In den Wind reden

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 2

 

Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten) sollen wir uns fragen, wie weit wir gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“. Wir sind weit gekommen. Wie haben wir das geschafft? In zwei Schritten.

 

Der erste Schritt forderte eine „geschlechtergerechte“ Sprache, der zweite eine „gendergerechte“. Das ist nicht dasselbe. Im ersten Schritt haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und neu denken. Darum geht es in diesem Teil.

 

Zunächst will ich ein Zitat voranstellen. Die erwähnte Genderdebatte findet im Rahmen des evangelischen Kirchentages im Lutherjahr statt. Da passt das. Bei Paulus (1. Korinther, 14.9) lesen wir: „Also auch ihr, wenn ihr mit Zungen redet, so ihr nicht eine deutliche Rede gebet, wie kann man wissen, was geredet ist? Denn ihr werdet in den Wind reden.“

 

Wir sollen gendern. Was steckt dahinter?

 

Das geheimnisvolle „gender“ kam mit der Weltfrauenkonferenz im Jahre 1995 in Peking in die Welt. Da trafen sich Nichtregierungsorganisationen, so genannte NGOs, also non-governmental organisations, die ihre Autorität daraus beziehen, dass sie als unabhängig gelten und so etwas wie das gute Gewissen der Welt verkörpern, weil sie Basisgruppen repräsentieren. Sie haben lediglich Beraterstatus, sie geben Empfehlungen an die Vereinten Nationen. Mehr nicht. Das wirkt harmlos.

 

Doch sowohl beim Stichwort „unabhängig“ als auch bei den „Empfehlungen“ wurde gemogelt. Die Teilnehmer waren keineswegs unabhängig, sie vertraten keine Bewegungen, die „von unten“ kommen – im Gegenteil: Man nennt sie auch das „gender establishment“. Ihre Vorgaben sollen „top down“ durchgeführt werden, von oben nach unten. Man sollte auch deshalb nicht von einer „Revolution“ sprechen, wie es im Titel der Genderdebatte heißt, sondern von einem Putsch.

 

Die großen Parteien haben längst Quoten. So ist sichergestellt, dass Aktivistinnen gefördert werden, die zwar als unabhängig gelten, aber der Regierung zuarbeiten. Damit haben sich die Spielregeln der westlichen Demokratien grundlegend verändert. Es gibt keine Diskussion mehr über Frauenthemen, die sind grundsätzlich abgesegnet und werden vom Steuerzahler finanziert. Die Quotenfrauen halten die Türen sperrangelweit auf; ihre Aufgabe ist es, alles, was von weitem so aussieht, als wäre es irgendwie gut für Frauen und schlecht für Männer, besinnungslos durchzuwinken. Wir haben längst eine Allparteien-Frauen-Regierung.

 

Claudia Nolte von der CDU bezahlte seinerzeit „ihre“ Leute und schickte sie zu einem Luxusurlaub nach Peking, wo sie sich als unabhängige Basisbewegung tarnten. Später wurden bei den Verträgen, die in Amsterdam beschlossen wurden, aus den Empfehlungen „Verpflichtungen“ gemacht, und die Frauen von Rot/Grün übernahmen begeistert, was „ihre“ Leute von langer Hand vorbereitet hatten. Egal von welcher Partei sie waren. Sie waren Frauen.

 

In Peking fand eine brausende Applaus-Veranstaltung statt. Die Weichen dazu waren schon bei Vorbereitungstreffen in New York gestellt worden. Die Journalistin Dale O’Leary hat an mehreren solcher „PrepComs“ teilgenommen und verraten, wie man da getrickst und getäuscht hat, wie Vereinbarungen gebrochen und wie Vertreter aus armen Ländern erpresst wurden.

 

Die Weltfrauenkonferenz war eine Halbweltfrauenkonferenz

 

Die Machtverhältnisse hatten sich verschoben: Ursprünglich sollten NGOs den politischen Vertretern der Vereinten Nationen Hilfestellungen bieten, inzwischen dominieren sie die. Frauenverbände aus reichen, westlichen Ländern sind um ein Vielfaches besser ausgestattet als die Regierungen armer Länder und nutzen schamlos ihren Standortvorteil, um Vertreter aus kleinen Ländern zu bloßen Statisten zu degradieren. Dale O’Leary beschreibt diesen neuen „Kolonialismus der weißen Frau“ in ihrem Buch ‚The Gender Agenda’.

Natürlich herrschte in Peking ein männerfeindliches Klima. Was denn sonst? Es wurden pauschal alle Männer außen vor gelassen: „Männer raus!“, hieß die Parole. Das war die conditio sine qua non. Daran hatten wir uns gewöhnt, seit wir die Trennungs-Propaganda-Sprache übernommen hatten, die ich in beschrieben habe, als ich von dem ersten Schritt gesprochen habe ­– dem ersten Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit.

 

Streng genommen gibt es gar keine Frauenthemen, die nicht ebenso für Männer von Belang sind. Doch die Aktivistinnen der Weltfrauenkonferenz entziehen sich jedem Dialog; sie glauben offenbar selber nicht, dass sich ihre Argumente in einer offenen und fairen Diskussion bewähren würden. Sie sind feige Despoten. Zuerst werden Beschlüsse ohne eine Möglichkeit der Mitwirkung von Männern gefasst, dann wird ihnen das Ergebnis vorgesetzt wie einem Verlierer, der bedingungslos kapituliert hat.

 

Frauen und Männer – das sagt man heute nur noch so

 

Die bekannteste Vordenkerin ist Judith Butler, die sich als Lesbin bezeichnet. Sie gehört zur Führungsspitze der IGLHR (International Gay and Lesbian Human Rights Commission), einer internationalen Homosexuellenorganisation und war aktiv an der Vorbereitung für die Weltfrauenkonferenz in Peking beteiligt. Ihr erklärtes Ziel ist die Dekonstruktion, also die Auflösung des Mann- und Frauseins.

 

Sie behauptet ausdrücklich, dass das soziale Geschlecht und der Körper „diskursiv“ hervorgebracht, also sozial konstruiert seien. Damit wird dem so genannten Diskurs eine überverhältnismäßige Bedeutung verleihen. In ihren Augen ist der Diskus sogar entscheidend. Im Rahmen historisch gewachsener „Sprache“, so meint sie, seien Bezeichnungen herausgebildet worden, welche aufgrund ständiger Wiederholungen den Charakter des „Unhinterfragbaren“ und „Natürlichen“ gewinnen würden.

 

Erst durch Sprache würde also etwas Natürliches geschaffen, zumindest etwas, das so aussieht und den Charakter des Natürlichen hat. Es sei folglich, so meint sie, nur eine Art Gewöhnung, dass wir unseren Körper und seine Anatomie aus einer zweigeschlechtlichen Perspektive als männlich oder weiblich bezeichnen.

 

Diese äußerst kühne These, für die es keine Begründung gibt, die aber mit Nachdruck vertreten wird, hat sich erfolgreich durchgesetzt. Nun verstehen wir auch, weshalb die Vertreter der Gender-Theorie so großen Wert auf Sprache legen und darauf bestehen, uns einen Sprachgebrauch vorzuschreiben, der zu der Erschaffung eines neuen Verständnisses von Mann und Frau führen soll.

 

Der Mensch kommt in die Bio-Tonne

 

Das Zauberwort „gender“ kommt in einer der Erklärungen von New York mehr als 200 Mal vor, doch kaum einer der angereisten Delegierten konnte damit etwas anfangen. Ihnen ging es nicht besser als uns. Viele dachten, „gender“ wäre nur ein vornehmes Wort für „sex“, das man aus Rücksicht auf Teilnehmerinnen, die sich durch das Wort „Sex“ abgeschreckt fühlen könnten, eingeführt hätte.

 

Die Delegierten mussten im Wörterbuch nachgucken. Da stand etwas vom „sozialen“ und vom „grammatischen“ Geschlecht. Sie konnten nicht ahnen, was sich da zusammenbraute: Die Gender-Perspektive sollte an die Stelle eines Blickes auf die Biologie treten; die sozialen Faktoren sollten nicht etwa als Ergänzung, sondern als Ersatz für die natürlichen Einflüsse gesehen werden. Sonst wäre es auch nichts Neues; Soziologie gibt es schon lange. Neu war die vollständige Absage an die Natur, wie wir sie schon früh bei Simone de Beauvoir und – auf die Spitze getrieben – bei Judith Butler formuliert finden. Demnach haben wir nicht etwa ein natürliches und ein soziales Geschlecht, sondern nur noch ein soziales. Das stand so nicht im Wörterbuch. Da stand auch nicht, dass Lesben, Schwule und Transsexuelle neuerdings als eigenständige Geschlechter gelten.

 

Wie gelähmt haben wir die Ziele dieser „Pekinger Aktionsplattform“ über uns ergehen lassen, vorbei am Bundesrat, abseits jeder öffentlichen Diskussion. Erst so langsam wird deutlich, was wir uns da eingefangen haben und wie sehr es in unser Leben eingreift. Vorgesehen sind die Förderung von Homosexualität sowie die sexuelle Früherziehung in Schulen. Es ist außerdem vorgesehen, dass fünfzig Prozent aller Arbeitsplätze in allen Berufssparten mit Frauen zu besetzen sind, notfalls zwangsweise. Dieser Zwang gilt als die neue Gerechtigkeit.

 

Diese „Geschlechtergerechtigkeit“ sollen wir in der Sprache zum Ausdruck bringen. Was kommt dabei heraus? Die Sprache wird undeutlich. Sie ist an einem modischen Ideal orientiert, das wir morgen oder spätestens übermorgen als falsches Ideal ansehen werden. Sie ist in den Wind gesprochen.

 

Dieses war der zweite Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Teil 2:

Gender und das Ende der Geschlechter, wie wir sie kennen

Nach dem ersten Schritt kommt der zweite. Wir haben A gesagt, nun sollen wir B sagen. Die Stimme im Navi, die uns unablässig ermahnt hatte „Bei der nächsten Gelegenheit, bitte wenden“, haben wir überhört. Wir sind weiter gefahren, die geschlechtergerechte Sprache war eine Zwischenstation. Nun geht es weiter in Richtung gendergerechte Sprache.

 

Nun soll gegendert werden mit Rücksicht auf diejenigen, die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen können und die sich unwohl fühlen, wenn sie als männlich oder weiblich angesprochen werden. Diese Entwicklung wurde von der Weltfrauenkonferenz eingeleitet, bei der die Trennung von Frauen und Männern schon vorausgesetzt war; sie steht im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Homophobie und Transphobie und der Einführung von sexueller Vielfalt in die Bildungspläne für die Schulen.

 

Die Sprachvorgaben des zweiten Schritts fordern das Partizip als – angeblich – neutrale Form, also zum Beispiel die Umbenennung des Studentenheimes in „Studierendenheim“, sie verlangen den Unterstrich, der symbolisch Platz bieten soll für die, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, oder das Gender-Sternchen. Also: „Schriftsteller_innen“, „Schriftsteller*innen“ oder „Schreibende“. 

 

Die Doppelnennungen, die im ersten Schritt gefordert wurden, ist nicht mehr nötig. Das macht die Forderung nach gerechter Sprache unglaubwürdig und erklärt die Forderungen des Sprachfeminismus im Nachhinein für ungültig. Kaum haben wir uns an die Formulierung „Studentinnen und Studenten“ gewöhnt, kommt die neue Parole: Es soll jetzt „Studierende“ heißen. Hier offenbart sich, wie zeitgebunden und unzuverlässig das Ideal der Gerechtigkeit ist, hinter dem alle herlaufen sollen.

 

Als wir „Studentinnen und Studenten“ sagten, sind wir den Frauen gerecht geworden (besser gesagt den Feministen), aber nicht denen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können. Denen sollen wir jetzt gerecht werden. Aber: Wenn wir nun „Studierende“ sagen, stellt sich die Frage: Gilt plötzlich das Argument nicht mehr, dass Frauen unterdrückt und ausgegrenzt werden, wenn man nicht die Innen-Form verwendet? Wieso sind die Vertreter der gerechten Sprache einverstanden, wenn man „die Studierenden“ sagt, machen einem aber einen moralisierenden Vorwurf, wenn man „die Studenten“ sagt? Das sollten sie mal erklären.

 

Hinter den Handreichungen und Ratschlägen stecken offene Drohungen gegen alle, die sich nicht beugen wollen. Es ist längst soweit, dass es als Vorwurf gilt, wenn jemand „bewusst nicht gendert“. Immer mehr Universitäten verweigern inzwischen die Annahme von Arbeiten, die nicht gegendert sind.

 

Wir sollen alle gendern. Kirchen, Gewerkschaften, Rundfunkanstalten, Parteien, Universitäten, Gemeinden – ja, man hat den Eindruck, dass jeder Alpen- und Tierschutzverein mitmacht – alle geben Anleitungen heraus, wie man gendern soll, wie eine „geschlechtergerechte Sprache“ im Alltag umgesetzt werden kann, um nicht als rechtspopulistisch erkannt und verdammt zu werden. Der Ton ist rau geworden. Wer nicht gendern will, gilt als Nazi. Es drohen Strafen.

 

Fußnoten und Tipps:

Wenn man die Sprachregeln wirklich diskutieren wollte, sollte man die Für- und Gegensprecher zu einer fairen Diskussion einladen.

 

Wird es so eine Diskussion im Lutherjahr geben? Werden dabei die Argumente von beiden Seiten gleichermaßen gehört werden? Wir werden sehen. Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus. Es gibt ein deutliches Ungleichgewicht, das offenbar gewollt ist. Die Genderdebatte der evangelischen Kirche folgt dem Motto: 5 gegen Willi. Ich bin der Willi.

 

Außerdem wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.

 

 

 

 

 

Gender-Mainstreaming. Was ist das? Wo kommt es her?

 

 

Offiziell liest es sich so: Die „Gender-Perspektive“ wurde 1995 in Peking auf der Weltfrauenkonferenz vorgegeben. Durch den Amsterdamer Vertrag von 1997/1999 wurde sie zum offiziellen Ziel der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union, und seit der Regierung Schröder wird sie in Deutschland als „Querschnittsaufgabe“ intensiv gefördert und aus Steuermitteln finanziert – seither haben wir auch diese Ausdrücke, von denen wir nicht wissen, was sie bedeuten.

 

Schon bei dem Wort „Querschnittsaufgabe“ muss ich unwillkürlich an Querschnittslähmung denken. In der Tat haben wir wie gelähmt die Folgen dieser „Pekinger Aktionsplattform“ über uns ergehen lassen, vorbei am Bundesrat und abseits jeder öffentlichen Diskussion. Erst so langsam wird deutlich, was wir uns da eingefangen haben und wie sehr es unser Leben verändert.

 

Es ist geplant, 50 Prozent aller Arbeitsplätze in allen Berufssparten mit Frauen zu besetzen, notfalls zwangsweise. Dieser Zwang kündigt sich bereits überall an. Ziel ist die „statistische Gleichheit“ und damit die Auswechselbarkeit der Geschlechter – sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch gegenüber den Kindern.

 

Unsere großen Parteien haben alle eine Quote; damit haben sich die Spielregeln der Demokratie schleichend, aber grundlegend verändert. Bei Frauenfragen gibt es keine Diskussion mehr. Quotenfrauen halten die Türen sperrangelweit auf. Ihre Aufgabe ist es, alles, was schon von weitem so aussieht, als wäre es irgendwie gut für Frauen und schlecht für Männer, besinnungslos durchzuwinken. „Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur noch Deutsche“, sagte einst Kaiser Wilhelm II. Heute könnte man sagen: „Es gibt keine Parteien mehr. Es gibt nur noch Frauen.“

 

Man kann wirklich sagen, dass Gender Mainstreaming erfolgreich „top down“ – also von oben, das heißt: undemokratisch und unrealistisch, nicht etwa an Empirie, sondern an Ideologie orientiert – in die Politik „implantiert“ wurde. Der Skandal ist, dass bei diesem schweren Eingriff der Patient vorher nicht informiert wurde. Wieso müssen wir uns eigentlich danach richten, was 1995 in Peking beschlossen wurde? Sitzt da etwa unsere Weltregierung?

 

In Peking trafen sich Nichtregierungsorganisationen, so genannte NGOs, non- governmental organisations, die ihre Autorität daraus beziehen, dass sie als unabhängig gelten und so etwas wie das gute Gewissen der Welt verkörpern, weil sie Basisgruppen repräsentieren. Sie haben lediglich Beraterstatus. Sie geben Empfehlungen an die Vereinten Nationen. Mehr nicht. Das wirkt harmlos. Doch sowohl beim Stichwort „unabhängig“ als auch bei den „Empfehlungen“ wurde gemogelt.

 

Heute weiss ich, wie man die Teilnehmer so einer Konferenz bezeichnen muss: als Gutmenschen-Jetset. Sie sind keineswegs unabhängig und sie vertreten keine Bewegungen, die „von unten“ kommen – im Gegenteil: Man nennt sie auch das „gender establishment“. Frauenorganisationen stehen sowieso nicht auf eigenen Beinen, denn sie werden hoch alimentiert. Sie tun nur so, als wären sie selbständig. Woher kommt das Geld? Das ist ihr Geheimnis.

 

Vielleicht haben wir tatsächlich eine neue Weltregierung, ohne dass es wir es gemerkt haben. Das vertraute Mehrparteiensystem ist aufgelöst, und das Hickhack zwischen den verschiedenen Parteien mit ihren Farbspielchen ist belanglos geworden. Regiert werden wir von einer SEP, einer Sexistischen Einheitspartei. Frauen aller Couleur arbeiten längst parteiübergreifend zusammen, auf lokaler Ebene, im Bund und in Europa, und sie beanspruchen die Kontrolle in allen Bereichen: Familie, Justiz, Wirtschaft, Soziales …

 

Claudia Nolte von der CDU bezahlte seinerzeit „ihre“ Leute und schickte sie zu einem Luxusurlaub nach Peking, wo sie sich als unabhängige Basisbewegung tarnten. In Amsterdam wurde kurzerhand aus den Empfehlungen eine „Verpflichtung“ gemacht, und die Frauen von Rot-Grün übernahmen begeistert, was „ihre“ Leute von langer Hand vorbereitet hatten.

 

In Peking fand eine ortstypische Applaus-Veranstaltung statt. Die „gemeinsame“ Abschlusserklärung, mit der die Gleichschaltung aller Frauen verkündet wurde, war, wie es heißt, ein „großer Erfolg“. Die Weichen waren schon zuvor auf Vorbereitungstreffen in New York gestellt worden. Die Journalistin Dale O’Leary hat an mehreren solcher „Prep-Coms“ teilgenommen und verraten, wie man da getrickst, gemogelt und getäuscht hat, und wie Vertreter aus armen Ländern erpresst wurden. Sie beschreibt den Betrug in quälenden Einzelheiten und nennt die Namen der Betrügerinnen: Gertrude Mongella, Kristen Timothy, Bella Abzug, Irene Freudenschuss.

 

Eine weitere treibende Kraft im Vorfeld war die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Haarlem Bruntdland, die verärgert war, weil ein weltweites Recht auf Abtreibung nicht so reibungslos durchgesetzt werden konnte, wie sie sich das wünschte, und die darauf drängte, das so genannte Konsens-Prinzip, das allen Teilnehmern Mitsprache gewährt, fallen zu lassen. Die langsameren Länder, so meinte sie, würden damit nur den Fortschritt behindern.

 

Die Machtverhältnisse hatten sich längst verschoben, ja geradezu umgekehrt: Ursprünglich sollten die NGOs den politischen Vertretern der Vereinten Nationen Hilfestellungen bieten. Nun dominieren sie sie, und Frauen springen problemlos zwischen Zugehörigkeit zu einer NGO und Zugehörigkeit zur UN hin und her wie beim Hase-und-Igel-Spiel. Frauenverbände aus reichen, westlichen Ländern sind sowieso um ein Vielfaches besser ausgestattet und nutzen ihren Standortvorteil, um die politischen Vertreter aus kleinen Ländern zu bloßen Statisten zu degradieren. Dale O’Leary beschreibt diesen neuen „Kolonialismus der reichen, weißen Frau“ in ihrem Buch The Gender Agenda. Es ist nicht übersetzt; aber wir können ja alle ein bisschen englisch. Außerdem gibt es eine deutsche Zusammenfassung im Internet.

 

Was geschah in New York? Es konnte natürlich nicht jedwede Basisbewegung akkreditiert werden, also wurden gezielt Gruppen ausgeladen und ersatzweise über Nacht NGOs ohne Mitglieder aus dem Hut gezaubert. So versuchten die „Agentinnen des Wandels“ unter sich zu bleiben. Und so setzten sich genau die Kräfte durch, die das voranbringen wollen, was wir längst als das eigentliche Anliegen des Feminismus kennengelernt haben: die Gegnerschaft zum Mann und zum Kind, ideal verkörpert in der lesbischen Frau.

 

Es wurden zwar gelegentlich Mahnungen laut, doch bitteschön die männerfeindlichen Töne aus den Erklärungen zu entfernen, aber vergeblich. An dieser Stelle wirkt Dale O’Learys Bericht ein wenig naiv. Natürlich herrschte da ein männerfeindliches Klima. Was denn sonst?! Da wurden, wie sie zu ihrem Leidwesen feststellen musste, nicht nur Organisationen ausgegrenzt, denen sie selber nahesteht; es wurden außerdem pauschal alle Männer außen vor gelassen: „Männer raus!“, lautete die Parole. Das ist die conditio sine qua non – die Bedingung der modernen Frauenpolitik.

 

Stellen wir uns vor, es gäbe eine internationale Konferenz zu einem Thema, das ausschließlich Frauen angeht, etwa zu einer Unterleibserkrankung, die es nur bei Frauen gibt. Wer käme auf den Gedanken, Expertenmeinungen von Männern auszuschließen, nur weil sie Männer sind? Dazu müsste man schon sehr vom Sexismus durchglüht sein. Das sind diese Frauen, obwohl es streng genommen keine „Frauenthemen“ gibt, die nicht genauso für Männer von Belang wären.

 

Doch diese Frauen glauben offenbar selber nicht, dass sich ihre Argumente in einer offenen und fairen Diskussion bewähren würden. Benehmen sie sich deshalb wie feige Despoten? So gehen sie vor: Zuerst werden Beschlüsse ohne eine Möglichkeit der Mitwirkung von Männern gefasst, dann wird ihnen das Ergebnis vorgesetzt wie einem Verlierer, der bedingungslos kapitulieren soll.

 

Was wurde beschlossen? Dass es mehr Abtreibungen geben soll. Das alte Thema des Feminismus wurde in ein neues Gewand gekleidet, sodass auch prompt so manche Delegierte darauf hereinfiel und glaubte, „reproductive right“ meinte das Recht auf ein Kind und wäre nicht etwa der neue Fachausdruck für Abtreibung. Offiziell nennt man es jetzt „reproductive health“, also reproduktive Gesundheit.

 

Doch den größten Manipulations-Erfolg verbuchten die Aktivistinnen mit der Durchsetzung des Wortes „gender“, das in einer der Erklärungen von New York mehr als 200 Mal vorkommt. Kaum einer der angereisten Delegierten konnte damit etwas anfangen; denen ging es nicht besser als uns. Die angereisten Teilnehmerinnen waren überrumpelt und mussten im Wörterbuch nachschauen. Da stand etwas vom „sozialen“ und vom „grammatikalischen“ Geschlecht. Doch das half ihnen nicht weiter, denn der Begriff sollte eine neue Bedeutung bekommen.

 

Die Gender-Perspektive sollte nicht etwa eine Ergänzung sein, sondern Ersatz für Sichtweisen, in denen noch die Natur vorkommt. Sonst wäre sie ja nichts Neues. Beschreibungen von „sozialen Faktoren“ gibt es schon lange. Die Frage ist nur, wie bedeutend die sind. Neu ist die Verabsolutierung dieser Faktoren, und neu ist die damit verbundene radikale Absage an die Natur, wie wir sie bei Judith Butler und vorher schon bei Simone de Beauvoir formuliert finden.

 

Wir haben demnach nicht etwa ein natürliches und ein soziales Geschlecht, sondern nur noch ein soziales. So stand das nicht im Wörterbuch. Es wäre ja auch verwunderlich. Gerade wenn man bedenkt, dass sich das Gütesiegel „Bio“ ungebrochener Beliebtheit erfreut und viele westliche, weiße Frauen ausschließlich „Bio“ essen, „Bio-Kosmetik“ benutzen und die Natur über alles lieben. Ihren eigenen Körper aber sehen sie nicht als „Bio“ an. Ihr Geschlecht halten sie für „sozial konstruiert“, für ein Kunstprodukt. Als wäre ihr Gesicht pures Make-up und als würden sie sich heimlich von Plastikblumen ernähren. Es drängt sich die Vermutung auf, dass hier ein innerer Zusammenhang besteht zwischen der Überbewertung des Natürlichen an der einen und seiner Unterbewertung an anderer Stelle.

 

Und noch etwas: Im Wörterbuch stand auch nicht, dass Lesben, Schwule und Transsexuelle neuerdings eigenständige Geschlechter wären. Doch gerade das ist die entscheidende Neuerung, die mit der Gender-Perspektive einhergeht. Nun gibt es nämlich fünf Geschlechter. Damit geraten Heterosexuelle Männer und Frauen in eine Minderheitenrolle. Sie sind zwar weiterhin diejenigen, die den Fortbestand der Gattung gewährleisten, doch nun werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Speziell heterosexuelle Männer werden als Unterdrücker und Feinde der Zukunft gebrandmarkt. Der Transsexuelle, der zu einem eigenen, gleichwertigem Geschlecht aufgewertet wird, bewirkt das neue Ungleichgewicht. Der Hetero-Mann wird in diesem Modell zum Buhmann. Alle sollen sich von ihm unterdrückt fühlen.

 

Obwohl die Teilnehmerinnen gut vorsortiert waren, konnten sie sich in dieser Frage nicht so schnell einigen, und so musste eine verbindliche Definition des strittigen Begriffes „gender“ vertagt werden. Wer abreisen musste, hatte Pech. Bei der nächsten Vorbereitungskonferenz gab es erstaunlicherweise immer noch keine Klärung. Es ging auch ohne. Das Schlüsselwort „gender“ blieb ein „offenes Geheimnis“. Es wurde – ohne dass es definiert worden wäre – zur Grundlage der Aktions-Plattform. „Gender hat keine Definition und braucht keine!“, hieß es nun. Basta!

 

Die kritischen Teilnehmer waren zwar verärgert, hielten aber still: Immerhin war nicht schriftlich festgelegt, dass die Vorstellung der Zweigeschlechtlichkeit verabschiedet werden sollte. Die Strippenzieherinnen waren hochzufrieden. Sie hatten es zwar nicht fixiert, aber so gemeint. Sie hatten es auch immer schon gesagt. Befreiung könne es nur geben, stand in einem der Papiere, wenn die Frau von der Last der Familie und der Kinderpflege erlöst sei, und wenn Männer und Frauen die „Komplementarität“ ablegten, die als jene „Zwangsheterosexualität“ beschrieben wurde, die Judith Butler und vor ihr schon Michel Foucault abgelehnt hatten. Frances Kissling, Sprecherin einer der NGOs ohne Mitglieder, hatte eine „feministische Anthropologie“ vorgetragen, die „auf einer radikalen Gleichheit von Frauen und Männern“ basiert. Auch das kennen wir schon.

 

Der Begriff „Mainstreaming“ wiederum war neu. Manche glauben, das sei langweile Popmusik. Gemeint ist eine Art „Hauptfluss“; einer, der keinen Nebenfluss kennt. Er tritt über die Ufer und überschwemmt alles. Mit dem Wort vom „Mainstreaming“ nehmen die sexistischen Feministen die Rückendeckung durch eine große Mehrheit für sich in Anspruch, wie es einst die Bolschewisten taten: Bolschewiki sind übersetzt die „Mehrheitler“. Bei ihnen galt Lenis Wort von der „Parteilichkeit ohne Partei“.

 

Damit haben wir endlich einen Übersetzungsvorschlag für „gender mainstreaming“ – nämlich: „Sexistischer Bolschewismus“. Alternative Vorschläge sind: „Politische Geschlechtsumwandlung“ oder „Totalitäre Steigerung der Frauenpolitik“. Offiziell heißt es: „Gleichstellungspolitik als Erfolgsstrategie“.

 

Der Volksmund sagt einfach: „Gender, Gender, Geldverschwender!“

 

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