Vergewaltigungen und der fünfte Mann

 

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Sind Sie für oder gegen ein Hotpants-Verbot an Schulen? Eine heiße Frage. Ein heißes Thema. Es geht um ein „gesundes Schulklima“, wie es an einer Schule hieß.

 

Aber mehr noch geht es darum – wie es an anderer Schule heißt, – gewisse „Diskrepanzen“ zu berücksichtigen, weil in der Turnhalle Asylbewerber, überwiegend sunnitische Muslime, untergebracht waren.

 

Wenn wir es richtig heiß haben wollen, müssen wir einen Blick nach Norwegen werfen: In den letzten Jahren hatten sich in Oslo Fälle von Vergewaltigungen gehäuft, bei denen nichtwestliche Ausländer als Täter identifiziert wurden. Im Jahre 2011 waren es doppelt so viele Vergewaltigungen wie im Vorjahr. Deshalb spricht man von einer regelrechten „Vergewaltigungs-Epedemie

 

Zu einhundert Prozent sind die Täter keine Norweger, weshalb die Taten auch „orientalische“ Vergewaltigungen genannt werden. Die jungen Frauen färben sich nun sicherheitshalber die Haare schwarz und trauen sich nur noch in Gruppen auf die Straße. Die politisch korrekte Berichterstattung steckt in einer Zwickmühle, weil sie sich entweder dem Vorwurf ausgesetzt sieht, zum Fremdenhass beizutragen oder das Leid der Frauen zu bagatellisieren.

 

Dass so etwas passiert, liegt nicht an der Haarfarbe, am Minirock oder an den Hotpants. Der Angriff gilt den bedauernswerten Mädchen nicht nur im Einzelfall. Sie werden zugleich als Repräsentanten des westlichen Lebensstils angegriffen. Die Verachtung der muslimischen Männer richtet sich gegen ein Gesamtbild, das sich aus vielen Mosaiksteinen zusammensetzt, zu denen Lady Gaga, Pussy Riot, die Femen und andere Heldinnen der Schamlosigkeit gehören, aber auch Feministen, die Männer hassen, Abtreibung propagieren Schlampenparaden veranstalten und sich Parolen auf die nackte Brust schreiben.

 

Man muss sich nicht in der Nähe eines Schulhofs aufhalten, um einen Eindruck von den Sitten der westlichen Frau zu erhaschen. Es genügt, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen oder das Fernsehen einzuschalten, in dem Stars wie Lady Bitch Ray gefeiert werden. Vom Internet ganz zu schweigen. Sex, Sex, Sex überall. Neuerdings auch im Kindergarten. Vergewaltigungen scheinen in unseren Breitengraden etwas Alltägliches zu sein. Feministen haben ausgerechnet, dass alle sieben Sekunden eine Frau vergewaltigt wird. Deshalb musste es auch unbedingt Frauenparkplätze geben, damit wenigstens in Parkhäusern die Vergewaltigungen zurückgehen.

 

Nein. Darum geht es nicht. Sicherheit wird auf diese Weise nicht geschaffen. Es wird die Angst vergrößert. Frauenparkplätze und andere Schutzräume, die „nur für Frauen“ eingerichtet werden, sind Hysterie-Tankstellen, die bestätigen, dass die Ängste berechtigt sind. Die Angst vor Gespenstern gilt damit als Beweis für die Existenz von Gespenstern. Es wird unwidersprochen verkündet, dass alle Männer Vergewaltiger sind, „auch die netten“, wie Alice Schwarzer extra betont hat. Von den Universitäten in Amerika hören wir, dass es da eine regelrechte „Vergewaltigungskultur“ geben soll. So ist unsere Kultur.

 

Was macht das für einen Eindruck? Der muslimische Zuwanderer spürt, was hier los ist; er bemerkt die Verlorenheit der hiesigen Frauen, die kein Vertrauen haben und die niemanden mehr – auch nicht sich selbst – respektieren. Vergewaltigt werden sie sowieso. Es gibt keinen anderen Zusammenhang mehr, in den ihre Sexualität eingebettet sein könnte. Sie sind Frauen ohne Welt. Sie haben keine Traditionen, die sie respektieren. Ehe und Familie sind ungültig geworden. Sie respektieren die Alten nicht. Sie haben keine Ehre. Keine Sitte. Keine Moral. Keinen Glauben. Keine Treue. Keine Verpflichtung. Keine Verantwortung. Keine Bindung. Keinen Bruder. Kein Kind. Keinen Mann. Keinen Vater.

 

Und damit auch keinen Schutz. Stellen wir uns den umgekehrten Fall vor: Ein norwegischer Tourist vergewaltigt eine Frau in einem islamischen Land. Vermutlich würden er noch in selbiger Nacht gelyncht werden. Wäre er in einem Land, in dem Schusswaffen frei verfügbar sind, hätte er vier Kugeln im Kopf: eine vom Vater, eine vom Bruder, eine vom Ehemann, eine vom Sohn.

 

Die westliche, weiße Frau dagegen hat sich von allen losgesagt: „Väter sind Täter“, lautet die feministische Parole. Auch die Brüder wurden ausgemustert. Nach den inzwischen verbindlich gemachten Sprachregelungen, die Luise Pusch vorgegeben hat, heißt es: „alle Menschen werden Schwestern“. Der Ehemann – falls es überhaupt jemals einen gab – ist entsorgt, ein mögliches Kind wurde abgetrieben.

 

Die Trennung ging von den Feministen aus. Männer konnten sich dagegen nicht wehren. Heute hat ein Vater keine Autorität mehr, er darf nicht einmal erfahren, ob er wirklich der Vater ist; die Frau hat heute ein – wie es heißt – Recht auf „geschützten Mehrverkehr“, womöglich darf er sich der elterlichen Wohnung nur noch bis auf fünfzig Metern nähern. Ein Ehemann hat keine Möglichkeit, eine Scheidung und den Verfall der ganzen Familie zu verhindern. Einen Bruder haben die vielen Einzelkinder sowieso nicht – Kinder auch nicht.

 

So bleibt einer Frau der fünfte Mann, der gefährliche (aber auch faszinierende) Fremde. Es bleibt ihr außerdem die Solidarität mit Feministen. Und es bleibt ihr die Sehnsucht nach einem starken Staat – nach einem totalitären Staat. Die westliche, weiße Frau hat sich dem „großen Bruder“ anvertraut, der tatsächlich mehr und mehr so geworden ist, wie ihn George Orwell beschrieben hat: ein Überwachungsstaat, der „doublethink“ eingeführt hat, und Männer in ihrem Sinne überwacht und zur Kasse bittet.

 

Der Staat ist großer Bruder und Vater zugleich. Deshalb sagt man auch, dass sich die westliche Frau „Vater Staat“ an die Brust geworfen hat. Er soll ein möglichst strenger und mächtiger Vater-Ersatz sein. Er bemüht sich ja. Er hat eine imposante Frauen-Bevorzugungs-Bürokratie aufgebaut, die sich allerdings in erster Linie darum kümmert, sich selbst zu erhalten. Vater Staat fördert alles, was die Geschlechtertrennung weiter vorantreibt und verspricht den alleinstehenden Frauen neue Karriere-Chancen, um eigenes Geld zu verdienen und auf eigenen Füßen zu stehen – bis sie im Alter merken, dass Alleinsein nicht glücklich macht und das Geld nicht reicht.

 

Es wird kein gutes Ende nehmen. Der Staat kann einer Frau die vier Männer, von denen sie sich losgesagt hat, nicht ersetzen. Er kann sie im Ernstfall nicht einmal schützen. Das merken die jungen Frauen – nicht nur in Norwegen: Polizei und Presse halten sich bedeckt, und im Schatten der Political Correctness können die orientalischen Vergewaltiger ungestraft agieren. Für die Frauen ist es ein weiterer Beweis dafür, dass die Männer auf der ganzen Linie versagt haben. Alle. Sie sind böse. Sie sind Verbrecher. Sie taugen nicht als Beschützer.

 

In Alexis Sorbas von Nikos Kazantzakis wird beschrieben, wie fremde Männer in ein Dorf kommen und die jungen Mädchen darauf mit Angstreflexen reagieren und weglaufen. Warum? Sie haben eine tief sitzende Panik geerbt, aus Zeiten, als Piraten die schutzlosen Inseln überfielen und Menschen raubten, entführten und versklavten. Das war nicht nur auf Kreta so, sondern auch in Irland und Island, wo man bis heute – um das Trauma zu verarbeiten – an Gedenktagen Szenen aus solchen Dramen nachspielt und die Verstecke aufsucht, in denen sich die Frauen einst in Sicherheit gebracht hatten. Die feministische Vergewaltigungs-Propaganda nutzt die alte Angst und benennt einen neuen – allerdings falschen – Feind: den Ehemann, den Vater. Damit stürzt die ängstliche Frau ins Bodenlose.

 

Zu einer Vergewaltigung gehören mehr als zwei. Als im Zweiten Weltkrieg Soldaten aus Russland und aus der Ukraine ins Deutsche Reich einfielen und massenhaft Frauen vergewaltigten, taten sie das nicht allein deshalb, weil sie so lüstern gewesen wären und es auf die deutsche, blonde, unschuldige Frau abgesehen hätten – so wie es die Propaganda ausgemalt hat.

 

Sie taten es, weil sie den deutschen Mann hassen gelernt hatten und alles vernichten wollten, was diesem lieb und teuer war. In Berichten aus früheren Kriegen kommt das noch deutlicher heraus: Ein Sieger, der die Frau des Besiegten vergewaltigt, siegt damit zum zweiten Mal. Gemeint ist bei so einem Verbrechen nicht nur die Frau allein, sondern auch ihr Mann, dem damit eine weitere Niederlage zugefügt wird. Die Attraktivität der Frau spielt eine untergeordnete Rolle.

 

Wichtiger als ihr Reiz ist die Verachtung, die einer Frau entgegenschlägt. Der Vergewaltiger drückt nicht etwa Zuneigung aus, sondern Ablehnung. Nicht Verehrung, sondern Geringschätzung. Was Oslo erlebt, ist nicht etwa ein Krieg des Mannes gegen die Frau, wie es uns die feministische Propaganda weismachen will, die gewohnheitsmäßig falsch verallgemeinert. So ist es nicht. Es ist ein Krieg der Kulturen: Der orientalische Vergewaltiger vergreift sich ausschließlich an westlichen Frauen, nicht an orientalischen.

 

Er kann sehr wohl unterscheiden. Er vergreift sich gezielt an dem Typus Frau, der seine Werte verlacht und bedroht; ein Typus, der, wie er meint, sowohl von Männern als auch von geschützter, exklusiver Sexualität in der Ehe nichts wissen wolle. Keusche Jungfrauen dagegen wären potentielle, schützenswerte Heiratskandidatinnen. Es ist außerdem ein Krieg des orientalischen Mannes gegen den westlichen Mann, bei dem der Vergewaltiger zum Rächer und Eroberer zugleich wird.

 

Der weiße, westliche Mann wird für Vergewaltigungen beschuldigt, die oftmals keine sind. Und denen, die wirklich welche sind, muss er tatenlos zuschauen. Er ist in einer wahrlich tragischen und traurigen Lage. Er durchleidet das, was in dem Buch Schande beschrieben wird. Dort ist der Schauplatz Südafrika. Der Held wird beschuldigt, ein Vergewaltiger zu sein. Er verliert dadurch seine berufliche Existenz, obwohl es in Wahrheit eine unbedeutende Affäre mit Einverständnis der Frau war.

 

 

Schließlich kommt es in dem Buch von John M. Coetzee doch noch zu einer richtigen Vergewaltigung: Seine Tochter fällt vor seinen Augen einem Schwarzen zum Opfer. Er selbst wird verletzt, der Vergewaltiger versengt seine Augenbrauen. Am Ende hat der schwarze Mann nicht nur die Tochter, sondern auch den Besitz des weißen Mannes erobert.

 

 

Es deutet sich an, dass wir solche Dramen auch in unseren Landen erleben werden – in anderer Besetzung, in anderen Variationen, in kleinen und in größeren Dosierungen. Mit und ohne Hotpants.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frauenfußball und gelbe Karte

 

 

 

 

Eins zu Null für Lassahn

 

 

 

Nun kicken sie wieder und ich gucke nicht hin. Es ist lange her, dass ich mir so etwas zusammen mit meiner Mutter, die damals noch lebte, angesehen habe. Sie hatte sich ziemlich geärgert, weil sie eigentlich ihre Lieblingsserie sehen wollte, aber die wurde verschoben, weil Frauenfußball vordringlich war. Pech. Nun sahen wir uns die Bescherung an.

 

Ich weiß noch, dass eine der beiden Mannschaften aus Brasilien war – hätte ich jetzt sagen müssen: eine der beiden Frauschaften oder Mannschaftinnen? Jedenfalls war eins der beiden Teams aus Brasilien. Ich weiß nicht mehr, ob sie gewonnen oder verloren haben, ich habe es nicht bis zum Schluss angeguckt; ich wollte es nicht wissen. Ich gestehe, dass mir die Brasilianerinnen herzlich unsympathisch waren. Dennoch bin ich ihnen dankbar. Sie haben mir deutlich gemacht, was das Besondere am Frauenfußball ist.

 

Es fiel mir gleich auf: Die Spielerinnen applaudierten. Immer wenn es einen einigermaßen guten Spielzug ihres Teams gab, applaudierten sie sich selbst, ganz unabhängig davon, ob die Aktion zum Erfolg geführt hatte oder nicht. Nicht das Publikum applaudierte. Die Spielerinnen taten es. Man hörte es nicht, man sah es nur. Sie spendeten sich Applaus dafür, dass sie ihrer Meinung nach gut gespielt und sich ordentlich Mühe gegeben hatten. Sie brachten sich damit in die richtige Stimmung, es sollte vermutlich so etwas wie eine positive Verstärkung sein.

 

Ich musste an die Zeit zurückdenken, als ich in Amerika Sportler war. Da wurde ein gut gemachter, wenn auch gescheiterter Wurf, als „nice try“ gelobt. Das war’s. Darin lag allerdings eine Spur von Herablassung, als sollte damit gesagt sein: Da müssen wir noch dran arbeiten, nächstes Mal machst du das besser. Letztlich zählte das Ergebnis.

 

Applaudiert wurde nicht. Der Coach klatschte nicht. Wir Spieler taten es auch nicht. Wir wären überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen. Wenn es nach einem Wettkampf im Umkleideraum ein anerkennendes Nicken von einem Teamkollegen gab, dann war’s das. Das reichte.

 

Die Sportlerinnen aus Brasilen waren großzügig. Man kann auch sagen: Sie waren nicht besonders anspruchsvoll. Sie klatschen. Und klatschten. Und klatschten. Womöglich war es ihre spezielle Art, sich Mut zuzusprechen. Ich fand es billig. Es wirkte so, als wären sie auf irgendeine Scharlatanin reingefallen, die ihnen den letzten Schrei in Sachen Motivationstraining angedreht hatte. Wahrscheinlich sagten sie schon am frühen Morgen zu ihrem Spiegelbild: „Tschaka, Tschaka, du schaffst es, dies ist dein Tag.“

 

Es wirkte so, als hätten sie es nötig. So als hätten sie keine echte Motivation, sondern müssten die erst herstellen, wie jemand, der eigentlich keine Lust hat, etwas zu tun, aber trotzdem anfängt und sich sagt: Mal sehen, Appetit kommt vielleicht beim Essen. Man konnte wirklich nicht sagen, dass sie in einem Rausch der Spielfreude über das Feld huschten und dabei über sich hinauswuchsen. Es sah eher so aus, als wollten sie ihre Rolle als Fußballspielerinnen erst noch konstruieren, immer unter dem Vorbehalt, jederzeit wieder abzubrechen und auszusteigen, falls sie nicht genug gelobt werden oder sie sich das wieder anders überlegt haben.

 

Dann kriegte jemand vom gegnerischen Team eine gelbe Karte. Was taten die Brasilianerinnen? Sie applaudierten. Nun wurde es ein anderer Applaus. Damit beklatschten sie nicht ihren eigenen mickrigen Erfolg, sondern den Misserfolg der Gegenseite. Sie beklatschen nicht ihre eigene Stärke, sondern die Schwäche des Gegners. Nicht ihr eigenes Geschick, sondern das Missgeschick der anderen.

 

Schadenfreude ist ein Wort, das auch in Amerika kursiert, als müssten sie ein Wort aus Deutschland importieren, weil sie so etwa nicht kennen. Die Brasilianerinnen kannten es.

 

Deshalb mochte ich sie nicht. Und ich mochte sie nicht, weil mich in dem Moment Frauenfußball an Frauenpolitik erinnerte. An eine Politik, bei der die Erfolge darin bestehen, dass andere geschädigt werden. Ich musste sofort an das Zitat von Alice Schwarzer aus den achtziger Jahren denken, das es inzwischen zu trauriger Berühmtheit gebracht hat: „Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen.“ So kann man reden, wenn man weder einen Sohn, noch eine Tochter hat.

 

So wurde es dann auch gemacht. Die Benachteiligung der Jungs ist inzwischen gut dokumentiert. Gefeiert wird sie als Erfolg der Mädchen. Wie in der Bildung, so in der Politik, im Berufsleben, in der Wirtschaft. Frauenpolitik hat viele Erfolge zu vermelden. Überall gibt es Frauen, denen es leichter gemacht wird, indem man es Männern schwerer macht.

 

Als ich klein war und auf dem Dorf lebte, wollte ich auch – so wie die anderen Jungs – Fußball spielen. Wir hatten einen Ball, mehr nicht. Wir hatten nicht mal den Namen „street football“ für das, was wir da machten. Wir improvisierten. Unseren Tornister waren unsere Torpfosten. Wir vereinfachten die Regeln: fünf Ecken = ein Elfer. Also: Wenn es zum fünften Mal zum Eckball (den wir nicht gut verwandeln konnten) gekommen war, wurde ersatzweise ein Elfmeter (der in eher ein Fünfmeter war) gegeben. Soweit, so gut. Es fehlte nur an Spielern.

 

Die Mädchen wollten nicht. Wir konnten sie schließlich überreden, indem wir die Spielregeln änderten. Das Mädchentor wurde verkleinert, damit es schwerer zu treffen war und für sie galt: drei Ecken ein Elfer. Ich weiß nicht mehr, ob sie gewonnen oder verloren haben. Ich weiß nur noch, dass es kein Rückspiel gab, kein weiteres Spiel.

 

Wir sollten uns an diesen wunderbaren Mädchen (die wir erstaunlicherweise „Wichter“ nannten) ein Beispiel nehmen! Ich habe sie in bester Erinnerung. Sie haben sich zwar in einer schwachen Minute überreden lassen, es mit „affirmative action“ und mit positiver Diskriminierung zu probieren, haben es dann aber bleiben lassen und haben lieber das getan, wozu sie wirklich Lust hatten (für Lust hatten wir erstaunlicherweise eine Art Plural, wir sprachen von „Lusten“).

 

Die Mädchen haben nur gemacht, was sie wirklich wollten. Sie haben vermutlich instinktiv gewusst – man soll die Mädchen vom Land nicht unterschätzen –, dass sie nur dann zu einem echten Selbstbewusstsein kommen, wenn sie ohne Motivationstraining auskommen, ohne Girls’ Day und ohne diesen ständigen Druck, eingefahrene Rollenbilder zu ändern und zu dekonstruieren.

 

Ich bin sicher, dass sie so ein Aufmunterungs-Video wie das von der Allianz lächerlich finden. Was sehen wir da? Da wird uns in einem humorfernen Sketch mit dem kecken Comedy-Sternchen Carolin Kebekus gezeigt, dass Frauen alles besser können. Es ist so offensichtlich falsch, so verlogen, so gehässig, dass sich sogar die Dummerchen aus den großen Städten gelangweilt abwenden. Der faule Zauber gelingt nur, wenn die Frau gleichzeitig Schiedsrichterin und Kommentatorin ist – und wenn alles unecht ist. Es ist brasilianisches Klatschen. Der Erfolg beruht auf gelben Karten für die Gegner. Und die gelben Karten sind Fehlentscheidungen der Schiedsrichterin.

 

 

Die Mädchen aus dem Dorf wären darauf nicht reingefallen. Ich möchte sie herzlich grüßen: Anneliese, Irmgard, Hannelore, Gerda, Ingetraut, Christa, Renate, Jutta … und wie sie alle hießen.

 

Ich heiße Lassahn. Das Dorf mit den wunderbaren Mädchen heißt nicht so. Doch es gibt einen Ort, der so heißt. Da gibt es eine Fußballmannschaft. Und die ist mit einem legendären Tor Führung gegangen: 1 zu 0 für Lassahn! Siehe oben!

Falsche Freunde. Falsche Feinde

 

 

Falsche Freunde und falsche Feinde.

Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.

 

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Es ist immer fünf vor zwölf

 

Es geht um brutale Gewalt, um Schwule, Lesben, Transen und Feministen, sowie um Bücher und Meinungsfreiheit. Im übertragenen Sinne geht es um die Uhr des Lebens, um Lawinen sowie um Adler und andere Vögel. Außerdem geht es – ebenfalls im übertragenden Sinne – um eine brennende Hütte und um die Frage, warum Volker Beck nicht die Feuerwehr ruft.

 

Die Bundestagsfraktion der Grünen hat in Berlin ein Fachgespräch veranstaltet mit prominenter Besetzung auf dem Podium, u.a. mit Volker Beck, Kai Gehring, Prof. Sabine Hark, Ulle Schwaus, Laurel Braddock (Beratung für schwule und lesbische Heranwachsende) und Anne Wizorek.

 

Sie sind allesamt bekannt als schwule, lesbische oder feministische Aktivisten. Das passt. Es ging bei dem Fachgespräch nämlich um „Strategien gegen Anti-Feminismus und Homophobie“ – also um Strategien gegen Leute, von denen die Promis auf dem Podium annehmen durften, dass sie von denen nicht gemocht werden und dass die sich ihren aktuellen Plänen in den Weg stellen wollen.

 

Es ging nicht etwa um ein Gespräch mit diesen Leuten. Vielmehr ging es um ein Gespräch über solche Leute. Da sich alle auf dem Podium einig waren, war es langweilig. Es war eine Verkündung von oben herab zu einem gleichgesinnten Publikum. Es war keine Diskussion mit Für und Wider, Pro und Contra, wie man das vielleicht noch von früher kennt.

 

 

Die Lawine und die Adler

 

Zwei fatale Irrtümer wurden bei der Veranstaltung deutlich. Nicht etwa dem Publikum oder den Meinungsführern auf dem Podium. Im Gegenteil – die schienen sich pudelwohl zu fühlen. Den kritischen Beobachtern wurden sie indes schnell klar, zum Beispiel dem Informatiker Hadmut Danisch, der darüber einen launigen Bericht verfasst hat, der gut zu lesen, aber auch von erschreckender Deutlichkeit ist. Oder Wolle Pelz, ebenfalls Informatiker und freiwilliger Protokollführer, dem aufgefallen ist, dass stets von „Maskulinisten“ die Rede war – eine Bezeichnung, mit der eine Menschengruppe benannt werden soll, die es gar nicht gibt.

 

Der erste fatale Irrtum liegt darin, dass der richtige Gegner nicht erkannt wird. Die Experten auf dem Podium wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. Kein Wunder also, dass niemand auf dem Podium war, der auch nur ansatzweise anderer Meinung war; die Veranstalter hätten gar nicht gewusst, wen sie hätten einladen sollten; denn sie wissen tatsächlich nicht, wer diejenigen sind, denen sie mit ihren „Strategien“ entgegentreten wollen und wer diejenigen sind, die eine wirkliche Gefahr darstellen.

 

Oder sie wissen es sehr wohl und verschweigen es bewusst. In beiden Fällen ist es fatal für die Lesben, Transen, Homos und Feministen, die damit über ihre wahren Gegner getäuscht werden. Gleichzeitig werden unnötigerweise diejenigen, die gar nicht die wirklichen Gegner sind, bestraft und geschädigt.

 

Stellen wir uns vor, da geht ein Wanderer auf einem Weg, auf dem die Gefahr besteht, dass ausgerechnet da Lawinen niedergehen. Nun kommt die Bergwacht, verschweigt dem Wanderer die Gefahr von Lawinen und redet ihm ein, dass er von Adlern bedroht sein könnte, deshalb müsse man überlegen, ob nicht zu seiner Sicherheit alle Adler und bei der Gelegenheit auch alle sonstigen Vögel abgeschossen werden müssen.

 

Der zweite Irrtum liegt darin, dass die Herrschaften auf dem Podium verkennen, was die vermeintlichen Gegner eigentlich angreifen wollen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die berühmte Unterscheidung, die früher einmal gemacht wurde, als – zumindest nach außen hin – differenziert wurde zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Menschen. Hier findet so eine Differenzierung nicht statt: Es werden dem empfindsamen Publikum Menschenfeinde präsentiert, die in Wirklichkeit keine Menschenfeinde sind, sondern Sachfeinde.

 

Eine sachliche Diskussion wird jedoch gemieden. Um welche Themen geht es? Anne Wizorek fasste die Kritik, die sie wahrnimmt, folgendermaßen zusammen: Sie richtet sich gegen Gender-Mainstreaming, gegen die „Wissenschaft von der Geschlechter-Forschung“, gegen geschlechtergerechte Sprache, gegen Quotenregeln.

 

Zu diesen Punkten wird jedoch grundsätzlich keine Kritik zugelassen. Ersatzweise wird jeder, der Kritik dazu äußert, als antifeministisch, rechtsradikal und homophob hingestellt und geächtet. Deshalb ging es auch, wie es der Titel der Veranstaltung sagt, um „Strategien gegen …“ – jedoch nicht um Strategien gegen Meinungen, sondern um Strategien gegen Menschen. Da keine Sachdiskussion stattfindet, werden aus Gegnern in der Sache schwuppdiwupp Gegner der Menschen.

 

Doch in Wahrheit werden die Schwulen, Lesben, Transen und Feministen nicht gehasst. Jedenfalls nicht von denen, die ihnen das Podium präsentieren will. Natürlich ist es so, dass sie nicht von allen geliebt werden. Das kann man auch nicht erwarten. Aber jemanden nicht zu lieben, bedeutet nicht, ihn zu hassen. Kritik ist ebenfalls kein Hass, sondern Kritik. Die ist nicht nur erlaubt, sie ist notwendig. Die Kritik, die es tatsächlich gibt, richtet sich nicht gegen die Menschen im Publikum, sondern gegen die Politik, die von den Aktivisten auf dem Podium vertreten wird.

 

Die anwesenden Tunten – es waren jedenfalls auffällig viele da – werden damit an einem empfindlichen Punkt berührt. Ihre Besonderheit konfrontiert sie ständig mit der Frage: Wie wirke ich? Wie reagieren andere auf mich? Auf diese „gute Frage“, wie man heute sagt, erhalten sie eine schlechte Antwort. Sie sind weder so beliebt und so wichtig, wie es ihnen die Grünen weismachen wollen, noch sind sie so verhasst. Die Grünen präsentieren sich als falsche Freunde und bieten ihnen an, sie vor falschen Feinden zu schützen.

 

 

Sind sie von allen guten Geistern verlassen? Sind Intellektuelle jetzt ihre Gegner?

 

Kai Gehring, Mitglied des Bundestages, hat diejenigen, die er als Gegner sieht, grob in drei Gruppen aufgeteilt. Wohlgemerkt: Er sieht eine Gegnerschaft in Menschen, nicht in Argumenten. Er nennt dann auch keine Argumente, sondern Menschengruppen – und zwar: die „religiös Motivierten“, die „politisch Motivierten“ und … An dieser Stelle will ich gleich einen ersten Zwischenruf anbringen: „Na und?!“

 

Das besagt gar nichts. Warum sollte man etwas gegen solche Leute haben? Wir haben Religionsfreiheit und wir wünschen uns mündige Bürger, die sich engagieren und die gut motiviert an der Gestaltung der Politik mitwirken und nicht einfach nur lustlos alle vier Jahre ein kleines Kreuzchen malen. Was ist dagegen einzuwenden? Motiviert zu sein ist noch kein Inhalt und macht noch lange keine Gegnerschaft aus.

 

Die dritte Gruppe, die Kai Gehring erwähnt – die „Intellektuellen“ – bilden überhaupt keine Gruppe. Das sind einzelne, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, die sich auf eigene Faust an Diskussionen beteiligen und so am Prozess der Meinungsbildung mitwirken. Dagegen spricht auch nichts. Die geheimnisvollen Maskulinisten gehören zu den Intellektuellen.

 

Wenn wir uns die Gruppen näher ansehen, bestätigt sich, was ich anfangs angesprochen habe – nämlich: Die angeblichen Gegner sind allesamt harmlos und stellen für Lesben, Schwule, Transen und Feministen keinerlei Gefahr dar. Die „Gruppe“ der Intellektuellen sowieso nicht. Die schreiben nur, die beißen nicht. Es sind womöglich seltsame, aber letztlich ungefährliche Vögel: Adler, Geier, Nachtigallen, Papageien … Intellektuelle hassen auch nicht – ihr Intellekt verbietet ihnen das. Sie bemühen sich vielmehr um eine wahrhaftige Sicht auf die Welt in ihrer Komplexität. Mehr oder weniger erfolgreich, versteht sich.

 

Außerdem bewegen sich die Autoren im geschützten Freiraum des Geistes. Die Meinungs- und Kunstfreiheit, die sie für sich in Anspruch nehmen, korrespondiert mit der Freiheit des Lesers, der sich nach der Lektüre seine eigene Meinung bilden kann (und das auch tun soll) und der selbstverständlich die Freiheit hat, ein Buch nach wenigen Seiten beiseitezulegen oder gar nicht erst anzufassen. Lesen färbt nicht ab. Wenn jemand ein Buch liest, bedeutet es nicht, dass er allem, was darin steht, zustimmt und eins zu eins für sich zu übernehmen muss.

 

Eine Leserschaft ist ebenfalls keine Gruppe. Sonst hätten wir es mit einer unüberschaubare Menge von Gruppen zu tun: mit Harry-Potter-Lesern, Shades-of-Grey-Lesern … Hinzu kommt, und das sollte Kai Gering berücksichtigen, dass die meisten mehr als ein Buch lesen.

 

Einfach nur ein paar Namen von Autoren in den Raum zu werfen – wie es auch Volker Beck getan hat – und dabei gänzlich auf Inhalte zu verzichten, verrät eine Haltung, die das Individuelle nicht schätzt und die Freiheit der Kunst und Meinungsäußerung missachtet. Das ist intellektuellenfeindlich, was eine Variante von Menschenfeindlichkeit ist, und wirkt so, als hätten die Politiker der Grünen Angst davor, dass jemand selbständig denkt.

 

Den Eindruck musste man tatsächlich haben. Da wurden vom Podium herab Namen präsentiert, als würden sie damit zum Abschuss freigegeben: Kelle, Kuby, Matussek, Martenstein, Pirincci. Ich bin mir sicher, dass die Herrschaften die Bücher gar nicht gelesen, sondern nur irgendetwas darüber gehört haben. Schlimmer noch: Sie sind offenbar der Ansicht, dass es auch nicht nötig ist, sich damit zu befassen. Name genügt. Angela Merkel hat Sarrazin schließlich auch nicht gelesen.

 

So werden diese Autoren, die etwas „zur Sache“ geschrieben haben, hingestellt als wären es Autoren, die etwas „gegen Menschen“ haben. Damit wird dem Publikum unnötig Angst gemacht und es werden Autoren, die mit ihrem Namen für das einstehen, was sie schreiben, persönlich angegriffen. André Heller sagte einst: „Denn merke: Wer das Denken nicht attackieren kann, attackiert den Denkenden“.

 

Die Herrschaften auf dem Podium schienen nicht viel von ihrem Publikum zu halten. Sie vermuteten – wahrscheinlich sogar zu recht –, dass es aus unkritischen Jubeltunten besteht, die schon zufrieden sind, wenn man – was unter Intellektuellen als Foulspiel, ja geradezu als Todsünde gilt – nicht etwa die Position, sondern die Person angreift und sich damit auf die ganz billige Tour eine inhaltliche Auseinandersetzung erspart.

 

 

Politiker, die Angst haben vor der Demokratie

 

Bei den „politisch Motivierten“ nannte Kai Gehring die AfD. Auch hier möchte ich ihm ein herzhaftes „Na und?!“ entgegenhalten. Die AfD ist neu im Parteienspektrum, ihr Programm unterscheidet sich von dem der Grünen und sorgt damit für eine wünschenswerte Vielfalt. Niemand muss sie wählen (es muss auch niemand ein Buch lesen). Soweit ist alles prima. Nun treten die Parteien in einen offenen Wettbewerb um Wählerstimmen. So ist Demokratie. Was ist daran falsch?

 

Von einem Mitglied des Bundestages erwartet man nicht unbedingt Leseempfehlungen (man erwartet auch nicht, dass von Büchern abgeraten wird), vielmehr wünscht man sich einen Bericht aus der Welt, in der sich ein Politiker auskennt. Wie ist es da? Wie sehen die Differenzen auf der politischen Bühne aus? Da kommt nichts. Fast nichts. Die AfD will partout nicht „gendern“ wird geklagt, die wollen stur bei diesem „AfD-Sprech“ bleiben, wie die nicht gegenderte Sprache inzwischen genannt wird. So der Vorwurf. Da wurde es endlich mal konkret. Und banal.

 

Wieder ertönt ein herzhaftes: „Na und?!“ So wird man nicht zum Gegner. Wenn jemand weiterhin so reden will, wie er es bisher getan hat, dann gehört er zu den Leuten, die bei einer Mode nicht mitmachen wollen, bei der sie auch nicht mitmachen müssen. Nicht-Mitmachen ist keine Gegnerschaft. Wenn sich jemand einer Sprachvorschrift nicht unterwerfen will, dann kann der Grund dafür auch in der Fragwürdigkeit der Sprachvorschrift liegen.

 

Es herrscht sowieso politische Windstille. Es gibt keinen scharfen politischen Gegenwind. Scharfen Gegenwind, den die Grünen fürchten müssten, gäbe es, wenn die AfD als etablierte Regierungspartei an der Macht wäre und sich aus der Position der Stärke heraus Strategien überlegte, wie sie der Gender-Sprache entgegentreten könnte und beispielsweise Strafmandate für den Gebrauch des Binnen-Is in Erwägung zöge.

 

So ist es nicht. Das war nur ein Gedankenspiel mit mehreren Konjunktiven. Selbst wenn es so wäre, dann befänden wir uns damit immer noch im grünen Bereich. Da blieben wir auch, solange die politischen Auseinandersetzungen weiterhin nach genau den Regeln ablaufen, die dafür vorgesehen sind. Selbst wenn es jemals soweit kommen sollte, müssten die Grünen damit umgehen können und müssten so eine Auseinandersetzung nicht fürchten. Es sei denn, sie fürchten die Regeln der parlamentarischen Demokratie. Tun sie das? Es sieht fast so aus.

 

Die Ja-Sager und die Nein-Sager

 

Wenn man sich ein brauchbares Bild von den Gegnern machen wollte, müsste man noch eine weitere Unterscheidung treffen, die sich anhört, als wollte man sich auf Brecht und das Stück die ‚Jasager’ beziehen („Viele werden nicht gefragt, und viele sind einverstanden mit Falschem. Darum: Wichtig zu lernen ist Einverständnis“). Wir müssen nämlich nicht nur zwischen Ja-Sagern und Nein-Sagern unterscheiden, sondern obendrein zwischen Nein-Sagern und Nichts-Sagern. Wir kennen das: Der Computer bietet uns immer wieder drei und nicht nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Ja/ Nein/ Abbrechen.

 

Denn die meisten sagen nicht etwa „Nein“ zu Homos, Feministen und Transen – also zu den so genannten Buchstabenmenschen, den LGBTIlern ­– sie sagen vielmehr gar nichts dazu. Sie kennen sie nicht mal. Die meisten sagen auch nicht „Nein“ zu den Bildungsplänen (die sie auch nicht kennen). Sie sagen auch nicht „Nein“ zu einer gendergerechten Sprache, so wie es die AfD tut, sie sagen einfach nichts dazu. Ein „Nicht“ ist kein „Nein“. Im politischen Spektrum sind die Nichts-Sager inzwischen die größte Gruppe, es sind die Nicht-Wähler.

 

Auch bei denen müssen wir unterscheiden – das klingt wiederum nach Ernst Bloch – zwischen einem Noch-nicht und einem Nicht-mehr, also zwischen denen, die noch nicht so weit sind, dass sie sich zu einem „Ja“ oder „Nein“ durchringen konnten und denen, die eine klare Ja- oder Nein-Position inzwischen wieder verlassen haben.

 

 

Eine kurze Meldung zwischendurch für alle, die ungeduldig werden und sich langsam langweilen – wie es bei einem Kommentar zu einer solchen Veranstaltung auch zu befürchten ist: Die Lawine kommt noch.

 

 

Ich will nur noch schnell – was ich schon früher hätte tun sollen – auf den Titel der Veranstaltung hinweisen: ‚Wer will die Uhr zurückdrehen?’ Na, wer wohl? Keiner. Falls es doch einen geben sollte, dann wird er damit keinen Erfolg haben. Auch nicht bei dem Versuch, die Uhr anzuhalten. Beides geht nicht. Brauchen die Grünen etwa Strategien gegen Leute, die etwas versuchen wollen, das sowieso zum Scheitern verurteilt ist?

 

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Wohl kaum. Ihre Strategien richten sich gegen etwas anderes; sie richten sich, wie sie es selbst sagen, gegen Reaktionäre. An dieser Stelle soll mein letztes „Na und!?“ ertönen. Es reicht nicht, einfach nur zu sagen, dass es Reaktionäre gibt, ohne zu erklären, was an deren Haltung so schlimm sein soll. Reaktionäre gibt es. Es wird sie immer geben. Jedenfalls solange die Bevölkerung noch nicht gleichgeschaltet und über einen großen Kamm geschoren ist. Wenn es keine Reaktionäre gibt, gibt es auch keine fortschrittlichen Kräfte.

 

Erst wenn alle auf einem Entwicklungsstand sind, ist Ruhe. Friedhofsruhe allerdings. Dann gibt es keine Sitzenbleiber und keine Überflieger mehr. Dann gibt es nicht mehr das, was Ernst Bloch die Ungleichzeitigkeit genannt hat. Dann gibt es niemanden mehr, der noch nicht – oder nicht mehr – „Ja“ oder „Nein“ sagen möchte, dann sagen alle nichts, beziehungsweise alle dasselbe – was letztlich auf dasselbe hinausläuft. Dann ist eine Egalität erreicht, bei der alles egal ist. Dann kann der Nachtwächter getrost verkünden, dass die Uhr nichts geschlagen hat.

 

So langsam verdichten sich die Hinweise, dass die Grünen genau das anstreben. Ein erster Hinweis lag in dem flüchtigen Blick auf die politische Landschaft, auf die Gruppe der „politisch Motivierten“, wie Kai Gehring sie genannt hat. Da war kein wirklicher Gegner mehr erkennbar. Kein Wunder.

 

Die Parteien sind längst gleichgeschaltet. Alle sind dem Gender Mainstreaming verhaftet, alle gendern die deutsche Sprache zugrunde und haben schon längst keine Wähler mehr, sondern „Wählerinnen und Wähler“, alle beteiligen sich am Gender-Pay-Gap-Schwindel, alle sind für Quoten, alle sind für die so genannte Vielfalt, mit der die traditionelle Familie überwunden werden soll, alle sind für sexuelle Frühaufklärung (ohne darüber aufzuklären, was den Kleinen damit schon früh zugemutet wird), alle sind für mehr Toleranz, für noch mehr Toleranz und für Akzeptanz. Alles ist alternativlos.

 

So soll auch die journalistische Landschaft sein. Dass jemand wie Ronja von Rönne es tatsächlich „gewagt“ hat, einen kritischen Artikel zum Feminismus zu schreiben, fanden die Vorsitzenden auf dem Podium empörend. Also wirklich! Das geht gar nicht. Und dann ist es auch noch eine Frau, die so einen „radikalen“ Text geschrieben hat. Eine Verräterin! Inzwischen hat sie nach einem Shitstorm mit heftigen Drohungen (sie wurde als rechtsradikal gebrandmarkt, man schrieb ihr, dass sie allein wegen dem „von“ im Namen „an die Laterne“ gehört) ihren Blog wieder eingestellt. Na also. Geschafft. Wieder ein Mensch, der sich duckt und schweigt.

 

3fünfvor

 

 

 

 

 

 

Der Titel ‚Wer will die Uhr zurückdrehen?’ soll irgendwie poetisch sein. Klar. Das darf man nicht wörtlich nehmen. Das weiß ich auch. Doch was ist gemeint? Was sind das für Leute, um die es geht? Kann man vielleicht so sagen: Es sind Leute, die etwas erhalten wollen? Etwas bewahren?

 

Hier zeigt sich wieder, wie schwer das Versäumnis wiegt, keine Inhalte zu nennen. Denn etwas erhalten zu wollen ist genauso wenig verwerflich wie motiviert zu sein. Es kommt ganz darauf an, wozu man motiviert ist und was man erhalten will. Sind denn nicht auch die Grünen – bei anderer Gelegenheit – dafür, etwas zu erhalten? Zum Beispiel den Regenwald. Das Sozialsystem. Den Rechtsstaat. Sind sie dann nicht auch Reaktionäre? Regenwald-Reaktionäre.

 

Wie ist es mit dem Klassenerhalt? Nie wieder zweite Liga! Ich bin jedenfalls dafür, die Unschuldsvermutung und die Pressefreiheit (sofern noch vorhanden) zu erhalten und die Muttersprache als Mittel zur Verständigung. Ich bin auch dafür, die Familien zu erhalten und weiß sehr wohl, dass ich mich damit bei der Veranstaltung lächerlich gemacht hätte.

 

 

Brutale Gewalt und schleichendes Unglück

 

Da hätten sie endlich einen gehabt, auf den man mit dem Finger zeigen könnte: Seht an! Da ist so einer, der will die Uhr zurückdrehen. Das will ich nicht. Dazu habe ich weder die Kraft noch die Motivation. Auch nicht die Naivität. Ich muss jedoch sagen, dass es mich betrübt, mit anzusehen, wie die Familien scheitern. Ich beobachte den fortschreitenden Verfall der Familien – auch den meiner eigenen – mit Bedauern und Mitgefühl, ich sehe dabei in erster Linie Verluste, die – um auch mal das Modewort zu benutzen – nachhaltig sind.

 

Mein Mitleid gilt besonders den Kindern. Ihnen wünsche ich, dass sie in einer Familie aufwachsen, in der alle zusammenhalten. Erinnert sich denn niemand mehr daran, dass man uns immer wieder aufgefordert hat, Verständnis für Straftäter zu haben, die keine richtige Eltern hatten, weil das Fehlen von liebevollen Eltern für ein Kind dermaßen schlimm ist, dass man später jedwedes Fehlverhalten entschuldigen muss?

 

Richtig. Auch wenn das Argument der schweren Kindheit gelegentlich als Ausrede benutzt und oft genug überstrapaziert wurde, es stimmt: der Verlust von einem Elternteil oder gar von beiden Eltern – auch der Entzug von Nähe bei Kleinkindern – ist das größtmögliche Unglück, dass sich Kinder vorstellen können. Das sollten wir nicht zu ihrer neuen Normalität machen.

 

Ich kann die Uhr nicht zurückdrehen. Ich kann sie auch nicht vordrehen. Wenn ich es trotzdem versuche und neugierig in die Zukunft blicke – denn so ist das poetische Bild gemeint –, dann sehe ich eine Zukunft für die Familie und nicht für die LGBTILer. Natürlich können sie mit allerlei politischer Unterstützung versuchen, Familienersatz zu schaffen, Kitas auszubauen, Homopaaren die Adoption erleichtern und Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung fördern. Es wird nichts nützen. Wir sind nicht allein auf der Welt.

 

Mit dem „Wir“, das ich nicht so oft und nicht so leichtfertig verwende, wie es die SPD tut, meine ich uns Deutsche. Insgesamt. Nicht nur die Grünen. Alle. Wenn wir als Gesamtheit der Deutschen keine Kinder mehr haben und sie nicht mehr in Familien aufwachsen lassen wollen, dann werden es eben andere tun. Andere, die genau das gerne tun wollen, was wir nicht mehr tun. Die werden dann, wenn es so weitergeht, die Mehrheit bilden.

 

Dass wir nicht allein sind, wissen wir nicht erst seit in letzter Zeit immer mehr nicht-Deutsche zu uns gekommen sind. Es sind längst schon welche da. Für sie steht die Familie an erster Stelle (neben der Religion), jedenfalls haben sie ein Weltbild, in dem der Wert der Familie hochgehalten wird und in dem Lesben, Transen und Feministen nur am Rande vorkommen. Wenn überhaupt.

 

Habe ich gerade die Homos vergessen? Nein. Die spielen durchaus eine Rolle im Weltbild der Migranten, der Zuwanderer, der Flüchtlinge, der Asylanten, der neuen Mitbürger mit Migrationshintergrund. Unter ihnen finden sich viele Nein-Sager, nicht bloß Nichts-Sager. Da finden sich viele, die eine starke Abneigung haben. Da finden sich viele, die genau das ans Licht bringen, was heute eilfertig als Hass bezeichnet wird.

 

Da gibt es Männer, denen Homosexualität zuwider ist. Sie widerspricht all ihren Werten: ihren Traditionen, ihren Kulturen, ihren Träumen, ihren Religionen, ihren Vorstellungen von Familie und von Sexualität. Sie müssen gar nicht erst zu einer schwulenfeindlichen Einstellung verführt werden – womöglich durch Schriften von Intellektuellen. Ihre Abscheu ist fest verwurzelt, sie reicht viel tiefer, als es bei einem so genannten Bio-Deutschen, der sowieso keinen Wert auf seine Wurzeln legt, jemals der Fall sein kann.

 

Nein, ich habe die Homos nicht vergessen. Kai Gehring hatte die Muslime vergessen, als er die Gegner der Buchstabenmenschen in Menschengruppen aufgeteilt hat. Er hat sie unterschlagen. Ich weiß nicht warum. Mir fällt kein guter Grund ein. Einige schlechte Gründe fallen mir sofort ein. Dabei ist er schon dicht dran gewesen, als er die „religiös Motivierten“ als eine Gruppe von Gegnern erkannt hat. Wen sah er da? Evangelikale Gruppen mit einem ungeklärten Verhältnis zur evangelischen Amtskirche und Ultrakatholiken – also Minderheiten ohne Macht und Einfluss und ohne Aggressionspotential. Wen sah er nicht?

 

Der Themenabend auf ‚arte’ unter dem Titel ‚Gleiche Liebe, falsche Liebe ?!? Homophobie in Europa’ schockte schon bei der Ankündigung mit einem Drama: Olivier und Winfred gehen Hand in Hand durch Paris und werden brutal zusammengeschlagen. Von wem? Von Intellektuellen? Von Ultrakatholiken? Wo in Paris sind sie langgegangen?

 

In einem überwiegend von Muslimen bewohntem Stadtteil. Da, wo – um im Bild zu bleiben – Lawinengefahr bestand. Zusammengeschlagen wurden sie von Taieb K. und Abdelmalik M. – die Familiennamen werden vorsichtshalber weggekürzt. Ich nehme an, dass die beiden inzwischen wegen schwerer Körperverletzung bestraft wurden und dass der Fall damit zu den Akten gelegt ist. Es wird jedoch, so ist zu fürchten, weitere Fälle dieser Art geben. Wie kann man damit umgehen? Wie kann der Abgrund, der da sichtbar geworden ist, überbrückt werden?

 

 

Hört auf zu buchstabieren, fangt an zu lesen

 

 

Womöglich gar nicht. Kann man überhaupt noch miteinander reden? Oder haben die Strategien der Dialogverweigerung und die Konstruktionen von Feindbildern zu einem Punkt geführt, an dem ein Gespräch nicht mehr möglich ist?

 

Stellen wir uns folgendes vor: Auf dem Podium sitzt Volker Beck neben einem muslimischen Familienvater, der schon lange in Deutschland lebt. Nennen wir ihn Yilmaz. Dem soll Volker Beck erklären, warum er dringend das Vater-Mutter-Kind-Modell in Frage stellen soll und warum sich Schwule, Lesben und Transen von der Heteronormativität, wie er sie verkörpert, unterdrückt fühlen und dass deshalb seine Kinder (die nebenbei bemerkt vom Schwimmunterricht befreit sind) sexuelle Frühaufklärung brauchen.

 

Herr Yilmaz könnte ihn nicht verstehen. Die Formulierungen, die Volker Beck benutzen würde, klängen für ihn hohl; für ihn wären es Begriffe, die nicht in dem Wörterbuch stehen, das er benutzt. Die Sprache von Volker Beck passt nicht zu seiner Lebenswirklichkeit.

 

Umgekehrt könnte Herr Yilmaz, obwohl er sehr gut Deutsch spricht, seine Vorstellungen auch nicht mitteilen. Er lebt in einer Familientradition, die er fortsetzen und nicht etwa aufbrechen will. Dafür braucht er keine Begründung. Die ist nicht notwendig. Deshalb fehlen ihm auch die passenden Ausdrücke. Für ihn ist seine Lebensweise etwas Selbstverständliches. Das Selbstverständliche braucht keine Rechtfertigung. Wenn er sagen würde, dass er seine Mutter und seine Familie liebt oder sich ihr verpflichtet fühlt, auch wenn sie ihn manchmal nervt, wäre das unpassend und irgendwie peinlich. Vermutlich würde er nichts dazu sagen.

 

Das muss er auch nicht. Es gibt keine spezielle Sprache dafür; man brauchte bisher auch keine. Familien gab es schon, als die Menschen noch nicht einmal so schlichte Sätze sagen konnten wie: „Ich Tarzan, du Jane“. Es ging auch so. Herr Yilmaz könnte sich auch nicht in gegenderter Sprache äußern, dann wäre er nämlich angehalten, bei jeder Gelegenheit das Trennende zu betonen; er würde aber vom Gemeinsamen sprechen wollen.

 

Die beiden kämen nicht auf einen Nenner. Hier offenbart sich ein Dilemma, das man vorhersehen konnte. Die Frage, die bisher im Hintergrund stand, drängelt sich nun in den Vordergrund: Was für Wähler wollen die Grünen? Welche Gruppe ist ihnen lieber? Die Gruppe der Migranten oder die der Schwulen und der Buchstabenmenschen?

 

Beides geht schlecht. Volker Beck ist, wie wir annehmen, nicht islamophob und Herr Yilmaz ist nicht wirklich homophob, man kann ihm auch die Übergriffe der Jugendlichen aus Paris nicht vorhalten, aber die Begriffe „Islamophobie“ und „Homophobie“ und die Verallgemeinerungen, die damit einhergehen, stehen wie kugelsichere Glasscheiben im Raum und trennen die beiden.

 

Selber schuld. Warum haben sich die Grünen auf solche pauschalen Kampfparolen eingelassen – Parolen, die sie nicht mehr unter eine Mütze kriegen? Nun zeigt sich, wie sehr die Projekte Multikulti und Toleranz bisher von Feindbildern genährt wurden – von Feindbildern, die man mit lauter Stimme herbeigerufen hat und nun nicht wieder loswird. Es ist schön bunt geworden im Land, doch die Farben beißen sich. Die Grünen buhlen um Wählergruppen, die sich untereinander nicht grün sind.

 

In den Homos, Lesben, Transen und Feministen sehen die Grünen womöglich ein neues revolutionäres Subjekt, zumindest neue Wähler. Doch solche Hoffnungen könnten sich verflüchtigen, wenn sich herausstellt, dass die Buchstabenmenschen viel zu stark mit sich selbst befasst sind und letztlich doch keine wirklich starke politische Kraft darstellen. Ich vermute, dass sich die Grünen im Zweifelsfall für Herrn Yilmaz entscheiden – ihm haben sie auch die Möglichkeit geschaffen, seine Familie nachziehen zu lassen.

 

Volker Beck sieht die Veranstaltung als großen Erfolg, er kommentierte schon flott: „Wir nehmen den Kampf gegen Hassplauderer & die Gegner der Gleichberechtigung auf. Den ‚Angry White Men’ brennt die Hütte”. Wen meint er damit? Warum freut er sich so über das Feuer? Was sind das für Töne –Hurra-Hurra-die-Hütte-brennt!? Warum ruft er nicht die Feuerwehr? Wessen Hütte brennt denn? Die von Herrn Yilmaz? Und wer sind die Hassplauderer? Diejenigen, die Ronja von Rölle zum Schweigen gebracht haben – oder wer?

 

Die Grünen sollten aufhören zu buchstabieren und anfangen zu lesen. Wenn die Herrschaften auf dem Podium die Bücher, die sie verteufeln, gelesen hätten, wären sie klüger. Hat denn ein Mitglied des Bundestages nicht die Möglichkeit, einen Mitarbeiter oder einen Praktikanten zu beauftragen, Texte durchzuarbeiten, Argumente herauszudestillieren und so übersichtlich aufzubereiten, dass ein Sprecher auf dem Podium in der Lage ist, wenigstens so zu tun, als wüsste er, wovon er redet?

 

Es ist alles da. Wenn ihnen etwa das neue Buch von Michel Houellebecq zu umfangreich sein sollte, dann genügt es, die Besprechung von Michael Klonovsky lesen. Die Probleme sind längst erkannt und beschrieben. Die Grünen müssten nur zugreifen. Sie müssten dazu allerdings ihre bockige Verweigerungshaltung aufgeben und sich der „Gruppe“ der Intellektuellen nicht länger verschließen.

 

Ich finde es armselig, von Büchern, die niemand lesen muss, die aber jeder lesen kann, der will, abzuraten und immer nur „Bäh!“ und „Igitt!“ zu schreien wie Kinder in der Trotzphase. Haben die Grünen außer Verbotsschildern und „Strategien gegen …“ nichts anzubieten? Dann will ich wenigstens eine Leseempfehlung geben – darf es etwas Erzählerisches sein? – und zwar: Harold Nebenzal: ‚Café Berlin’.

 

Das Buch führt uns in das Nachtleben der dreißiger Jahre unter den Bedingungen einer immer strenger werdenden Diktatur. Dabei geht es um die, wie man heute sagen würde, verschiedenen sexuellen Orientierungen unter besonderer Berücksichtigung der Transsexuellen.

 

Interessiert?

 

Homophobie – wie krank ist das denn?!

 

Beginnen wir mit etwas Lustigem. Ich bin ein Freund von ‚Schotts Sammelsurium’ und gehöre tatsächlich zu denen, die das Buch von vorne bis hinten durchgelesen haben. Es ist einfach zu komisch. Ich weiß nicht genau, worin da der Witz liegt, aber das heillose Nebeneinander hat mich immer wieder zum Lachen gebracht: Da stehen meldepflichtige Krankheiten neben Todesarten burmesischer Könige; da gibt es Listen von Schutzheiligen, von Primzahlen und von Weltwundern; da sind Listen von allen Autos, die in James-Bond-Filmen vorkommen und es gibt eine Auswahl von berühmten Belgiern. Alles direkt nebeneinander. Ich weiß nicht warum: it’s somehow funny.

 

Vergnügen bereitete mir auch Oliver Kuhns ‚Alles, was ein Mann wissen muss’, wo ich ein Verzeichnis der Fußballer des Jahres neben einer Liste berühmter Hochstapler und politischer Attentäter finde; da stehen die zehn Gebote neben den zehn ägyptischen Plagen direkt neben dem aktuellen Bußgeldkatalog. Aus dem ‚Handbuch des nutzlosen Wissens’ von Hanswilhelm Haefs weiß ich, dass in der Bibel kein einziges Mal das Wort „Katze“ vorkommt; und in dem unentbehrlichen Standartwerk ‚Ein Mann. Ein Buch’* kann ich nachschlagen, wie man Krawatten bindet, Flugzeuge notlandet und sich im Gefängnis angemessen benimmt. Das ist gut zu wissen. Ich sehe mich bei so einer Lektüre sogleich als Experte für alles und nichts und habe ein gefühltes Bollwerk gegen lästige Besserwisser und Rechthaber – ja, allein das Blättern in solchen Büchern bereitet mir ein stilles Vergnügen.

 

Vielleicht fängt der Jux schon mit dem Begriff Juxtaposition an, mit der das unmittelbare Nebeneinander von Dingen, die nicht in Beziehung zueinander stehen, bezeichnet wird. Ein wenig von so einem Jux habe ich auch in meinem nach ABC geordneten Bücherregal, in dem sich Hans Magnus Enzensberger neben Heinz Erhardt und Groucho Marx neben Karl Marx finden. Doch das ist nur mein kleines Bücherregal. Im Internet geht die Party erst richtig los ­– und nimmt kein Ende. Der digitale Kramladen hat keine geregelten Öffnungszeiten, da ist alles jederzeit verfügbar. Bei Wikipedia finde ich Glasperlen neben Diamanten; ich kann, wenn ich will, bei Shakespeare nachschlagen oder nachgucken, wie die einzelnen Mitglieder der zu recht in Vergessenheit geratenen Popgruppe Tremeloes heißen. Alles geht.

 

Ich habe dann das wohlige Gefühl, ein gut synchronisierter Zeitgenosse zu sein, verloren im Kosmos der Willkürlichkeit, in einer „schlechten Unendlichkeit“, wie es Hegel vermutlich nennen würde, aber das müsste ich noch mal googeln bzw. googlen (und würde damit womöglich an die Grenzen der Möglichkeiten des Internets geraten).

 

Doch man kann nicht immer nur Spaß haben. Man muss irgendwann zurückfinden zum alltäglichen Jammern und Wehklagen – zurück zum zeitgemäßen Leiden. Ich leide auch. Ich leide unter Selachophobie. So nennt man die Angst vor Haifischen, und die gehört zu den 42 Phobien, die in ‚Schotts Sammelsurium’ aufgeführt werden. Zum Glück leide ich nicht unter Philematophobie (Angst vor Küssen) oder unter Keraunothnetophobie (Angst vor herabstürzenden Satelliten). Aber ­– so sehr ich das Buch, das großen Wert auf Vollständigkeit legt, auch schätze – ich vermisse in der Sammlung zwei Phobien, und das sind ausgerechnet die, die heutzutage besonders häufig genannt werden: die Homophobie und die Islamophobie. Vielleicht kommen sie in einer Neuauflage dran.

 

Vielleicht auch nicht. Womöglich gehören sie überhaupt nicht auf die Liste. Vielleicht sind es gar keine richtigen Phobien. Vielleicht verwenden alle, die von Homophobie und Islamophobie reden, falsche Ausdrücke. Möglich ist es. Es müssen sowieso ganz besondere Phobien sein. Ich habe mich schon oft gefragt, was die Herrschaften, die einem so eine Phobie unterjubeln wollen, eigentlich erwarten. Wie stellen die sich das vor? Kann man neuerdings eine Phobie erfolgreich bekämpfen, indem man die armen Leute, die angeblich eine haben, beschimpft und bestraft? Kann der Betroffene dann, sofern er einsichtig ist und den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen will, seine Phobie einfach ablegen wie ein T-Shirt, das dreckig geworden ist? Wie sieht es überhaupt mit Therapiemöglichkeiten aus? Schickt man beispielsweise einen klaustrophoben Menschen kurzerhand zur Behandlung in einen dunklen Bergstollen? Wenig später krabbelt er wieder raus und verkündet erleichtert: Och, war gar nicht so schlimm, wie ich gefürchtet hatte!

 

Ich dachte immer, mit einer Phobie wäre man ein waschechtes Opfer. Wie jemand, der behindert ist oder einen Migrationshintergrund hat. Damit wäre man förderungswürdig, könnte sich jegliche Diskriminierung verbitten und könnte bei Hilfsorganisationen nachfragen, welche Rechte einem zustehen. Man könnte außerdem Trigger-Warnungen erwarten, vorgeschriebene Warnhinweise und Schutzräume. Und was ist? Nichts ist. Es wird einem eine Phobie als Vorwurf um die Ohren gehauen, als wäre man ein Raucher! Ein Täter!

 

Bernhard_Homophobiepapageien

 

Es ist nicht bloß eine mittelschwere oder gar schwergewichtige Unhöflichkeit, es ist mehr: Es ist eine Frechheit, ein Übergriff, eine Boshaftigkeit, eine Attacke. Damit wird man, ohne dass es auffällt, zum Kranken erklärt; und der selbsternannte Phobie-Experte gibt in dem absurden Laienspiel den selbstgefälligen Onkel Doktor mit dem weißen Kittel und der blütenweißen Weste. Aber – eine Frage zwischendurch – hat dieser Doktor überhaupt eine Lizenz? Weißt er, ob eine Phobie angeboren oder sozial konstruiert ist? Ich glaube, dass jeder, der sich in ‚Schotts Sammelsurium’ die Liste mit den 42 Phobien angesehen hat, mehr von Phobien versteht, als derjenige, der sich aggressiv mit dem Vorwurf „Homophobie“ zu Wort meldet. Vielleicht sollte ich noch mal in der Liste der berühmten Hochstapler nachgucken, ob sich da Beispiele von falschen Doktoren finden, die sich der Volkshygiene verschrieben und sich auf Phobien spezialisiert haben.

 

Jedenfalls kann ich von einem Quacksalber, der gesunden Zeitgenossen eine vermutlich nur schwer heilbare Krankheit namens Homo-Phobie anhängen will, nicht ernsthaft erwarten, dass er auch noch mit guten Argumenten kommt. Höchstens mit teuren Rezepten. Oder mit der Spritze. Mit der Giftspritze. Er ist schließlich selber die Verkörperung einer Giftspritze.

 

Es ist nicht lustig. Als ich einmal ahnungslos das Fernsehen einschaltete, geriet ich in eine Comedy-Show, in der ein Scherzbold mit Witzen auftrumpfte, die nicht mein Geschmack sind. Ich konnte mit Erstaunen zusehen, wie er sich im Beifall sonnte; er sagte, dass er nicht daran glaube, dass Homosexualität eine Krankheit ist. Denn wäre es eine Krankheit, so spekulierte er weiter, dann gäbe es bestimmt längst eine rezeptfreie Pille dagegen. Kleine dramatische Pause, damit die Pointe besser sitzt: „Äh, ich meine, ein Zäpfchen.“

 

Ich kann gut verstehen, dass man nicht als krank bezeichnet werden möchte. Wir kennen das womöglich vom Streiten. Manchmal nimmt ein Streit, der bereits böse angefangen hat, ein bitterböses Ende. Dann sagt jemand: „Du bist krank“. Er sagt damit zugleich, dass er dir erst wieder zuhören wird, wenn du gesundet bist. Vermutlich nie mehr. Jemanden als krank zu bezeichnen, ist im ursprünglichen Sinne des Wortes kränkend. Besonders dann, wenn es nicht der Arzt deines Vertrauens ist, der so etwas sagt, sondern jemand, der schon durch seine Ausdrucksweise deutlich macht, dass man ihm nicht vertrauen kann. Ein erfahrener Arzt weiß, wie er einem Patienten schonend etwas beibringen kann. Ein Arzt will helfen. Er will nicht krank machen. Doch wie ist bei denen, die per Ferndiagnose Homophobie attestieren? Was wollen sie? Wollen sie einfach nur Aufmerksamkeit? Wollen sie andere krank machen? Wollen sie eine bessere Welt oder eine schlechtere?

 

Was ich gut verstehen, jedoch nicht gutheißen kann, ist, dass heute die aktiven Sprecher der Homo-Lobby und die betroffenen Schwulen anderen genau das antun wollen, worunter sie selber einst gelitten haben. Ich verstehe es so, dass sie das Unglück vergrößern wollen. Solche Leute gibt es. Denn man muss sich schon fragen: Warum kränken sie vorsätzlich? Warum wollen sie andere zu Kranken erklären? Sie müssten doch wissen, wie es sich anfühlt, wenn man „krankgesagt wird (ich habe das hier ausnahmsweise in einem Wort zusammengefasst wie „totgesagt“). Nehmen wir an, jemand hätte Herpes – und leidet darunter. Ist es dann für ihn eine Genugtuung, wenn andere auch leiden müssen? Möchte er dazu beitragen? Das möchte er. So verstehe ich das.

 

Es gibt solche Leute. Ich kenne selber ein oder zwei solcher Zeitgenossen, denen ich unterstellen muss, dass sie ihr eigenes Unglück unbedingt an andere weitergeben wollen. Auch ein Beobachter wie Alexis de Tocqueville, der mit Sympathie die Entwicklung der Demokratie in Amerika im Anfangsstadium beobachtet hat, hatte Bedenken. Er fürchtete, dass es eine Angleichung in der Schwäche geben könnte und eine niedere Gerechtigkeit angestrebt wird.

 

Ich kann nicht von allen – auch nicht, wenn es sich um Provinzpolitiker handelt – annehmen, dass sie einfach nur besinnungslos drauflosplappern und sich nicht im Klaren darüber sind, was die Begriffe, die sie verwenden, eigentlich bedeuten (es wäre auch keine Entschuldigung). Ich muss vielmehr annehmen, dass fast alle von denen, die polternd von „Homophobie“ sprechen, es auch absichtlich tun. Bewusst. Lustvoll. Sie wollen wehtun. Sie wollen nicht nur ein bisschen sticheln, sie wollen richtige Stiche versetzen. Sie wollen verletzen. Wollen sie dafür auch noch gemocht werden?

 

Wie glauben sie eigentlich, wie die Gekränkten reagieren? Sollen sie sofort den Schwanz einziehen (um einen Ausdruck zu verwenden, den sie womöglich verstehen)? Wie könnten sie überhaupt beweisen, dass der Vorwurf, der gegen sie erhoben wird, unberechtigt ist und dass sie in Wirklichkeit gar nicht homophob sind? Reicht es, ein Bekenntnis abzulegen? Genügt es, wenn man auf schwule Freunde verweisen kann, die sich für einen verbürgen? Oder muss man sich zuerst einmal – woher auch immer – ein Gesundheitszeugnis besorgen, damit man wieder am Dialog teilnehmen darf?

 

Merken denn die Leute, die so giftige Worte in den Mund nehmen, nicht, dass sie die Aversionen, die ihnen entgegenschlagen, selbst herbeigeredet haben? Ein Ausdruck wie „Homophobie“ verursacht Mundgeruch. Wer so redet, darf sich nicht wundern, wenn man ihn nicht mag. Wer anderen Homophobie nachsagt, greift sie an und betreibt üble Nachrede.

 

Also: Lassen wir uns von Hobby-Krankmeldern nichts anhängen. Keine Hysterien, keine Geisteskrankheiten – und erst recht keine Phobien, die (wie ich schnell noch mal in ‚Schotts Sammelsurium’ nachgeguckt habe) nicht meldepflichtig sind.

 

 

 

*inzwischen gibt es als Ergänzung auch ‚Eine Frau. Ein Buch’. Ein Unterschied, der schon rein äußerlich auffällt, ist der: Das Männerbuch ist grau, das Frauenbuch gibt es in drei verschiedenen Modefarben.

 

 

Hüsch bewegt uns immer noch

 

Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute … Hanns Dieter Hüsch lebt nicht mehr. Er würde sonst am 6. Mai seinen neunzigsten Geburtstag feiern können. Nun müssen wir ohne ihn feiern und bei der Gelegenheit können wir uns darüber freuen, dass seine Texte noch leben und darin seine Kunst und seine Eigenarten erhalten bleiben.

 

hanns-dieter-huesch 

 

Eine kleine, öffentliche Geburtstagsfeier findet im Logensaal der Hamburger Kammerspiele statt. Da wird ein neues „Bühnenstück für Hanns Dieter Hüsch“ uraufgeführt, „Und sie bewegt dich noch!“, heißt es. Darin wird aus seinem Leben erzählt und es werden Lieder von ihm dargeboten. Jürgen Kessler, der Hüsch seit 1969 begleitet und eine Werkbiografie erstellt hat, hat die Revue zusammengestellt. In einem Nachwort, das sich direkt an Hüsch im Himmel wendet, versucht er – wenn schon nicht in den Worten von Hüsch selber, so doch in einem Ton, der zu ihm passt ­– die aktuelle Situation auf Erden zu erklären. Er hat keine guten Nachrichten, er spricht:

 

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Was will die Frau?

Es ist eine alte Frage.

Möglicherweise gibt es darauf neuerdings eine Antwort.

 

 

 

Der Apfel und seine Feinde

An einer Stelle fällt Vladimir Nabokov in seinem wunderbaren Buch ‚Erinnerung, sprich’ aus der Rolle und wendet sich direkt an den Leser, als müsste er dringend etwas klären: Es ist nicht so, dass er gegen den Kommunismus ist, weil der seine Familie um ihr Vermögen gebracht hat, es ist die unmenschliche Gleichmacherei, die ihm so verhasst ist.

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Träume in Schwarzweiß

 

Viele können sich nicht mehr vorstellen, wie die Welt aussah, bevor der damalige Außenminister Willy Brandt mit einem historischen Knopfdruck das Farbfernsehen einführte. Damit wurde plötzlich „alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen später singen sollte. Doch es ging nicht so fix, die verschiedenen Farbwelten existierten noch ein Weilchen nebeneinander her. Und es fanden sich gelegentlich noch Zeugnisse aus der Übergangszeit, die mich geradezu rührten, wenn ich etwa ein verschlafenes Hotel entdeckte, das damit warb, dass es auf allen Zimmern neuerdings „Farbfernsehen“ gäbe, und ich habe auch erst spät herausgefunden, was hinter der Abkürzung des großen Elektroladens WAKÜFA steckt: Waschmaschine, Kühlschrank, Farbfernsehen. Inzwischen ist alles bunt.

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