Luther und der Teufel, die Beatles und Jesus …

 

… die singende Nonne und die gerechte Sprache

 

Die Lieder beim evangelischen Kirchentag

 

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, komm Freunde, will ich euch singen …“ Das war Heinrich Heine. Damals. Beim diesjährigen evangelischen Kirchentag hieß es: Ein neues Lied, ein gerechtes Lied, kommt Freunde, wollen wir singen!

 

Zwei Lieder in gerechter Sprache wurden gesungen – im Rahmen der Geschlechterdebatte „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. So war es jedenfalls angekündigt. Ich war gespannt. Und enttäuscht. Es waren überhaupt keine Lieder in „gerechter Sprache“. Die wurden nur fälschlicherweise so genannt.

 

Die Kirche und das populäre Lied

 

Erinnert sich jemand an die Beatles? Klar. Ich sowieso. In dem Film ‚Eight Days A Week’ über die Zeit, als sie auf den großen Bühnen standen, wird der Skandal dokumentiert, der ausgelöst wurde, als John Lennon gesagt hatte, die Beatles seien populärer als Jesus. Da traten sogleich radikale Christen auf den Plan. Beatles-LPs wurden verbrannt. Ihre öffentlichen Auftritte wurden zum Risiko. Da war was los.

 

Erinnert sich noch jemand an die singende Nonne Sœur Sourire, „Schwester des Lächelns“? Womöglich hat noch jemand ihr Lied ‚Dominique’ im Ohr, mit dem sie einst die Hitparaden stürmte. Es hieß damals, die singende Nonne sei populärer als Elvis.

 

Die Millioneneinnahmen gingen direkt an das Kloster und Jeanine Deckers (so ihr bürgerlicher Name) ließ sich das – gutgläubig wie sie war – nicht quittieren. Das Finanzamt bestand auf Steuern, das Kloster hüllte sich in kaltes Schweigen. Sie verließ das Kloster. Hochverschuldet und tablettensüchtig versuchte sie vergeblich, an ihren Erfolg als Sängerin anzuknüpfen, unter anderem mit einem Loblied auf die Pille. Schließlich beging sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Selbstmord.

 

Warum erzähle ich das? Es sind Beispiele für eine Öffnung der Kirche. Oder eben dafür, dass sie sich nicht geöffnet hat. Es sah in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tatsächlich so aus, als wollte sich die Kirche öffnen – öffnen für die unruhige Jugend, öffnen für neue Lieder, öffnen für aktuelle Fragen. Und so gab es den so genannten progressiven Jugendgottesdienst.

 

Die rastlose Jugend stellt Fragen und singt Lieder

 

Das sah dann so aus: Da stand ich mit schlecht gestimmter Gitarre in der Kirche – und wir sangen gemeinsam: „Wir zieh-he-hen auf der-er großen Straße unsres Lebens rastlos hin. Suchen auf der-er großen Straße nur nach Vorteil und Gewinn.“ Soweit die Strophe. Dann sollten Fragen aufgeworfen werden, die speziell auf die Jugend zugeschnitten waren:

 

„Vater im Himmel, so unbe-he-greiflich, wer sagt uns, dass es ihn wirklich gibt? Ob unser Sinnen und Trachten vergeblich (wenn ich das richtig in Erinnerung habe) oder ob er uns wirklich liebt?“ Das waren die Fragen. Wir nannten es nicht „gerechte Sprache“. Es ging auch nicht um eine „Revolution“. Wir sangen das Lied am Reformationstag. So richtig begeistert war ich nicht.

 

Was sagte John Lennon dazu? Seine blasphemische Bemerkung hatte schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, als sie anlässlich der Beatles-Tour in den USA wiederentdeckt und zum Skandal hochgejazzt wurde. Er hatte sich einst in einem Jugendmagazin über die Lieder, die bei solchen progressiven Jugendgottesdiensten gesungen wurden, geäußert. Er mochte sie nicht. Er fand sie zweitklassig und langweilig.

 

Die genauen Formulierungen kenne ich nicht; John Lennon mochte es natürlich, heftig auf die Pauke zu hauen (eigentlich war Ringo der Schlagzeuger), er war nicht gerade zimperlich. Zum Beispiel hat er behauptet, der Erfolg der Beatles beruhe darauf, dass sie die ersten wären, die in der Sprache der Arbeiterklasse singen.

 

Da ist was dran. Was er meinte, war in etwa folgendes: im Jugendgottesdienst werden Lieder gesungen, die Jugendliche hören wollen sollen. Die Beatles sind besser, sie machen es richtig. Sie singen Lieder, die Jugendliche wirklich hören wollen. Kurz zusammengefasst: die Beatles sind populärer als Jesus.

 

Der größte Schatz der evangelischen Kirche

 

Die evangelische Kirche hatte einst mit ihrer Musik einen echten Joker – einen Schatz von unermesslichem Wert. Man kann sagen, was man will: Paul Gerhardt ist ein Liedermacher ersten Ranges. Emil Cioran hat sowieso immer nur gesagt hat, was er wollte, auch wenn es alle Grenzen sprengte, er sagte: „Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiß Gott.“ Na ja. Aber man kann schon verstehen, wie es gemeint ist.

 

Und heute? Heute singen sie Lieder in gerechter Sprache. Doch das sagen sie nur so. Es stimmt nicht einmal. Es ist in Wirklichkeit die gute, alte Sprache, die wir schon kennen. Nur schlecht gemacht. Die besonderen Merkmale der gerechten Sprache (nämlich die Varianten der Innen-Form und der Doppelnennung) kommen in den Liedern in gerechter Sprache gar nicht vor.

 

Das geht auch nicht. Die geschlechtergerechte Sprache ist ein vorsätzlicher Angriff auf die Schönheit und Eleganz der Sprache. Da stottert der Motor. Der Rhythmus wird holperig. In gerechter Sprache kann man nicht singen. Nicht richtig reimen. Robert Gernhardts berühmter Zweizeiler:

 

„Jesus sprach zu den Apachen:

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

müsste in gerechter Sprache lauten:

 

„Jesus sprach zu den Apachinnen und Apachen

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

 

Das klingt nicht. Es wurde dann auch nicht wie angekündigt ein Lied in gerechter Sprache gesungen, sondern – wie aus dem Effeff – ein Lied in feministischer Fälschung. Statt:

 

„Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren.“

 

heißt es nun:

 

„Lobe die Kraft,

die uns Gott für das Leben gegeben.“

 

Wo ist da die gerechte Sprache? Es ist einfach nur ein anderer Text. Ein anderer Inhalt. Einmal wird der Schöpfer gelobt. Einmal die Kraft der Geschöpfe. Woher haben sie denn die Kraft? Vielleicht von ihrem Schöpfer? Die „Kraft, die uns Gott für das Leben gegeben“ ist nur ein Teil der Schöpfung.

 

Es war nicht alles schlecht früher … doch: es war alles schlecht

 

Es ist eine schlechte Parodie auf ein beliebtes Lied. Die Aussage wird verkleinert. Klar, der Text ist alt. Sechzehnhundert irgendwann. Doch was passiert, wenn man sagt, dass der neue Text nicht etwa „neu“, sondern „gerecht“ ist? Dann sagt man, dass der alte es nicht war. Ein altmodischer Text wird nicht etwa durch einen neumodischen ersetzt. Vielmehr wird ein ungerechter Text durch einen gerechten ersetzt.

 

Prof. Dr. Martin Leutzsch, den wir für die Dauer der Diskussion mit „Martin“ anreden konnten, bekannte sich ausdrücklich dazu, dass die Verfechter der gerechten Sprache auf eine „ungerechte“ Sprache zurückblicken. Noch einmal: bis zur Einführung der gerechten Sprache, war die Sprache, wie sie allgemein im Gottesdienst verwendet wurde, ungerecht. Noch einmal: Die Sprache war ungerecht. Jahrhunderte lang war sie ungerecht. Jahrhunderte lang hat es niemand bemerkt. Was für ein Versagen!? Was für eine Abwertung der Tradition?!

 

Und das nur, um denen gerecht zu werden, die eine Allergie haben gegen den Begriff „Herren“ und nicht mehr wissen, was damit gemeint ist. (Hinweis: Es ist nicht der „Herr“ Pastor).

 

Sie sind auf die Hündin gekommen

 

Die gerechte Sprache richtet Schaden an und zerstört Vertrauen. Sie stellt allen, die ein Lied wie ‚Lobet den Herren’ früher gerne gesungen haben, im Nachhinein ein schlechtes Zeugnis aus. Die gerechte Sprache ist ein Eigentor mit Fallrückzieher, bei dem sich der Spieler schwer verletzt hat. Ich fand übrigens immer, dass ‚Lobet den Herren’ unter den ansonsten eher drögen Kirchenliedern noch relativ flott war; ursprünglich war es tatsächlich als Straßenmusik gedacht, es war ein lagerfeuertauglicher Hit, der in die Kirche Einzug hielt und da populär wurde.

 

Wenn die selbst ernannten Gerechten von heute das Lied nicht mehr mögen, weil sie verlernt haben, was mit dem „Herren“ gemeint war, dann sollen sie es halt lassen. Dann sollen sie neue Lieder machen. Die müssen auch nicht als „Lieder in gerechter Sprache“ bezeichnet werden. Besonders dann nicht, wenn es nicht zutrifft. Dann sollen sie sehen, ob jemand diese Lieder mag und freiwillig singen will.

 

Wollt ihr nicht mal was singen, was ihr wirklich singen wollt?

 

Natürlich gibt es immer wieder neue Lieder, die eine Gemeinde gerne singen würde. Die kommen hinzu und bereichern das Repertoire. Zum Beispiel Lieder von den Beatles. ‚My Sweet Lord’ … Ah, Halt, Stopp, da kommt „Hare Krishna“ vor. Das ist nicht christlich, nicht jüdisch, nicht islamisch. Das geht nicht. Auch ‚Imagine’ sollte ins Gesangbuch aufgenommen werden, aber Yoko Ono erteilte keine Zustimmung, dafür die Zeile „imagine no religion“ zu streichen. Immerhin: Man kann auch mal was Gutes über Yoko Ono sagen.

 

Sebastian Krämer hatte auf einer Großveranstaltung im Rahmen des Kirchentages ein Lied angestimmt, das einen Reim auf „Maracuja“ präsentiert. Richtig. Das Publikum hat es spontan aufgegriffen und mitgesungen: „Halleluja, Halleluja …“ Sebastian Krämer, der als derzeit beste Liedermacher angekündigt wurde, ließ sie aber nicht. Och, schade … Er brach das Stück ab und erklärte, dass weder seine Witz-Version noch das Original von Leonard Cohen christliche Lieder sind. Dann spielte er ein Lied über den Teufel.

 

Die freundlichen Teufel

 

Den Teufel will ich jetzt auch aus dem Sack lassen. Einen Teufelspack, die Gruppe Duivelspack. Die haben ein Lied drauf, das nicht etwa ein Lied in gerechter Sprache ist, sondern ein Lied über gerechte Sprache. Es fetzt. Wenn das bei Kundgebungen gespielt wird, tanzen die Leute auf der Straße. Anschließend darf geklatscht werden. Hier würde vielleicht sogar John Lennon applaudieren. Es ist Musik, die das Publikum hören will. Es sind Songs, die gefallen.

 

Duivelspack ist eine erfolgreiche Fun-Folk-Gruppe. Ich habe selber auch ein paar Lieder gemacht. Ich bin so einer. Ich kenne mich da ein wenig aus. Hier haben wir den seltenen Fall von einem Lied, das ich selber gerne geschrieben hätte. Ich finde es toll.

 

Natürlich wird da mit dem Holzhammer gereimt. So muss das auch sein. So kommt eine lockere Mischung aus Tradition (Minnesang) und Moderne (geschlechtergerechte Sprache) zustande. Der ironische Umgang mit dem Alten und Neuen, schafft einen freundlichen Ton. Sie treten nicht als miesepeterige Lehrmeister auf, sondern als Narren, die über sich selbst lachen können.

 

So geht es los:

 

„Wir beginnen … -innen … -innen …

euch zu beminnen … -innen … -innen …

um zu gewinnen … -innen … -innen:

die Schönheit die von innen kommt.

 

Hallo Leute und Leutinnen,

liebe Fans, liebe Finnen.

Wir Männer wollen minnen

und ein Weiberherz gewinnen,

aber wenn, dann

ohne zu gendern.“

 

Na, endlich. Hier hat das Wort „gendern“ einen großen Auftritt vor historischer Kulisse. Das geht in die Ohren, das bleibt in den Köpfen, das spricht die Herzen an. Ich bin begeistert. Weiter geht es:

 

„Wie soll das miteinander weitergehen,

wenn wir die Sprache so brutal verdrehn?

Das ist politisch ja vielleicht korrekt

Doch ist es das, was frau bezweckt?“

 

Refrain:

„Diese Schönheit, die von innen kommt

ist für die schöne Sprache ein Affront,

liebe Freundinnen, Feindinnen, Heldinnen, Göttinnen

wir gewinnen nie:

eure Herzen mit nem Binnen-I.“

 

So ist es. Diese Gruppe hätten sie für den Kirchentag einladen sollen. Das wäre ein guter Beitrag gewesen für die Debatte um eine geschlechter- oder gendergerechte Sprache.

 

Wenn es weiter im Text heißt „Was die Beginen schon begannen …“, könnte man bei einem Publikum beim Kirchentag womöglich ein Vorwissen voraussetzen: Beginen sind christliche Gemeinschaften, die im 12. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich und anderswo aktiv waren. Die hatten es noch richtig gut; denn:

 

„ … denen drohte

nie die Frauenquote.“

 

Weiter geht es mit dem Teufelspack, die, wie wir sehen, durchaus bereitwillig sind, sich für Neuerungen zu öffnen.

 

„Wir übernehmen ja auch gern

den kleinen Gender-Stern,

sogar als Musik-X

kennen wir nix,

wir probiern es mal,

ab jetzt geschlechtsneutral.

 

Es kommt uns aber oft so vor,

als wäre das ein Eigentor,

weil Gender-Wahn mit aller Kraft

nur neue Unterschiede schafft.“

 

Richtig. Geschlechtergerechte Sprache treibt einen Keil zwischen die Geschlechter. Sie trennt. Sie schafft schlechte Laune und eignet sich speziell – und vermutlich ausschließlich – für selbstgerechte Besserwisser, die gerne andere ins Unrecht setzen und keine Gelegenheit auslassen, selbst an entlegenen Stellen nach unbedeutenden Ungerechtigkeiten zu suchen, auch wenn da schon Gras drüber gewachsen ist.

 

John Lennon hätte vermutlich gesagt: Der Teufel ist populärer als Luther.

 

In den Wind reden

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 2

 

Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten) sollen wir uns fragen, wie weit wir gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“. Wir sind weit gekommen. Wie haben wir das geschafft? In zwei Schritten.

 

Der erste Schritt forderte eine „geschlechtergerechte“ Sprache, der zweite eine „gendergerechte“. Das ist nicht dasselbe. Im ersten Schritt haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und neu denken. Darum geht es in diesem Teil.

 

Zunächst will ich ein Zitat voranstellen. Die erwähnte Genderdebatte findet im Rahmen des evangelischen Kirchentages im Lutherjahr statt. Da passt das. Bei Paulus (1. Korinther, 14.9) lesen wir: „Also auch ihr, wenn ihr mit Zungen redet, so ihr nicht eine deutliche Rede gebet, wie kann man wissen, was geredet ist? Denn ihr werdet in den Wind reden.“

 

Wir sollen gendern. Was steckt dahinter?

 

Das geheimnisvolle „gender“ kam mit der Weltfrauenkonferenz im Jahre 1995 in Peking in die Welt. Da trafen sich Nichtregierungsorganisationen, so genannte NGOs, also non-governmental organisations, die ihre Autorität daraus beziehen, dass sie als unabhängig gelten und so etwas wie das gute Gewissen der Welt verkörpern, weil sie Basisgruppen repräsentieren. Sie haben lediglich Beraterstatus, sie geben Empfehlungen an die Vereinten Nationen. Mehr nicht. Das wirkt harmlos.

 

Doch sowohl beim Stichwort „unabhängig“ als auch bei den „Empfehlungen“ wurde gemogelt. Die Teilnehmer waren keineswegs unabhängig, sie vertraten keine Bewegungen, die „von unten“ kommen – im Gegenteil: Man nennt sie auch das „gender establishment“. Ihre Vorgaben sollen „top down“ durchgeführt werden, von oben nach unten. Man sollte auch deshalb nicht von einer „Revolution“ sprechen, wie es im Titel der Genderdebatte heißt, sondern von einem Putsch.

 

Die großen Parteien haben längst Quoten. So ist sichergestellt, dass Aktivistinnen gefördert werden, die zwar als unabhängig gelten, aber der Regierung zuarbeiten. Damit haben sich die Spielregeln der westlichen Demokratien grundlegend verändert. Es gibt keine Diskussion mehr über Frauenthemen, die sind grundsätzlich abgesegnet und werden vom Steuerzahler finanziert. Die Quotenfrauen halten die Türen sperrangelweit auf; ihre Aufgabe ist es, alles, was von weitem so aussieht, als wäre es irgendwie gut für Frauen und schlecht für Männer, besinnungslos durchzuwinken. Wir haben längst eine Allparteien-Frauen-Regierung.

 

Claudia Nolte von der CDU bezahlte seinerzeit „ihre“ Leute und schickte sie zu einem Luxusurlaub nach Peking, wo sie sich als unabhängige Basisbewegung tarnten. Später wurden bei den Verträgen, die in Amsterdam beschlossen wurden, aus den Empfehlungen „Verpflichtungen“ gemacht, und die Frauen von Rot/Grün übernahmen begeistert, was „ihre“ Leute von langer Hand vorbereitet hatten. Egal von welcher Partei sie waren. Sie waren Frauen.

 

In Peking fand eine brausende Applaus-Veranstaltung statt. Die Weichen dazu waren schon bei Vorbereitungstreffen in New York gestellt worden. Die Journalistin Dale O’Leary hat an mehreren solcher „PrepComs“ teilgenommen und verraten, wie man da getrickst und getäuscht hat, wie Vereinbarungen gebrochen und wie Vertreter aus armen Ländern erpresst wurden.

 

Die Weltfrauenkonferenz war eine Halbweltfrauenkonferenz

 

Die Machtverhältnisse hatten sich verschoben: Ursprünglich sollten NGOs den politischen Vertretern der Vereinten Nationen Hilfestellungen bieten, inzwischen dominieren sie die. Frauenverbände aus reichen, westlichen Ländern sind um ein Vielfaches besser ausgestattet als die Regierungen armer Länder und nutzen schamlos ihren Standortvorteil, um Vertreter aus kleinen Ländern zu bloßen Statisten zu degradieren. Dale O’Leary beschreibt diesen neuen „Kolonialismus der weißen Frau“ in ihrem Buch ‚The Gender Agenda’.

Natürlich herrschte in Peking ein männerfeindliches Klima. Was denn sonst? Es wurden pauschal alle Männer außen vor gelassen: „Männer raus!“, hieß die Parole. Das war die conditio sine qua non. Daran hatten wir uns gewöhnt, seit wir die Trennungs-Propaganda-Sprache übernommen hatten, die ich in beschrieben habe, als ich von dem ersten Schritt gesprochen habe ­– dem ersten Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit.

 

Streng genommen gibt es gar keine Frauenthemen, die nicht ebenso für Männer von Belang sind. Doch die Aktivistinnen der Weltfrauenkonferenz entziehen sich jedem Dialog; sie glauben offenbar selber nicht, dass sich ihre Argumente in einer offenen und fairen Diskussion bewähren würden. Sie sind feige Despoten. Zuerst werden Beschlüsse ohne eine Möglichkeit der Mitwirkung von Männern gefasst, dann wird ihnen das Ergebnis vorgesetzt wie einem Verlierer, der bedingungslos kapituliert hat.

 

Frauen und Männer – das sagt man heute nur noch so

 

Die bekannteste Vordenkerin ist Judith Butler, die sich als Lesbin bezeichnet. Sie gehört zur Führungsspitze der IGLHR (International Gay and Lesbian Human Rights Commission), einer internationalen Homosexuellenorganisation und war aktiv an der Vorbereitung für die Weltfrauenkonferenz in Peking beteiligt. Ihr erklärtes Ziel ist die Dekonstruktion, also die Auflösung des Mann- und Frauseins.

 

Sie behauptet ausdrücklich, dass das soziale Geschlecht und der Körper „diskursiv“ hervorgebracht, also sozial konstruiert seien. Damit wird dem so genannten Diskurs eine überverhältnismäßige Bedeutung verleihen. In ihren Augen ist der Diskus sogar entscheidend. Im Rahmen historisch gewachsener „Sprache“, so meint sie, seien Bezeichnungen herausgebildet worden, welche aufgrund ständiger Wiederholungen den Charakter des „Unhinterfragbaren“ und „Natürlichen“ gewinnen würden.

 

Erst durch Sprache würde also etwas Natürliches geschaffen, zumindest etwas, das so aussieht und den Charakter des Natürlichen hat. Es sei folglich, so meint sie, nur eine Art Gewöhnung, dass wir unseren Körper und seine Anatomie aus einer zweigeschlechtlichen Perspektive als männlich oder weiblich bezeichnen.

 

Diese äußerst kühne These, für die es keine Begründung gibt, die aber mit Nachdruck vertreten wird, hat sich erfolgreich durchgesetzt. Nun verstehen wir auch, weshalb die Vertreter der Gender-Theorie so großen Wert auf Sprache legen und darauf bestehen, uns einen Sprachgebrauch vorzuschreiben, der zu der Erschaffung eines neuen Verständnisses von Mann und Frau führen soll.

 

Der Mensch kommt in die Bio-Tonne

 

Das Zauberwort „gender“ kommt in einer der Erklärungen von New York mehr als 200 Mal vor, doch kaum einer der angereisten Delegierten konnte damit etwas anfangen. Ihnen ging es nicht besser als uns. Viele dachten, „gender“ wäre nur ein vornehmes Wort für „sex“, das man aus Rücksicht auf Teilnehmerinnen, die sich durch das Wort „Sex“ abgeschreckt fühlen könnten, eingeführt hätte.

 

Die Delegierten mussten im Wörterbuch nachgucken. Da stand etwas vom „sozialen“ und vom „grammatischen“ Geschlecht. Sie konnten nicht ahnen, was sich da zusammenbraute: Die Gender-Perspektive sollte an die Stelle eines Blickes auf die Biologie treten; die sozialen Faktoren sollten nicht etwa als Ergänzung, sondern als Ersatz für die natürlichen Einflüsse gesehen werden. Sonst wäre es auch nichts Neues; Soziologie gibt es schon lange. Neu war die vollständige Absage an die Natur, wie wir sie schon früh bei Simone de Beauvoir und – auf die Spitze getrieben – bei Judith Butler formuliert finden. Demnach haben wir nicht etwa ein natürliches und ein soziales Geschlecht, sondern nur noch ein soziales. Das stand so nicht im Wörterbuch. Da stand auch nicht, dass Lesben, Schwule und Transsexuelle neuerdings als eigenständige Geschlechter gelten.

 

Wie gelähmt haben wir die Ziele dieser „Pekinger Aktionsplattform“ über uns ergehen lassen, vorbei am Bundesrat, abseits jeder öffentlichen Diskussion. Erst so langsam wird deutlich, was wir uns da eingefangen haben und wie sehr es in unser Leben eingreift. Vorgesehen sind die Förderung von Homosexualität sowie die sexuelle Früherziehung in Schulen. Es ist außerdem vorgesehen, dass fünfzig Prozent aller Arbeitsplätze in allen Berufssparten mit Frauen zu besetzen sind, notfalls zwangsweise. Dieser Zwang gilt als die neue Gerechtigkeit.

 

Diese „Geschlechtergerechtigkeit“ sollen wir in der Sprache zum Ausdruck bringen. Was kommt dabei heraus? Die Sprache wird undeutlich. Sie ist an einem modischen Ideal orientiert, das wir morgen oder spätestens übermorgen als falsches Ideal ansehen werden. Sie ist in den Wind gesprochen.

 

Dieses war der zweite Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Teil 2:

Gender und das Ende der Geschlechter, wie wir sie kennen

Nach dem ersten Schritt kommt der zweite. Wir haben A gesagt, nun sollen wir B sagen. Die Stimme im Navi, die uns unablässig ermahnt hatte „Bei der nächsten Gelegenheit, bitte wenden“, haben wir überhört. Wir sind weiter gefahren, die geschlechtergerechte Sprache war eine Zwischenstation. Nun geht es weiter in Richtung gendergerechte Sprache.

 

Nun soll gegendert werden mit Rücksicht auf diejenigen, die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen können und die sich unwohl fühlen, wenn sie als männlich oder weiblich angesprochen werden. Diese Entwicklung wurde von der Weltfrauenkonferenz eingeleitet, bei der die Trennung von Frauen und Männern schon vorausgesetzt war; sie steht im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Homophobie und Transphobie und der Einführung von sexueller Vielfalt in die Bildungspläne für die Schulen.

 

Die Sprachvorgaben des zweiten Schritts fordern das Partizip als – angeblich – neutrale Form, also zum Beispiel die Umbenennung des Studentenheimes in „Studierendenheim“, sie verlangen den Unterstrich, der symbolisch Platz bieten soll für die, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, oder das Gender-Sternchen. Also: „Schriftsteller_innen“, „Schriftsteller*innen“ oder „Schreibende“. 

 

Die Doppelnennungen, die im ersten Schritt gefordert wurden, ist nicht mehr nötig. Das macht die Forderung nach gerechter Sprache unglaubwürdig und erklärt die Forderungen des Sprachfeminismus im Nachhinein für ungültig. Kaum haben wir uns an die Formulierung „Studentinnen und Studenten“ gewöhnt, kommt die neue Parole: Es soll jetzt „Studierende“ heißen. Hier offenbart sich, wie zeitgebunden und unzuverlässig das Ideal der Gerechtigkeit ist, hinter dem alle herlaufen sollen.

 

Als wir „Studentinnen und Studenten“ sagten, sind wir den Frauen gerecht geworden (besser gesagt den Feministen), aber nicht denen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können. Denen sollen wir jetzt gerecht werden. Aber: Wenn wir nun „Studierende“ sagen, stellt sich die Frage: Gilt plötzlich das Argument nicht mehr, dass Frauen unterdrückt und ausgegrenzt werden, wenn man nicht die Innen-Form verwendet? Wieso sind die Vertreter der gerechten Sprache einverstanden, wenn man „die Studierenden“ sagt, machen einem aber einen moralisierenden Vorwurf, wenn man „die Studenten“ sagt? Das sollten sie mal erklären.

 

Hinter den Handreichungen und Ratschlägen stecken offene Drohungen gegen alle, die sich nicht beugen wollen. Es ist längst soweit, dass es als Vorwurf gilt, wenn jemand „bewusst nicht gendert“. Immer mehr Universitäten verweigern inzwischen die Annahme von Arbeiten, die nicht gegendert sind.

 

Wir sollen alle gendern. Kirchen, Gewerkschaften, Rundfunkanstalten, Parteien, Universitäten, Gemeinden – ja, man hat den Eindruck, dass jeder Alpen- und Tierschutzverein mitmacht – alle geben Anleitungen heraus, wie man gendern soll, wie eine „geschlechtergerechte Sprache“ im Alltag umgesetzt werden kann, um nicht als rechtspopulistisch erkannt und verdammt zu werden. Der Ton ist rau geworden. Wer nicht gendern will, gilt als Nazi. Es drohen Strafen.

 

Fußnoten und Tipps:

Wenn man die Sprachregeln wirklich diskutieren wollte, sollte man die Für- und Gegensprecher zu einer fairen Diskussion einladen.

 

Wird es so eine Diskussion im Lutherjahr geben? Werden dabei die Argumente von beiden Seiten gleichermaßen gehört werden? Wir werden sehen. Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus. Es gibt ein deutliches Ungleichgewicht, das offenbar gewollt ist. Die Genderdebatte der evangelischen Kirche folgt dem Motto: 5 gegen Willi. Ich bin der Willi.

 

Außerdem wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.