch schwer beeindruckt von der praktischen Art der Amerikaner, die kurzerhand die Milch in Cornflakes-Packungen schütteten und die Turnschuhe gleich mit in die Waschmaschine steckten zu den T-shirts mit der Aufschrift „Just do it“.

 

Sei’s drum. Ich nehme zur Kenntnis, dass wir das heute so handhaben wollen: Liebe „macht“ man, Sex „hat“ man. Na dann: viel Spaß. Für mich klingt es schon wieder nach einem Open-Air-Festival bei freiem Eintritt und mit einer Musik, bei der sich am Ende alle in den Armen liegen. Es kommt mir zu schön vor, um wahr zu sein, aber vielleicht bin ich auch ein schwieriger Fall mit ungewöhnlich trägem Herzen. Ich sollte mich nicht so anstellen und nicht immer so kritisch aus der Wäsche gucken.

 

Das tue ich aber. Und ich werfe weiterhin einen kritischen Blick auf die Feministen. Die haben nämlich den alten Hippie-Spruch umgedreht: Sie wollen zukünftig keine Liebe mehr zwischen den Geschlechtern – das meinen sie wirklich so, wir sollten uns darüber nicht hinwegtäuschen. Es gibt viele Zitate, die das belegen und viele Taten, die es beweisen. Sie haben stattdessen den Geschlechter-Krieg erklärt:

 

Make Sex War. Do Not Make Love.

 

So ein Krieg geht notwendigerweise gegen alles, was gegen den Krieg arbeitet. Also: gegen die Kultur. Gegen den Dialog. Gegen die Möglichkeiten der Verständigung. Gegen eine Wertschätzung des anderen.

 

Es ist also keine Überraschung: Der Feminismus bringt neue Bücherverbote mit sich. Neue Formen der Zensur. Neue Denkverbote. Neue Verständigungsverbote. Boykott von Diskussionsveranstaltungen. Offene Gewaltdrohungen gegen Männer, die sich für ihre Interessen einsetzen wollen. Das Niederbrüllen von Rednern.

 

Deswegen ist auch der ständige Angriff auf die Sprache von Seiten der Feministen keine Kleinigkeit. Auch wenn es auf manche so wirkt. Ich nehme das ernst. Ich tue das nicht, weil ich – wie man leichtfertig sagen könnte ­– Sprache liebe. Ich liebe die Sprache natürlich nicht, ich liebe Menschen.

 

Ich habe auch nichts gegen Veränderungen. Erst recht nicht gegen kreative Neuerungen. Auch nicht in der Sprache. Aber was uns mit der „geschlechtergerechten“ Sprache zugemutet wird, ist nicht nur eine Verhunzung, wie oft gesagt wird, es ist eine vorsätzliche Beschädigung, mit der das Miteinanderreden beendet wird. Es wird die Grammatik durcheinandergebracht. Es werden Begriffe umgedeutet. Es werden die Menschen verwirrt.

 

Alle, die sich frei von der Leber weg äußern wollen, werden gedemütigt, weil man sie nötigt, etwas zu sagen, das sie gar nicht sagen wollen und gestern noch als falsch empfunden haben. Die feministische Auffassung, dass bei jeder Gelegenheit die Unversöhnlichkeit der Geschlechter betont und grundsätzlich alles, was irgendwie „männlich“ wirkt, als böse anzusehen ist und wie Unkraut ausgerottet werden muss, wird als gegeben vorausgesetzt. Mit jeder Formulierung sollen wir uns dazu bekennen.

 

So können wir nicht mehr miteinander reden.

Doch genau das möchte ich weiterhin tun.

Deshalb diese Seite.

 

Deshalb der Versuch zur „Rettung der Liebe“, wie es im Untertitel zu den drei Frau-ohne-Welt-Büchern heißt. Ich weiß selber, dass es pathetisch klingt. Aber darum geht es. Und was ist Liebe? What is love anyway? Liebe ist ein Versprechen. Liebe ist ein guter Plan. Liebe vergrößert.

 

Sie beginnt mit dem Verstehen, mit dem Erkennen, wie es schon Adam und Eva geschafft haben. Deshalb ist es auch so schädlich, wenn man nicht neugierig ist, wenn man gar nicht erst etwas erkennen will (weil man glaubt, schon alles zu wissen), wenn man den anderen ignoriert, ihn ausschließt und den Blick mit Vorverurteilungen verstellt. Wie es die Feministen mit ihrer aufgesetzten Halbblindheit tun. Doch ich will nicht nur über den Schaden jammern, sondern den Nutzen betonen.

 

Der Nutzen liegt in der Möglichkeit, die Zukunft zu gewinnen, sich an einer „dritten Sache“ zu beteiligen, die größer ist als man selber.

 

Damit endet der siebente Brief

Mit herzlichen Grüßen

von

Bernhard Lassahn

 

Zurück zum sechsten Brief

Zurück zum fünften Brief 

Zurück zum vierten Brief

Zurück zum dritten Brief

Zurück zum zweiten Brief

Zurück zum ersten Brief

Zurück zur Entwarnung vorweg  

 

Entwarnung vorweg

 

Sieben vertrauliche Briefe 

über die Liebe und über den Krieg

 

Eine Entwarnung vorweg.

 

Manche mögen verwirrt sein. Sie fragen sich erschrocken: Ja, ist es denn die Möglichkeit!? Bin ich etwa auch so einer?

Einer von denen?

Ein Frauenfeind, ein Frauenhasser, ein waschechter … äh? Na, wie heißen sie? Ein Männerrechtler? Ein Antifeminist? Ein Maskulist? Oder muss es Maskulinist heißen?  

Die soll es ja geben. Man hört gelegentlich davon. Sie sind gefährlich, sehr gefährlich sogar: der Massenmörder Anders Breivik ­– man mag es kaum glauben – ist der heimlichen Held dieser gewaltbereiten Männer. So steht es jedenfalls in einer Studie* – und wenn es in einer Studie steht, dann wird da auch was dran sein.

Meist lauern diese Männer feige im Verborgenen, doch gelegentlich wagen sie sich an die Öffentlichkeit und setzen sich dann kämpferisch in Pose. Was sind das für Zeitgenossen? Gehöre ich etwa dazu?

Soviel scheint klar zu sein: Es sind zumeist alte, weiße Männer, die am liebsten Frauen am Herd anketten wollen. Sie sind konservativ. Sie sind rechtsgerichtet, sie sind womöglich sogar rechtsradikal (na, dann sehen Sie mal selber).

Oder sie kommen direkt aus der Mitte der Gesellschaft. Auch das gibt es. Jedenfalls sind es Leute, die Angst vor Veränderungen haben. Sie wollen die Uhr zurückdrehen. Also – wie ist es? Bin ich auch so einer? Will ich das?  

Nein. Das will ich nicht. Das kann ich auch nicht. Das kann keiner. Nur mein Opa konnte das. Genau gesagt, konnte er die Uhr auch nicht zurückdrehen, aber vordrehen. Ich erinnere mich gut, obwohl ich noch klein war. Und krank. Ich lag mit hohem Fieber auf dem Sofa und starrte auf die langweilige Kuckucksuhr. Da hat mein Opa die Zeiger vorgedreht, damit der Kuckuck kommt, ich was zu lachen habe und wieder gesund werde.  

Ich erwähne das, um bei dieser Gelegenheit auf zwei Texte hinzuweisen, die sich hier auf der Seite finden: in einem geht es um falsche Freunde und falsche Feinde und um die Frage, wer die Uhr zurückdrehen will (der Text wirkt moderat im Ton, die Probleme, die sich dahinter verbergen, haben sich verschärft). In dem anderen Text (es sind genau gesagt zwei andere) geht es darum, was uns erwartet, wenn wir in die Zukunft blicken. Was sehen wir, wenn wir versuchen, die Uhr vorzudrehen? Wie wird es werden? Wie geht es weiter? Wird es womöglich zu einer Fempokalypse kommen?  

Wie man inzwischen weiß, bin ich wieder gesund geworden und habe den Kuckuck überlebt. Es bleibt immer noch die Frage, was aus mir geworden ist.  

Also – wie ist es? Was bin ich für einer? Ich … nun … äh … nun wird es blumig. Ich müsste vielleicht an dieser Stelle einen Schriftzug aufleuchten lassen ACHTUNG KITSCH, so wie man neuerdings Trigger-Warnungen voranstellt.

Doch was soll ich machen? Wie soll ich es denn sonst sagen? Ich kann auch nur die Sprache verwenden, die wir gemeinsam haben; die Vokabeln, die jeder kennt. Ein Vorschlag zur Güte: Machen wir es so: Stellen Sie sich vor, ich würde den nächsten Satz flüstern. Lesen Sie ihn bitte ganz, ganz leise, also …  

Es ist so: „Ich liebe Frauen“. Keine Sorge. Nicht alle. Ich werde darauf zurückkommen.  

Ich will nur noch schnell etwas klären, eh es unter den Tisch fällt und ich womöglich den Eindruck hinterlasse, ich wollte mich vor einer Antwort drücken.  

Das will ich nicht – also: Ich bin kein Männerrechtler. Das möchte ich ausdrücklich betonen, weil ich immer wieder danach gefragt werde. Gerade neulich erst stand in einem überregionalen Magazin (FAZ) unter einem Foto von mir: „Bernhard Lassahn, Männerrechtler“. Dabei hatte ich der Frau, die mich zum Interview geladen hatte, ausführlich erklärt, dass ich keiner bin.  

Wer es aus erster Hand wissen will, von mir persönlich – bitte schön: In meinem Wörterbuch für Frauenversteher, das ich extra für solche Zwecke angelegt habe und ständig ausbaue, gibt es Stichworte zu den Themen: Antifeminismus, Maskulinismus, Männerrechtler.  

Soviel kann ich jetzt schon verraten: Es gibt in Deutschland keine Gruppenrechte, sondern Individualrechte. Das ist auch gut so. Warum sollte ich unter solchen Umständen Männerrechtler sein? Das will ich nicht. Ich will mich nicht stark machen für irgendwelche Rechte (was denn überhaupt für welche?), die an eine Personengruppe gebunden sind. In diesem Fall an die Gruppe der Männer – die es gar nicht gibt.  

Es gibt Männer. Klar. Aber nicht als Gruppe. Es gibt nicht DIE Männer. Man kann sie nicht in eine Kiste packen. Dafür sind sie zu unterschiedlich. Ich bin so einer. Ich bin ein Mann. Ich bin unterschiedlich. Ich bin ein Einzelfall. Ich möchte nicht zusammengepackt werden mit Leuten, mit denen ich nichts zu tun habe und ich möchte nicht, dass ein Urteil, das über andere gefällt wird, auf mich übertragen wird.  

Damit sind wir bei der Liebe. Auch die ist ein Einzelfall – etwas sehr Persönliches. Jeder hat eine Mutter, die einmalig und vermutlich mutterseelenallein ist. Wenn nun ein Mann, der aus dem Alter für Kuckucksuhren raus ist, mit einer Frau zusammen ein Kind hat, dann ist auch diese Frau wiederum eine Mutter und vermutlich ist sie auch mutterseelenallein. Das Kind ist ebenfalls etwas Besonderes, in meinem Fall tatsächlich etwas Einmaliges: Ich habe nur ein Kind.  

Ein Glück!  

Dieses Glück gibt einem das Gefühl, man könnte noch einmal leben und die Welt neu kennenlernen, wenn man niederkniet und wieder mit Kinderaugen staunt.  

Soviel vorweg. Nun habe ich mehr verraten, als ich ursprünglich wollte. Ich mache erst einmal eine kleine Pause, ich grüße herzlich und verweise noch auf die Fußnote

Bernhard Lassahn

 

Fußnote * shoes-89037_640

Professorin Ilse Lenz, die als Granddame des Feminismus gilt, hat einen jungen Studenten eine Studie über die antifeministische Männerrechtsbewegung schreiben lassen und hat sie als „wissenschaftlich“ durchgehen lassen, auch wenn es bestenfalls junk-science ist. Der Knaller ist, dass tatsächlich Anders Breivik aufgeboten wird, um die Männerrechtsbewegung zu kriminalisieren. Einfach so. Ohne Zusammenhang. Es ist ein übles Machwerk mit Falschbeschuldigungen und Unterstellungen. Ich komme auch vor. Und nun ist es soweit. Nun gibt es so eine Studie. Da es vielen Journalisten genügt, wenn sie sagen können, dass es irgendwo irgendeine Studie gibt, die am Beispiel von Breivik zeigt, wie gefährlich Männerrechtler sind, dann wiederholen sie es besinnungslos.  

 

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum dritten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebenten Brief

 

Erster Brief

 

 Briefmarke

 

Über echte und gespielte Liebe

 

 

Liebe Frauen!

So. Nun ist es raus. Ich habe gerade die größten Intimitäten ausgeplaudert, die ich auf Lager habe. Vielleicht ist es nicht sonderlich aufgefallen, aber ich habe gerade einen flüchtigen Blick auf meine innigsten Gefühle zugelassen, obwohl es eigentlich niemanden etwas angeht. Deshalb habe ich mich auch so geziert, als ich diesen Satz angekündigt habe, in dem „Liebe“ vorkommt. So etwas sagt man nicht. Wer es trotzdem sagt, ist zumeist ein elender Schwindler.  

» weiter lesen

Zweiter Brief

 

 

 

 Briefmarke

 

Über die Henker der Liebe

 

 

Liebe Frauen

Was ich gerade über die Schlager gesagt habe, gilt ebenso für Hollywoodfilme, in denen es nur noch darum geht, an welcher Stelle der Satz „I love you“ vorkommt und welche Musik dazu im Hintergrund plätschert. Es gilt ebenso für Pornografie und für Feminismus. Erstaunlich – nicht wahr? –, dass diese Erscheinungen, die auf den ersten Blick so unterschiedlichen wirken, alle etwas gemeinsam haben. Aber ja. Das haben sie!

» weiter lesen

Dritter Brief

    Briefmarke

 

 Die kaputte Brille

 

Liebe Frauen!

Ich hoffe, Sie sind durch die verschiedenen Abschweifungen und Umleitungen nicht abgeschreckt worden und mögen noch ein wenig weiterlesen. Ich wiederhole: Ich bin nicht gegen Frauen. Es gibt Fälle, da kann ich sagen, dass ich in einem extrem hohen Maße für eine Frau bin –, ich bin jedoch gegen den Feminismus.  

» weiter lesen

Vierter Brief

 

 

    Briefmarke

 Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Und

Lieder über den Krieg

 

 

Damit,

     Liebe Frauen,

sind wir beim nächsten Thema: dem Krieg. Die Untertitel meiner Bücher von der Frau ohne Welt klingen ja auch nicht gerade wie Schlagertexte: ‚Krieg gegen den Mann’, ‚Krieg gegen das Kind’, ‚Krieg gegen die Zukunft’ – das wirkt schon irgendwie kriegerisch.  

Also doch. Also muss ich auch ein Krieger sein. Ein gewaltbereiter Kämpfer. Das dachte sich wohl eine sympathische Journalistin vom SWR, die ihre Meinung schon im Kasten hatte, als sie mich interviewte. Ich war freundlich zu ihr – was mir leicht fiel. Ich war geduldig. Ich habe ihr in aller Ruhe erklärt, worum es mir geht.  

» weiter lesen

Fünfter Brief

 

Briefmarke      

Bericht von der Heimatfront

 

 

 Liebe Frauen

Doch. Es gibt Krieg. Bei uns. Einen Krieg der besonderen Art.  

Ich habe nach meiner Rückkehr aus Vietnam einen Vortrag über die Bedeutung der Familie gehalten, wie ich sie da kennengelernt hatte. Mein Eindruck war, dass die vietnamesische Großfamilie mit der besonderen Würdigung der Ahnen und der starken Tradition des Tet-Festes dem Sozialismus widerstanden hat und womöglich auch dem Kapitalismus widersteht. Der Kinderreichtum hat mich gerührt. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich bin auf einer Kinderparty. Das habe ich gesagt.  

» weiter lesen

Sechster Brief

 

Briefmarke

 

Die Mörder und der letzte Krieg

 

 

Liebe Frauen

 

Erinnern Sie sich? In den 80er Jahren kam Bewegung in die deutsche Wohlstandswelt; uns hatte eine neue Angst vor dem Krieg erwischt – vor einem Krieg mit Atomwaffen. Es würde der letzte Krieg sein, das letzte Gefecht, wie es in der Internationale heißt, auch wenn es da ganz anders gemeint war. Es wäre das Ende der Welt. Die Überlebenden würden die Toten beneiden – so hatte es Nikita Chrustschow vorhergesehen.  

In der BRD gab es eine neue Friedensbewegung. Da war ich mit ganzem Herzen dabei. Daran erinnere ich mich noch gut. Vielleicht erinnern Sie sich auch: Es gab damals noch in so manchen Apotheken eine geheimnisvolle Werbung für etwas, das sich „Doppelherz“ nannte und das ich als junger Mann noch nicht brauchte. Ich hatte sowieso schon ein Doppelherz. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass ich mit zwei Herzen bei der Sache war:  

Einerseits lag mir Deutschland, also meine Heimat (mein Zuhause, meine in Ost und West geteilte Familie) am Herzen. Auch wenn ich nicht wusste, wie ich dieses Zuhause nennen sollte und ob es eine Heimat war oder ein Heimat-Ersatz. Denn ich bin halber Ossi und halber Wessi. Beide deutsche Länder mochte ich gerne, ich war aber auch jederzeit bereit, beide zu kritisieren, als wäre keins von beiden mein richtiges Heimatland. Doch die Menschen in dem geteilten Land mochte ich natürlich herzlich gerne. Andererseits hatte ich Angst vor der Atombombe. Da war mir das Herz in die Hose gerutscht.

Im Jahre 1977 war ich als Tourist in Hiroshima. Weil man da nicht besonders viel sehen – das heißt auch nicht viel erkennen – kann, habe ich mich den Büchern von Günther Anders anvertraut, um mit meinen unzureichenden Eindrücken nicht allein zu bleiben. Also habe ich gelesen, was ich kriegen konnte und schließlich ein Taschenbuch zusammengestellt: Das Günther Anders Lesebuch (das neu unter dem Titel Die Zerstörung unserer Zukunft erschienen ist.)  

Persönlich habe ich den alten Sonderling nicht kennengelernt. Zur Verleihung des Adorno-Preises (den er immerhin angenommen hat, andere Ehrungen hatte er abgelehnt …) konnte er nicht mehr anreisen und musste eine Videobotschaft schicken. Dennoch. Ich glaube, dass ich ihn bei anderer Gelegenheit gesehen habe. Auf dem Bahnhof in Frankfurt. Da schaute ein alter Mann, der genau so aussah wie er, neugierig, wach und hilflos aus dem Fenster. Seine von Gicht gezeichnete Hand hing schlapp über der halb heruntergezogen Scheibe. Es war der Zug nach Wien. Er musste es sein. Ich träume manchmal noch, dass ich in den Zug eingestiegen und nach Wien gefahren wäre. Ohne Fahrkarte.  

Günther Anders (der eigentlich anders heißt) hatte ein apokalyptisches Ende kommen sehen. Das dann aber, wie wir inzwischen wissen, nicht gekommen ist. Zum Glück nicht. Vielleicht erinnert sich noch jemand – wenn auch ungern – an die Schlagworte „Cruise Missiles“ und „Pershing II“ und an den Spruch: „Besuchen Sie Europa solange es noch steht“. Es herrschte eine düstere, eine drückende Stimmung. Es fühlte sich an wie kurz vor dem Untergang.  

Heute denke ich, dass nicht der Atom-Krieg, sondern der Geschlechter-Krieg das „letzte Gefecht“ sein wird. Es wird nicht mit einem großen BÄNG daherkommen, sondern schleichend. Es wird auch gleich nicht das Ende für die Menschheit sein. Nur das Ende für einige Kulturen. Für unsere. Der Geschlechter-Krieg verhindert ein Weiterleben, wenn er Kinder verhindert. Geschlechter-Krieger schaffen sich mittelfristig selber ab. Der letzte lässt dann von einem zugewanderten Pfleger das Licht in seiner alten Wohnung ausmachen.  

Doch wir sind nicht allein auf der Welt: Wenn wir in unserem wunderbaren, diskriminierungsfreien Gleichstellungs-Paradies keine Familien und keine Kinder mehr haben wollen, wenn wir uns nicht fortpflanzen wollen – dann werde es eben andere tun. Die werden versuchen, ihre Familien zu erhalten und werden ihre Kinder lieben, ohne dass sie darüber vorher ergebnisoffen diskutieren und althergebrachte Rollenmuster hinterfragen müssen. Die Kinderreichen werden die Kinderarmen und verzagten Kinderlosen überstimmen und zu einer unbedeutenden Randerscheinung machen. Vielleicht werden sie es sein, die eines Tages die einsamen Überlebenden des freudlosen Geschlechter-Krieges bedauern.  

Auf dass es nicht so weit kommt!

Herzliche Grüße  

Bernhard Lassahn

 

Oh, jetzt hätte ich beinahe die Mörder vergessen, die ich in der Überschrift angekündigt habe. Ich habe auch noch einen Spruch auf Lager, den ich zu bedenken geben will.

Doch vorher noch schnell ein Wort zu Günther Anders: Er wurde durch den Briefwechsel mit dem Piloten Claude Eatherly bekannt. Der hatte zwar die Bombe über Hiroshima nicht abgeworfen, er war nur der so genannte Wetterpilot, der dem Flugzeug mit der Atombombe an Bord voran geflogen war. In diesem berühmten Briefwechsel, in dem es um Schuld, Verantwortung und Angst geht, versucht Günther Anders in vergleichsweise einfachen Worten zu erklären, dass wir nicht mehr wissen, was wir tun, dass wir die Effekte unseres Tuns nicht mehr im Blick haben – und auch gar nicht haben können. Er sagt: Wir stellen mehr her als vor. Unsere Vorstellung hinkt hinter dem her, was wir herstellen.  

Dadurch haben wir auch keine richtigen Täter mehr. Nur noch Opfer. Alle tun immer nur ein bisschen was. Oder sie unterlassen etwas. Der Rest geht irgendwie automatisch.

Das gilt für den Atomkrieg, bei dem nur noch Knöpfe gedruckt werden und der dann wie eine Lawine anrollt, ohne dass man sie aufhalten kann. Es gilt ebenso für den Geschlechter-Krieg, den ich als den „letzten“ beschrieben habe. Wer tut denn da noch etwas? Wir sind alle schuldig, weil wir nichts tun. Wir gucken schulterzuckend zu.

Da sind Strukturen entstanden. Da gibt es Fehlanreize. Die Leute verdienen heute ihr Geld mit der Zerschlagung von Familien und an dem Leid der Kinder. Davon leben sie. Man müsste das ganze System ändern.  

Das macht den Spruch, den ich angekündigt habe – und der jetzt kommt –, seltsam altmodisch. Ich meine diesen hier:

 

Soldaten sind Mörder 

 

Nun müsste es heute korrekterweise heißen:  

 

Soldatinnen und Soldaten

sind Mörderinnen und Mörder

 

Das wiederum heißt, dass uns die Sprache abhanden gekommen ist – was wir auch an einer kleinen Szene im Bundestag sehen können, die ich hier verlinkt habe. Wir sagen nicht mehr, was wir sagen wollen und haben nur noch Worte für das Trennende, aber nicht mehr für das Gemeinsame und für das, was uns zusammenhält.

Damit bin ich schon mitten in dem Thema, um das es auch im siebten und letzten Brief geht. Also, bis dann.  

 

zurück zur Entwarnung vorweg

zurück zum ersten Brief

zum zweiten Brief

zum dritten Brief

zum vierten Brief

zum fünften Brief  

 

zum siebenten Brief