Fünfter Brief

 

Briefmarke      

Bericht von der Heimatfront

 

 

 Liebe Frauen

Doch. Es gibt Krieg. Bei uns. Einen Krieg der besonderen Art.  

Ich habe nach meiner Rückkehr aus Vietnam einen Vortrag über die Bedeutung der Familie gehalten, wie ich sie da kennengelernt hatte. Mein Eindruck war, dass die vietnamesische Großfamilie mit der besonderen Würdigung der Ahnen und der starken Tradition des Tet-Festes dem Sozialismus widerstanden hat und womöglich auch dem Kapitalismus widersteht. Der Kinderreichtum hat mich gerührt. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich bin auf einer Kinderparty. Das habe ich gesagt.  

 

Das hat mir heftige Feindschaft eingebracht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Sie, liebe Leser, werden sich womöglich ebenfalls wundern, wenn Sie weiterlesen und von den Aggressionen erfahren, die inzwischen vor unseren Haustüren wüten.  

Wir werden nicht mehr in Ruhe gelassen. Wir sind mitten in einer neuen Art von Civil War, mitten in einem Krieg gegen die Familie und damit auch gegen das Kind. Es trifft uns alle: Wir alle kommen aus Familien. Wir können alle mitreden. Mehr als bei anderen Themen. Aber tun wir das? Trauen wir uns das überhaupt noch? Vielleicht glauben Sie, dass wir in einem Land leben, in dem ein freier Meinungsaustausch nicht nur grundsätzlich möglich, sondern auch ausdrücklich erwünscht ist. Aber so ist es nicht. Nicht mehr.  

Vielleicht haben Sie es schon ansatzweise mitgekriegt: Das Meinungsklima ist überreizt*. Es weht neuerdings ein eisiger Wind. Warum das so ist, weiß ich nicht – aber es ist so. Nun da wir Gott sei Dank keine Gestapo und keine Stasi mehr haben, haben wir eine Stimmung im Land, als hätten wir doch eine Gestapo oder eine Stasi. Wieder sind Denunzianten, Falschbeschuldiger und Scharfmacher am Werk, die vorsätzlich Schaden anrichten wollen und nicht etwa Meinungen angreifen, sondern Personen.  

Was haben sie getan? Sie haben meinen Wikipedia-Eintrag** entstellt und werfen mir vor, frauenfeindlich, rechtsgerichtet und homophob zu sein, auch wenn es dafür keine Anhaltspunkte gibt. Es wird Veranstaltern vorgeworfen, dass sie jemanden wie mich, der in ihren Augen eine persona non grata ist, überhaupt eingeladen haben.***  

Wie kommen sie dazu? Homosexualität (die man besser „Homoerotik“ nennen sollte) ist gar nicht mein Thema. Ich könnte zwar einiges dazu sagen, doch das habe ich (noch) nicht getan. Ich habe andere Schwerpunkte. Andere Interessen. Welche denn?  

Nun. Ich sagte es schon. Ich bin Kinderbuchautor. Nicht nur. Aber auch. Ich habe ein Kind. Da kann man sich denken, dass mich Kinder nicht nur als Endverbraucher von Spielsachen interessieren. Ich bin selber jahrelang Kind gewesen; ich weiß, wie sich das anfühlt.  

Außerdem habe ich einen eindrucksvollen pädagogischen Hintergrund: Ich bin bei meinem Vater in die Schule gegangen – und außerdem bei meiner Mutter. Damals gab es noch Dorfschulen. Da ging das. Schließlich habe ich – wen wundert es? – Erziehungswissenschaften studiert.  

Natürlich liebe ich Kinder. Aber – das sagt auch Paul Maar – nicht alle. Es ist wie bei Frauen. Ich sehe da große Unterschiede. Und es ist eben gerade die Liebe, die diese Unterschiede macht. Die will ich mir nicht austreiben lassen. Ich wäre bestimmt ein schlechter Lehrer, weil ich manche Kinder so sehr mag, dass ich sie hemmungslos bevorzugen würde. Ich weiß auch nicht, was ich tun müsste, um mir das nicht anmerken zu lassen. Am meisten würde ich mein Kind bevorzugen.  

Ich habe auch immer noch den Kinderblick. Den möchte ich nicht ablegen und vorschnell in die Altkleidersammlung geben. Wenn ich die Welt durch meine Kinderaugen betrachte und nicht die verordnete feministische Brille aufsetze – was sehe ich dann?  

Dann sehe ich, dass es den Familien schlecht geht. Nicht nur, dass es einer Familie heute schwer gemacht wird, einigermaßen über die Runden zu kommen, sie hat obendrein ganz neue Feinde, die es vorher noch nicht gab.  

 

Leipzig

 

Auf dem Plakat steht:

EURE FAMILIE KOTZT UNS AN

 

Was sind das für Leute? Wogegen kämpfen sie? Was treibt sie an? Was macht sie so wütend? Was macht sie so böse? **** Mich macht es ratlos. Ich kann mich nicht darüber freuen, dass heutzutage – wohin man auch blickt – die Familien scheitern und sich auflösen. Mich macht es traurig.  

Das Kind in mir weint, wenn ich sehen muss, dass sich Eltern als Konkurrenten empfinden und so tun, als würden sie verfeindeten Lagern angehören; wenn sich die geliebten Eltern streiten und hilflos nach dem Staat und dem Anwalt rufen, damit die für sie die Probleme lösen, die sie nicht selbst lösen können. Wieso denn nicht? Was sind das überhaupt für Probleme?  

Als Kind wünsche ich mir Eltern, die nicht nur groß und stark aussehen, sondern so groß und stark sind; so stark, dass sie Pipifax-Probleme selber lösen können und es notfalls auch mit richtigen Problemen aufnehmen. Aber „Elter 1“ und „Elter 2“ (wie man sie neuerdings nennt) sind Dummköpfe, die nicht verstanden haben, dass der Staat ihre Probleme nicht löst, sondern vergrößert und sich an ihrem Unglück und dem Unglück, das sie den Kindern zufügen, bereichert. Ein Vater oder eine Mutter (wie man sie früher nannte) würde das vielleicht merken.  

So denke ich. Das schimmert immer wieder in meinen Texten durch. Das reicht. Damit gelte ich als Rechter. Als Frauenfeind. Als Männerrechtler. Als Hetzer. Als angy white man. Und neuerdings als homophob. Also, wirklich: Wenn das homophob ist, dann frage ich mich schon: Hallo? Homophobie – wie krank ist das denn?  

 

Gute Besserung wünscht  

Bernhard Lassahn

 

Willkommen zu den Fußnoten! Diesmal ist es gleich ein ganzer Schrank voll.  

* shoes-89037_640    

Denken Sie etwa an den Fall Tim Hunt. An dem Beispiel erkennt man gut, was wir momentan für eine Schieflage haben.  

 

 

 

  ** shoes-89037_640    

Wikipedia ist nicht mehr das, was es ursprünglich sein sollte. Die Neutralität ist beschädigt worden. Kein Wunder. Nach den Leitlinien des Gender Mainstreaming gibt es sowieso keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit. Also darf es auch bei Wikipedia keine geben. Auch da muss die Geschlechterbrille übergestülpt werden. Und so wurden Gelder für Projekte wie ‚Storming Wikipedia’ aufgebracht, damit Artikel feministisch umfrisiert werden. Als Gegenreaktion entstand – ohne finanzielle Unterstützung – das Projekt Wikimannia, das der einseitigen Ausrichtung von Wikipedia etwas entgegenhalten will.

 

  *** shoes-89037_640    

So war es beispielsweise bei einer geplanten Diskussion an der Humboldt-Universität in Berlin, die schließlich abgesagt wurde. Doch ich will mich nicht in die Brust werfen. Mich trifft der Furor der neuen Jakobiner in vergleichsweise schwacher Dosis, als würde ich nur kurz in einen Schauer geraten, während andere voll im Regen stehen und schwere Schäden davontragen. Doch ich will das Problem auch nicht klein machen. Ich weiß, wie es in anderen Ländern aussieht, in denen eine Gesinnungsdiktatur herrscht. Ich weiß auch, wie es früher in deutschen Landen war. Ich versuche das nicht persönlich zu nehmen und sage mir, dass es nicht um mich geht. Doch ich frage mich schon, worum es eigentlich geht. Denn ich sehe kein gutes Ziel, auf das sich irgendjemand freut. Zwar ist der Weg nicht das Ziel, wie man gerne sagt, aber an dem Verhalten der Reisenden lässt sich erkennen, ob man gerne mit solchen Leuten auf eine gemeinsame Fahrt gehen will oder lieber nicht. Lieber nicht. Es graust mir vor der Feindseligkeit und vor der Hemmungslosigkeit, die ich bei den Aktivisten erkenne. Vor der zur Schau getragene Respektlosigkeit. Da kann man schon erkennen, wohin es gehen soll; denn die Mittel verraten die Wahrheit über den Zweck.

 

  **** shoes-89037_640    

Bei einer Konferenz in Leipzig zur „Zukunft der Familie“ im November 2013 hatten sich Demonstranten eingefunden mit der Parole: „EURE FAMILIE KOTZT UNS AN!“ Da habe ich mich schon gefragt: Welche Familie meinen sie? Ihre eigene nicht, sonst würde es nicht „eure“ heißen. Aber andere Familien kennen sie nicht. Warum lassen sie fremde Familien nicht in Ruhe? Den Familien in Deutschland geht es schlecht, sie liegen darnieder. Die Demonstranten, von denen einige, wie man inzwischen weiß, bezahlt wurden, bespeien einen Schwachen, der am Boden liegt und Hilfe benötigt. Ich finde das widerwärtig. Auf dem Transparent ist eine junge, dynamisch wirkende Familie zu erkennen – wie aus einer Werbung für eine Lebensversicherung. Mutter und Tochter tragen kein Kopftuch. Es sieht aus, als wäre es eine Familie ohne Migrationshintergrund. Stellen wir uns vor, die Demonstranten, die sich der Linken und der Antifa zurechnen, hätten ein Familienbild mit Kopftüchern gewählt und wären mit der Parole „Eure Familie kotzt uns an“ durch ein Wohnviertel gezogen, in dem überwiegend Migranten leben. Welchen Eindruck hätten die von der Fremden- und Kinderfreundlichkeit in Deutschland? „REFUGEES WECLCOME“, hieß es zuerst. Wenn nun wenig später die Familien der Flüchtlinge nachkommen, werden die dann auch mit der Parole „EURE FAMILIE KOTZT UNS AN“ begrüßt?  

 

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