Luther und der Teufel, die Beatles und Jesus …

 

… die singende Nonne und die gerechte Sprache

 

Die Lieder beim evangelischen Kirchentag

 

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, komm Freunde, will ich euch singen …“ Das war Heinrich Heine. Damals. Beim diesjährigen evangelischen Kirchentag hieß es: Ein neues Lied, ein gerechtes Lied, kommt Freunde, wollen wir singen!

 

Zwei Lieder in gerechter Sprache wurden gesungen – im Rahmen der Geschlechterdebatte „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. So war es jedenfalls angekündigt. Ich war gespannt. Und enttäuscht. Es waren überhaupt keine Lieder in „gerechter Sprache“. Die wurden nur fälschlicherweise so genannt.

 

Die Kirche und das populäre Lied

 

Erinnert sich jemand an die Beatles? Klar. Ich sowieso. In dem Film ‚Eight Days A Week’ über die Zeit, als sie auf den großen Bühnen standen, wird der Skandal dokumentiert, der ausgelöst wurde, als John Lennon gesagt hatte, die Beatles seien populärer als Jesus. Da traten sogleich radikale Christen auf den Plan. Beatles-LPs wurden verbrannt. Ihre öffentlichen Auftritte wurden zum Risiko. Da war was los.

 

Erinnert sich noch jemand an die singende Nonne Sœur Sourire, „Schwester des Lächelns“? Womöglich hat noch jemand ihr Lied ‚Dominique’ im Ohr, mit dem sie einst die Hitparaden stürmte. Es hieß damals, die singende Nonne sei populärer als Elvis.

 

Die Millioneneinnahmen gingen direkt an das Kloster und Jeanine Deckers (so ihr bürgerlicher Name) ließ sich das – gutgläubig wie sie war – nicht quittieren. Das Finanzamt bestand auf Steuern, das Kloster hüllte sich in kaltes Schweigen. Sie verließ das Kloster. Hochverschuldet und tablettensüchtig versuchte sie vergeblich, an ihren Erfolg als Sängerin anzuknüpfen, unter anderem mit einem Loblied auf die Pille. Schließlich beging sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Selbstmord.

 

Warum erzähle ich das? Es sind Beispiele für eine Öffnung der Kirche. Oder eben dafür, dass sie sich nicht geöffnet hat. Es sah in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tatsächlich so aus, als wollte sich die Kirche öffnen – öffnen für die unruhige Jugend, öffnen für neue Lieder, öffnen für aktuelle Fragen. Und so gab es den so genannten progressiven Jugendgottesdienst.

 

Die rastlose Jugend stellt Fragen und singt Lieder

 

Das sah dann so aus: Da stand ich mit schlecht gestimmter Gitarre in der Kirche – und wir sangen gemeinsam: „Wir zieh-he-hen auf der-er großen Straße unsres Lebens rastlos hin. Suchen auf der-er großen Straße nur nach Vorteil und Gewinn.“ Soweit die Strophe. Dann sollten Fragen aufgeworfen werden, die speziell auf die Jugend zugeschnitten waren:

 

„Vater im Himmel, so unbe-he-greiflich, wer sagt uns, dass es ihn wirklich gibt? Ob unser Sinnen und Trachten vergeblich (wenn ich das richtig in Erinnerung habe) oder ob er uns wirklich liebt?“ Das waren die Fragen. Wir nannten es nicht „gerechte Sprache“. Es ging auch nicht um eine „Revolution“. Wir sangen das Lied am Reformationstag. So richtig begeistert war ich nicht.

 

Was sagte John Lennon dazu? Seine blasphemische Bemerkung hatte schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, als sie anlässlich der Beatles-Tour in den USA wiederentdeckt und zum Skandal hochgejazzt wurde. Er hatte sich einst in einem Jugendmagazin über die Lieder, die bei solchen progressiven Jugendgottesdiensten gesungen wurden, geäußert. Er mochte sie nicht. Er fand sie zweitklassig und langweilig.

 

Die genauen Formulierungen kenne ich nicht; John Lennon mochte es natürlich, heftig auf die Pauke zu hauen (eigentlich war Ringo der Schlagzeuger), er war nicht gerade zimperlich. Zum Beispiel hat er behauptet, der Erfolg der Beatles beruhe darauf, dass sie die ersten wären, die in der Sprache der Arbeiterklasse singen.

 

Da ist was dran. Was er meinte, war in etwa folgendes: im Jugendgottesdienst werden Lieder gesungen, die Jugendliche hören wollen sollen. Die Beatles sind besser, sie machen es richtig. Sie singen Lieder, die Jugendliche wirklich hören wollen. Kurz zusammengefasst: die Beatles sind populärer als Jesus.

 

Der größte Schatz der evangelischen Kirche

 

Die evangelische Kirche hatte einst mit ihrer Musik einen echten Joker – einen Schatz von unermesslichem Wert. Man kann sagen, was man will: Paul Gerhardt ist ein Liedermacher ersten Ranges. Emil Cioran hat sowieso immer nur gesagt hat, was er wollte, auch wenn es alle Grenzen sprengte, er sagte: „Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiß Gott.“ Na ja. Aber man kann schon verstehen, wie es gemeint ist.

 

Und heute? Heute singen sie Lieder in gerechter Sprache. Doch das sagen sie nur so. Es stimmt nicht einmal. Es ist in Wirklichkeit die gute, alte Sprache, die wir schon kennen. Nur schlecht gemacht. Die besonderen Merkmale der gerechten Sprache (nämlich die Varianten der Innen-Form und der Doppelnennung) kommen in den Liedern in gerechter Sprache gar nicht vor.

 

Das geht auch nicht. Die geschlechtergerechte Sprache ist ein vorsätzlicher Angriff auf die Schönheit und Eleganz der Sprache. Da stottert der Motor. Der Rhythmus wird holperig. In gerechter Sprache kann man nicht singen. Nicht richtig reimen. Robert Gernhardts berühmter Zweizeiler:

 

„Jesus sprach zu den Apachen:

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

müsste in gerechter Sprache lauten:

 

„Jesus sprach zu den Apachinnen und Apachen

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

Das klingt nicht. Es wurde dann auch nicht wie angekündigt ein Lied in gerechter Sprache gesungen, sondern – wie aus dem Effeff – ein Lied in feministischer Fälschung. Statt:

 

„Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren.“

 

heißt es nun:

 

„Lobe die Kraft,

die uns Gott für das Leben gegeben.“

 

Wo ist da die gerechte Sprache? Es ist einfach nur ein anderer Text. Ein anderer Inhalt. Einmal wird der Schöpfer gelobt. Einmal die Kraft der Geschöpfe. Woher haben sie denn die Kraft? Vielleicht von ihrem Schöpfer? Die „Kraft, die uns Gott für das Leben gegeben“ ist nur ein Teil der Schöpfung.

 

Es war nicht alles schlecht früher … doch: es war alles schlecht

 

Es ist eine schlechte Parodie auf ein beliebtes Lied. Die Aussage wird verkleinert. Klar, der Text ist alt. Sechzehnhundert irgendwann. Doch was passiert, wenn man sagt, dass der neue Text nicht etwa „neu“, sondern „gerecht“ ist? Dann sagt man, dass der alte es nicht war. Ein altmodischer Text wird nicht etwa durch einen neumodischen ersetzt. Vielmehr wird ein ungerechter Text durch einen gerechten ersetzt.

 

Prof. Dr. Martin Leutzsch, den wir für die Dauer der Diskussion mit „Martin“ anreden konnten, bekannte sich ausdrücklich dazu, dass die Verfechter der gerechten Sprache auf eine „ungerechte“ Sprache zurückblicken. Noch einmal: bis zur Einführung der gerechten Sprache, war die Sprache, wie sie allgemein im Gottesdienst verwendet wurde, ungerecht. Noch einmal: Die Sprache war ungerecht. Jahrhunderte lang war sie ungerecht. Jahrhunderte lang hat es niemand bemerkt. Was für ein Versagen!? Was für eine Abwertung der Tradition?!

 

Und das nur, um denen gerecht zu werden, die eine Allergie haben gegen den Begriff „Herren“ und nicht mehr wissen, was damit gemeint ist. (Hinweis: Es ist nicht der „Herr“ Pastor).

 

Sie sind auf die Hündin gekommen

 

Die gerechte Sprache richtet Schaden an und zerstört Vertrauen. Sie stellt allen, die ein Lied wie ‚Lobet den Herren’ früher gerne gesungen haben, im Nachhinein ein schlechtes Zeugnis aus. Die gerechte Sprache ist ein Eigentor mit Fallrückzieher, bei dem sich der Spieler schwer verletzt hat. Ich fand übrigens immer, dass ‚Lobet den Herren’ unter den ansonsten eher drögen Kirchenliedern noch relativ flott war; ursprünglich war es tatsächlich als Straßenmusik gedacht, es war ein lagerfeuertauglicher Hit, der in die Kirche Einzug hielt und da populär wurde.

 

Wenn die selbst ernannten Gerechten von heute das Lied nicht mehr mögen, weil sie verlernt haben, was mit dem „Herren“ gemeint war, dann sollen sie es halt lassen. Dann sollen sie neue Lieder machen. Die müssen auch nicht als „Lieder in gerechter Sprache“ bezeichnet werden. Besonders dann nicht, wenn es nicht zutrifft. Dann sollen sie sehen, ob jemand diese Lieder mag und freiwillig singen will.

 

Wollt ihr nicht mal was singen, was ihr wirklich singen wollt?

 

Natürlich gibt es immer wieder neue Lieder, die eine Gemeinde gerne singen würde. Die kommen hinzu und bereichern das Repertoire. Zum Beispiel Lieder von den Beatles. ‚My Sweet Lord’ … Ah, Halt, Stopp, da kommt „Hare Krishna“ vor. Das ist nicht christlich, nicht jüdisch, nicht islamisch. Das geht nicht. Auch ‚Imagine’ sollte ins Gesangbuch aufgenommen werden, aber Yoko Ono erteilte keine Zustimmung, dafür die Zeile „imagine no religion“ zu streichen. Immerhin: Man kann auch mal was Gutes über Yoko Ono sagen.

 

Sebastian Krämer hatte auf einer Großveranstaltung im Rahmen des Kirchentages ein Lied angestimmt, das einen Reim auf „Maracuja“ präsentiert. Richtig. Das Publikum hat es spontan aufgegriffen und mitgesungen: „Halleluja, Halleluja …“ Sebastian Krämer, der als derzeit beste Liedermacher angekündigt wurde, ließ sie aber nicht. Och, schade … Er brach das Stück ab und erklärte, dass weder seine Witz-Version noch das Original von Leonard Cohen christliche Lieder sind. Dann spielte er ein Lied über den Teufel.

 

Die freundlichen Teufel

 

Den Teufel will ich jetzt auch aus dem Sack lassen. Einen Teufelspack, die Gruppe Duivelspack. Die haben ein Lied drauf, das nicht etwa ein Lied in gerechter Sprache ist, sondern ein Lied über gerechte Sprache. Es fetzt. Wenn das bei Kundgebungen gespielt wird, tanzen die Leute auf der Straße. Anschließend darf geklatscht werden. Hier würde vielleicht sogar John Lennon applaudieren. Es ist Musik, die das Publikum hören will. Es sind Songs, die gefallen.

 

Duivelspack ist eine erfolgreiche Fun-Folk-Gruppe. Ich habe selber auch ein paar Lieder gemacht. Ich bin so einer. Ich kenne mich da ein wenig aus. Hier haben wir den seltenen Fall von einem Lied, das ich selber gerne geschrieben hätte. Ich finde es toll.

 

Natürlich wird da mit dem Holzhammer gereimt. So muss das auch sein. So kommt eine lockere Mischung aus Tradition (Minnesang) und Moderne (geschlechtergerechte Sprache) zustande. Der ironische Umgang mit dem Alten und Neuen, schafft einen freundlichen Ton. Sie treten nicht als miesepeterige Lehrmeister auf, sondern als Narren, die über sich selbst lachen können.

 

So geht es los:

 

„Wir beginnen … -innen … -innen …

euch zu beminnen … -innen … -innen …

um zu gewinnen … -innen … -innen:

die Schönheit die von innen kommt.

 

Hallo Leute und Leutinnen,

liebe Fans, liebe Finnen.

Wir Männer wollen minnen

und ein Weiberherz gewinnen,

aber wenn, dann

ohne zu gendern.“

 

Na, endlich. Hier hat das Wort „gendern“ einen großen Auftritt vor historischer Kulisse. Das geht in die Ohren, das bleibt in den Köpfen, das spricht die Herzen an. Ich bin begeistert. Weiter geht es:

 

„Wie soll das miteinander weitergehen,

wenn wir die Sprache so brutal verdrehn?

Das ist politisch ja vielleicht korrekt

Doch ist es das, was frau bezweckt?“

 

Refrain:

„Diese Schönheit, die von innen kommt

ist für die schöne Sprache ein Affront,

liebe Freundinnen, Feindinnen, Heldinnen, Göttinnen

wir gewinnen nie:

eure Herzen mit nem Binnen-I.“

 

So ist es. Diese Gruppe hätten sie für den Kirchentag einladen sollen. Das wäre ein guter Beitrag gewesen für die Debatte um eine geschlechter- oder gendergerechte Sprache.

 

Wenn es weiter im Text heißt „Was die Beginen schon begannen …“, könnte man bei einem Publikum beim Kirchentag womöglich ein Vorwissen voraussetzen: Beginen sind christliche Gemeinschaften, die im 12. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich und anderswo aktiv waren. Die hatten es noch richtig gut; denn:

 

„ … denen drohte

nie die Frauenquote.“

 

Weiter geht es mit dem Teufelspack, die, wie wir sehen, durchaus bereitwillig sind, sich für Neuerungen zu öffnen.

 

„Wir übernehmen ja auch gern

den kleinen Gender-Stern,

sogar als Musik-X

kennen wir nix,

wir probiern es mal,

ab jetzt geschlechtsneutral.

 

Es kommt uns aber oft so vor,

als wäre das ein Eigentor,

weil Gender-Wahn mit aller Kraft

nur neue Unterschiede schafft.“

 

Richtig. Geschlechtergerechte Sprache treibt einen Keil zwischen die Geschlechter. Sie trennt. Sie schafft schlechte Laune und eignet sich speziell – und vermutlich ausschließlich – für selbstgerechte Besserwisser, die gerne andere ins Unrecht setzen und keine Gelegenheit auslassen, selbst an entlegenen Stellen nach unbedeutenden Ungerechtigkeiten zu suchen, auch wenn da schon Gras drüber gewachsen ist.

 

John Lennon hätte vermutlich gesagt: Der Teufel ist populärer als Luther.

 

Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 1

 

Gute Frage. Darüber soll auch im Rahmen des evangelischen Kirchentages gesprochen werden. Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten), an der ich teilnehmen werde, sollen wir uns fragen, wie weit wir schon gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“.

 

Das wollte ich schon lange wissen. Ich möchte hier kurz die Entwicklung aus meiner Sicht beschreiben. Doch zunächst will ich ein Zitat voranstellen: Konfuzius wurde einmal gefragt, was er als erstes machen würde, wenn er ein Land zu regieren hätte.

 

„Ich würde vor allem die Sprache verbessern. Wenn die Sprache nicht einwandfrei ist, sagt man nicht, was man meint. Wenn das Gesagte aber nicht das ist, was man meint, bleibt ungetan, was getan werden soll. Wenn es ungetan bleibt, verfallen die Sitten und Künste und das Recht geht in die Irre. Wenn das Recht in die Irre geht, ist das Volk hilflos und unsicher. Deshalb darf in dem, was gesagt, nichts Willkürliches sein. Es gibt nichts Wichtigeres.“

 

So ist es. Unsere Sprache ist verdorben und wir gehen in die Irre. Wie konnte es dazu kommen? In zwei Schritten: im ersten haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen, als lebten sie nicht miteinander, sondern gegeneinander. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und ganz neu denken. Ich will in diesem Teil zunächst nur den ersten Schritt vorstellen.

 

 

Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wer A sagt, muss auch B sagen. Sagt der Volksmund. Bertholt Brecht ist da anderer Meinung. Er findet, wer A gesagt hat, muss nicht B sagen, er kann auch einsehen, dass A falsch gewesen ist. Doch wer mag schon zugeben, dass er bisher etwas falsch gemacht hat? Mark Twain hat es so zusammengefasst: Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als ihnen klar zu machen, dass sie getäuscht worden sind.

 

Wir sind getäuscht und schrittweise in die falsche Richtung gedrängt worden und können uns nicht mehr erinnern, wann wir angefangen haben, A zu sagen, obwohl wir es gar nicht sagen wollten und damals schon als falsch empfunden haben. 

 

Friedrich Schiller meinte: „Wie menschlich Menschen sind, zeigt ihr Umgang mit der Muttersprache.“ Das ist lange her. Die feministischen Sprachforscherinnen sehen unsere Muttersprache als böse „Männersprache“, die Frauen unterdrückt. Sie muss dringend menschlicher gemacht werden, indem man sie weniger männlich macht – je weniger Mann, desto mehr Mensch, lautet die Parole. Sie behaupten sogar, dass Frauen durch die Sprache, wie sie bisher war, vergewaltigt würden.

 

Die wollen bestimmt nur spielen

Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz sind die lautesten Wortführerinnen. Auch wenn ihre Namen so klingen, als hätte Loriot sie ausgedacht, sie haben keinen Humor. Sie sind nicht bloß unfreundlich, sie sind feindselig. Sie gefallen sich in Sticheleien.

 

Luise F. Pusch findet, dass man Frauenfußball lieber „Fußball“ nennen sollte und das, was wir bisher unter „Fußball“ verstanden haben, als Männerfußball bezeichnen sollten; denn nur Frauenfußball sei richtiger Fußball. Vielleicht hat so ein Auftreten dazu beigetragen, dass man solche Stimmen nicht ernst genommen hat. Man hat nur müde gelächelt, wenn man ein Schreiben an die „Mitgliederinnen und Mitglieder“ erhielt. Man hat das als Kuriosität durchgehen lassen. Linke Tagesszeitungen wie die ‚taz’ und das ‚Woz’ haben das umso begeisterter aufgegriffen und das so genannte Binnen-I – wie in LeserInnen – kreiert, um damit zu betonen, dass sie Frauenanliegen in jeder Hinsicht unterstützen.

 

Erst sollten wir Innen-Schwänzchen anhängen

Wir haben seit den siebziger Jahren eine regelrechte Innen-Invasion erlebt. Schriftsteller hießen nun: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“. Wir wurden überschwemmt mit Innen-Formen, mit Doppelnennungen, Schrägstrichen und Klammern, die dazu führten, dass die Sprache unaussprechlich wurde und dass unser Computer eine BenutzerInnenoberfläche hat. Viele Männer haben das als Gebot der Höflichkeit missverstanden. Darum ging es nicht. Es ging darum, die Geschlechter-Apartheid einzuführen.

 

Die Kluft zwischen Männern und Frauen sollte vertieft werden. Die feministische Parole „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ beschreibt die grundsätzliche Unversöhnlichkeit der Geschlechter, sie beschreibt eine Dissoziation (im Gegensatz zur Assoziation). Männer und Frauen leben demnach in verschiedenen Sphären; dass sie jemals etwas miteinander zu tun haben könnten, liegt außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Feministen wollen keine Vereinigung der Geschlechter. Sie wollen die Scheidung, die seit der Reform des Scheidungsrechtes von 1976 zu einem Massenphänomen geworden ist.

 

Dabei ist die Innen-Form überflüssig; wir konnten uns bisher sehr gut ohne Innen-Schwänze verständigen. Ich bin so alt, ich kann mich noch erinnern. Wenn ich sagen wollte, dass beispielsweise eine Gruppe von Schriftstellern ausschließlich aus Frauen besteht und ich das gesondert hervorheben wollte – was meistens nicht der Fall war –, dann konnte ich sagen „weibliche Schriftsteller“. Man konnte das sogar differenzieren und von „überwiegend weiblichen“ oder „ausschließlich weiblichen“ Schriftstellern reden. Voraussetzung ist dabei, dass die Bezugsgruppe als einheitliche Gruppe erhalten bleibt und dass es einen gemeinsam genutzten Begriff für diese Gruppe gibt – nämlich die „Schriftsteller“.

 

Die Formulierung „weibliche Schriftsteller“ erscheint uns deshalb so ungewöhnlich, weil wir sie (fast) nie benutzt haben. Es gab dafür keinen Anlass. Es gibt auch heute keinen. Wir brauchen keine Innen-Form. Die Innen-Form ist das „Willkürliche“, von dem Konfuzius meint, dass es so etwas in der Sprache nicht geben dürfe. Sie beruht auf dem Missverständnis, dass das grammatische Geschlecht eine Aussage über das natürliche Geschlecht mache.

 

Politisch korrekt, sachlich falsch

Exklusiven Frauengruppen wurden damals überhaupt erst erschaffen oder einfach behauptet. In der Zeit entstanden Frauenhäuser, Frauenbuchläden, Frauenparkplätze, Frauentaxen, Frauencafés und schließlich mit Rita Süssmuth erstmalig ein Ministerium für „Frauen“. Damit wurde der Sprachfeminismus amtlich und in der Politik hörte man von nun an Doppelnennungen.

 

Wenn Ursula von der Leyen über die gefallenen deutschen „Soldatinnen und Soldaten“ spricht, tut sie das aus Prinzip, nicht etwa, weil tatsächlich ein weiblicher deutscher Soldat in Afghanistan gefallen wäre. Die „gerechte“ Ausdrucksweise ist wichtiger geworden als die angemessene. Ideologie triumphiert über Wirklichkeit. Die Sprache wird unwahrhaftig.

 

Arthur Brühlmeier hatte schon früh vor den Risiken und Nebenwirkungen der Doppelnennung und der Innen-Form gewarnt, unter dem Titel „Sprachfeminismus in der Sackgasse“ kann man das nachlesen. Was ist das Problem? Es geht uns mehr und mehr der Begriff für das Gemeinsame verloren und damit verlieren wir auch eine Vorstellung von dem Gemeinsamen. Wir erleiden, wie es Arthur Brühlmeier sagt, den „Verlust des wichtigsten Oberbegriffs der deutschen Sprache, nämlich des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefassten Menschen.“ Friedrich Schiller dreht sich im Grabe um (aber das tut vermutlich sowieso).

 

Ein Bruch ohne gemeinsamen Nenner

Am Wahlabend wird nur noch von „Wählerinnen und Wählern“ gesprochen. Bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg wird von „Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern“ gesprochen, als hätten wir es mit einem Bundesland zu tun, das aus zwei Landesteilen zusammensetzt ist und einen gemeinsamen Namen führt – nämlich Baden-Württemberg –, allerdings unter einer Wählerschaft leidet, die aus zwei Gruppen besteht, die sich auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnten: „Wähler“ empfinden sie nicht als richtige Bezeichnung und reden von „Wählerinnen und Wähler“.

 

Was uns zunächst als unbedeutende Verrücktheit erschien, ist inzwischen zur Norm geworden. Aus dem Abseitigen wurde das Gängige. Wie konnte soweit kommen? Schritt für Schritt. Erst sagten wir A, dann sagten wir B. Wir haben erst eine Kröte geschluckt, dann unser Geschmacksempfinden verloren und schlucken nun eine Kröte nach der anderen.

 

Idiotinnen und Idioten durch Trennung

Eine weitere Station auf dem Weg in die falsche Richtung war die Bibelübersetzung in „gerechter“ Sprache. Da lesen wir von „Makkabäerinnen und Makkabäern“, als hätte es damals schon eine bisher verschwiegene Geschlechtertrennung gegeben. Wir nehmen das hin, auch wenn wir wissen, dass es falsch ist. Es gab auch keine „Jüngerinnen“. Die Bibelübersetzung ist sowieso keine „Übersetzung“, also eine Übertragung von einer Sprache in eine andere, sondern eine Interpretation – was eine Übersetzung nicht sein darf.

 

Eine „gerechte“ Sprache gibt es nicht. Gerechtigkeit kann man nicht beanspruchen, sie wird einem zuteil. Von einer neutralen Instanz. Wer aber sollte in dem Fall als neutrale Instanz Gerechtigkeit schaffen und ein gerechtes Urteil fällen? Wenn sich die Klägerin selbst zum Richter macht, entsteht eine Tyrannen-Gerechtigkeit, besser gesagt: eine Tyranninnen-Gerechtigkeit.

 

Egal. Wir Leserinnen und Leser haben uns daran gewöhnt wie die Idiotinnen und Idioten. Wir nehmen die Falschheiten hin. Nun reden wir so: „Frauen sind die besseren Autofahrerinnen und Autofahrer“. „Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin …“

Dieses war der erste Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Fußnoten:

Teil 1:

Geschlechtertrennung, Verlust der Gemeinsamkeit:
Erst hatten wir den Sprachfeminismus, der uns die so genannte „gerechte“, „geschlechtergerechte“ oder auch „geschlechtersensible“ Sprache gebracht hat. Von „gender“ war in den siebziger Jahren noch nicht die Rede, „gender“ war noch ein Fremdwort. Wir sollten zunächst Frauen bei jeder Gelegenheit explizit benennen, weil sie sich sonst – angeblich – diskriminiert fühlen. Tatsächlich sollte damit eine Männerfeindlichkeit zum Ausdruck gebracht und eine Geschlechterapartheid eingeführt werden. Die erste Phase steht im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Ministeriums für Frauen und exklusiven Räumen für Frauen wie etwa den Frauenparkplätzen.

 

Die Sprachvorgaben in der ersten Phase verlangten die Innen-Form bei der Pluralbildung, die Doppelnennungen , das Binnen-I und die Abschaffung von Begriffen, in denen Frauen und Männer gemeinsam Platz finden. Wir sagten also: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ – keinesfalls: „Schriftsteller“. Diese Form, die bisher als übergeschlechtliche Pluralform galt, wird nun trotz des weiblichen Artikels als „männliche Form“ gesehen, als „generisches Maskulinum“ und muss deshalb gemieden und bekämpft werden.

Tipps:

Woher kommt der Dampf?

Viele halten die geschlechtergerechte Sprache für eine Politikersprache, die wir nicht ernst nehmen müssen. Der Amtsschimmel wiehert eben gerne. Doch mir fällt etwas auf. Die Sprache der Verwaltung und der Bürokratie war früher eine beliebte Zielscheibe für Hechelscherz und Spottlob (diese Begriffe hatte einst Joachim Heinrich Campe vorgeschlagen als Ersatz für „Ironie“). Über die feministische Sprache wird selten gespottet. Hier hört der Spaß auf. Vielleicht liegt es daran, dass die Auseinandersetzung über den Sprachfeminismus jenseits von Ernsthaftigkeit und Humor liegt – d.h. man kann nicht ernsthaft darüber diskutieren und auch nicht darüber lachen. Die Scharfmacherinnen sind humorfern, sie stehen voll unter Dampf. Sie sind diejenigen, bei denen wir nachschauen sollten, was sie über die Sprache sagen. Alle anderen sind nur Mitläuferinnen, sie sind nur die Anhänger. Wer aber sind die Lokomotiven?

 

Soldatinnen und Soldaten

Wie verkrampft sich das anhört, sieht – und hört – man hier.

 

Arthur Brühmeier

hat mir geschrieben, dass sein Eintrag bei Wikipedia immer wieder verschwindet. Seinen hier zitierter Text, auf den ich immer wieder gerne hinweise, halte ich für einen Schlüsseltext: er ist kurz, sachlich und in einem überaus freundlichem Ton geschrieben. Sprachfeminismus in der Sackgasse.

 

Für eine sanfte Revolution der Sprache

So heißt die Veranstaltung. Es wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.