Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wie – und warum – hat sich unsere Sprache verändert?

Teil 1

 

Gute Frage. Darüber soll auch im Rahmen des evangelischen Kirchentages gesprochen werden. Bei einer Genderdebatte unter dem Titel „Für eine sanfte Revolution der Sprache“ (siehe unten), an der ich teilnehmen werde, sollen wir uns fragen, wie weit wir schon gekommen sind mit der Entwicklung einer „geschlechter- und gendergerechten Sprache“.

 

Das wollte ich schon lange wissen. Ich möchte hier kurz die Entwicklung aus meiner Sicht beschreiben. Doch zunächst will ich ein Zitat voranstellen: Konfuzius wurde einmal gefragt, was er als erstes machen würde, wenn er ein Land zu regieren hätte.

 

„Ich würde vor allem die Sprache verbessern. Wenn die Sprache nicht einwandfrei ist, sagt man nicht, was man meint. Wenn das Gesagte aber nicht das ist, was man meint, bleibt ungetan, was getan werden soll. Wenn es ungetan bleibt, verfallen die Sitten und Künste und das Recht geht in die Irre. Wenn das Recht in die Irre geht, ist das Volk hilflos und unsicher. Deshalb darf in dem, was gesagt, nichts Willkürliches sein. Es gibt nichts Wichtigeres.“

 

So ist es. Unsere Sprache ist verdorben und wir gehen in die Irre. Wie konnte es dazu kommen? In zwei Schritten: im ersten haben wir uns abgewöhnt, uns weiterhin eine Zusammengehörigkeit von Frauen und Männern vorzustellen. Stattdessen sollten wir Frauen und Männer als grundsätzlich getrennt voneinander ansehen, als lebten sie nicht miteinander, sondern gegeneinander. Im zweiten Schritt sollen wir das Geschlecht grundsätzlich in Frage stellen und ganz neu denken. Ich will in diesem Teil zunächst nur den ersten Schritt vorstellen.

 

 

Mit Vollgas in die falsche Richtung

Wer A sagt, muss auch B sagen. Sagt der Volksmund. Bertholt Brecht ist da anderer Meinung. Er findet, wer A gesagt hat, muss nicht B sagen, er kann auch einsehen, dass A falsch gewesen ist. Doch wer mag schon zugeben, dass er bisher etwas falsch gemacht hat? Mark Twain hat es so zusammengefasst: Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als ihnen klar zu machen, dass sie getäuscht worden sind.

 

Wir sind getäuscht und schrittweise in die falsche Richtung gedrängt worden und können uns nicht mehr erinnern, wann wir angefangen haben, A zu sagen, obwohl wir es gar nicht sagen wollten und damals schon als falsch empfunden haben. 

 

Friedrich Schiller meinte: „Wie menschlich Menschen sind, zeigt ihr Umgang mit der Muttersprache.“ Das ist lange her. Die feministischen Sprachforscherinnen sehen unsere Muttersprache als böse „Männersprache“, die Frauen unterdrückt. Sie muss dringend menschlicher gemacht werden, indem man sie weniger männlich macht – je weniger Mann, desto mehr Mensch, lautet die Parole. Sie behaupten sogar, dass Frauen durch die Sprache, wie sie bisher war, vergewaltigt würden.

 

Die wollen bestimmt nur spielen

Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz sind die lautesten Wortführerinnen. Auch wenn ihre Namen so klingen, als hätte Loriot sie ausgedacht, sie haben keinen Humor. Sie sind nicht bloß unfreundlich, sie sind feindselig. Sie gefallen sich in Sticheleien.

 

Luise F. Pusch findet, dass man Frauenfußball lieber „Fußball“ nennen sollte und das, was wir bisher unter „Fußball“ verstanden haben, als Männerfußball bezeichnen sollten; denn nur Frauenfußball sei richtiger Fußball. Vielleicht hat so ein Auftreten dazu beigetragen, dass man solche Stimmen nicht ernst genommen hat. Man hat nur müde gelächelt, wenn man ein Schreiben an die „Mitgliederinnen und Mitglieder“ erhielt. Man hat das als Kuriosität durchgehen lassen. Linke Tagesszeitungen wie die ‚taz’ und das ‚Woz’ haben das umso begeisterter aufgegriffen und das so genannte Binnen-I – wie in LeserInnen – kreiert, um damit zu betonen, dass sie Frauenanliegen in jeder Hinsicht unterstützen.

 

Erst sollten wir Innen-Schwänzchen anhängen

Wir haben seit den siebziger Jahren eine regelrechte Innen-Invasion erlebt. Schriftsteller hießen nun: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“. Wir wurden überschwemmt mit Innen-Formen, mit Doppelnennungen, Schrägstrichen und Klammern, die dazu führten, dass die Sprache unaussprechlich wurde und dass unser Computer eine BenutzerInnenoberfläche hat. Viele Männer haben das als Gebot der Höflichkeit missverstanden. Darum ging es nicht. Es ging darum, die Geschlechter-Apartheid einzuführen.

 

Die Kluft zwischen Männern und Frauen sollte vertieft werden. Die feministische Parole „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ beschreibt die grundsätzliche Unversöhnlichkeit der Geschlechter, sie beschreibt eine Dissoziation (im Gegensatz zur Assoziation). Männer und Frauen leben demnach in verschiedenen Sphären; dass sie jemals etwas miteinander zu tun haben könnten, liegt außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Feministen wollen keine Vereinigung der Geschlechter. Sie wollen die Scheidung, die seit der Reform des Scheidungsrechtes von 1976 zu einem Massenphänomen geworden ist.

 

Dabei ist die Innen-Form überflüssig; wir konnten uns bisher sehr gut ohne Innen-Schwänze verständigen. Ich bin so alt, ich kann mich noch erinnern. Wenn ich sagen wollte, dass beispielsweise eine Gruppe von Schriftstellern ausschließlich aus Frauen besteht und ich das gesondert hervorheben wollte – was meistens nicht der Fall war –, dann konnte ich sagen „weibliche Schriftsteller“. Man konnte das sogar differenzieren und von „überwiegend weiblichen“ oder „ausschließlich weiblichen“ Schriftstellern reden. Voraussetzung ist dabei, dass die Bezugsgruppe als einheitliche Gruppe erhalten bleibt und dass es einen gemeinsam genutzten Begriff für diese Gruppe gibt – nämlich die „Schriftsteller“.

 

Die Formulierung „weibliche Schriftsteller“ erscheint uns deshalb so ungewöhnlich, weil wir sie (fast) nie benutzt haben. Es gab dafür keinen Anlass. Es gibt auch heute keinen. Wir brauchen keine Innen-Form. Die Innen-Form ist das „Willkürliche“, von dem Konfuzius meint, dass es so etwas in der Sprache nicht geben dürfe. Sie beruht auf dem Missverständnis, dass das grammatische Geschlecht eine Aussage über das natürliche Geschlecht mache.

 

Politisch korrekt, sachlich falsch

Exklusiven Frauengruppen wurden damals überhaupt erst erschaffen oder einfach behauptet. In der Zeit entstanden Frauenhäuser, Frauenbuchläden, Frauenparkplätze, Frauentaxen, Frauencafés und schließlich mit Rita Süssmuth erstmalig ein Ministerium für „Frauen“. Damit wurde der Sprachfeminismus amtlich und in der Politik hörte man von nun an Doppelnennungen.

 

Wenn Ursula von der Leyen über die gefallenen deutschen „Soldatinnen und Soldaten“ spricht, tut sie das aus Prinzip, nicht etwa, weil tatsächlich ein weiblicher deutscher Soldat in Afghanistan gefallen wäre. Die „gerechte“ Ausdrucksweise ist wichtiger geworden als die angemessene. Ideologie triumphiert über Wirklichkeit. Die Sprache wird unwahrhaftig.

 

Arthur Brühlmeier hatte schon früh vor den Risiken und Nebenwirkungen der Doppelnennung und der Innen-Form gewarnt, unter dem Titel „Sprachfeminismus in der Sackgasse“ kann man das nachlesen. Was ist das Problem? Es geht uns mehr und mehr der Begriff für das Gemeinsame verloren und damit verlieren wir auch eine Vorstellung von dem Gemeinsamen. Wir erleiden, wie es Arthur Brühlmeier sagt, den „Verlust des wichtigsten Oberbegriffs der deutschen Sprache, nämlich des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefassten Menschen.“ Friedrich Schiller dreht sich im Grabe um (aber das tut vermutlich sowieso).

 

Ein Bruch ohne gemeinsamen Nenner

Am Wahlabend wird nur noch von „Wählerinnen und Wählern“ gesprochen. Bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg wird von „Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern“ gesprochen, als hätten wir es mit einem Bundesland zu tun, das aus zwei Landesteilen zusammensetzt ist und einen gemeinsamen Namen führt – nämlich Baden-Württemberg –, allerdings unter einer Wählerschaft leidet, die aus zwei Gruppen besteht, die sich auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnten: „Wähler“ empfinden sie nicht als richtige Bezeichnung und reden von „Wählerinnen und Wähler“.

 

Was uns zunächst als unbedeutende Verrücktheit erschien, ist inzwischen zur Norm geworden. Aus dem Abseitigen wurde das Gängige. Wie konnte soweit kommen? Schritt für Schritt. Erst sagten wir A, dann sagten wir B. Wir haben erst eine Kröte geschluckt, dann unser Geschmacksempfinden verloren und schlucken nun eine Kröte nach der anderen.

 

Idiotinnen und Idioten durch Trennung

Eine weitere Station auf dem Weg in die falsche Richtung war die Bibelübersetzung in „gerechter“ Sprache. Da lesen wir von „Makkabäerinnen und Makkabäern“, als hätte es damals schon eine bisher verschwiegene Geschlechtertrennung gegeben. Wir nehmen das hin, auch wenn wir wissen, dass es falsch ist. Es gab auch keine „Jüngerinnen“. Die Bibelübersetzung ist sowieso keine „Übersetzung“, also eine Übertragung von einer Sprache in eine andere, sondern eine Interpretation – was eine Übersetzung nicht sein darf.

 

Eine „gerechte“ Sprache gibt es nicht. Gerechtigkeit kann man nicht beanspruchen, sie wird einem zuteil. Von einer neutralen Instanz. Wer aber sollte in dem Fall als neutrale Instanz Gerechtigkeit schaffen und ein gerechtes Urteil fällen? Wenn sich die Klägerin selbst zum Richter macht, entsteht eine Tyrannen-Gerechtigkeit, besser gesagt: eine Tyranninnen-Gerechtigkeit.

 

Egal. Wir Leserinnen und Leser haben uns daran gewöhnt wie die Idiotinnen und Idioten. Wir nehmen die Falschheiten hin. Nun reden wir so: „Frauen sind die besseren Autofahrerinnen und Autofahrer“. „Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin …“

Dieses war der erste Streich. Eine kleine Zusammenfassung und ein paar Tipps:

 

Fußnoten:

Teil 1:

Geschlechtertrennung, Verlust der Gemeinsamkeit:
Erst hatten wir den Sprachfeminismus, der uns die so genannte „gerechte“, „geschlechtergerechte“ oder auch „geschlechtersensible“ Sprache gebracht hat. Von „gender“ war in den siebziger Jahren noch nicht die Rede, „gender“ war noch ein Fremdwort. Wir sollten zunächst Frauen bei jeder Gelegenheit explizit benennen, weil sie sich sonst – angeblich – diskriminiert fühlen. Tatsächlich sollte damit eine Männerfeindlichkeit zum Ausdruck gebracht und eine Geschlechterapartheid eingeführt werden. Die erste Phase steht im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Ministeriums für Frauen und exklusiven Räumen für Frauen wie etwa den Frauenparkplätzen.

 

Die Sprachvorgaben in der ersten Phase verlangten die Innen-Form bei der Pluralbildung, die Doppelnennungen , das Binnen-I und die Abschaffung von Begriffen, in denen Frauen und Männer gemeinsam Platz finden. Wir sagten also: „SchriftstellerInnen“, „Schriftsteller(innen)“, „Schriftsteller/innen“, „Schriftsteller-innen“ oder „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ – keinesfalls: „Schriftsteller“. Diese Form, die bisher als übergeschlechtliche Pluralform galt, wird nun trotz des weiblichen Artikels als „männliche Form“ gesehen, als „generisches Maskulinum“ und muss deshalb gemieden und bekämpft werden.

Tipps:

Woher kommt der Dampf?

Viele halten die geschlechtergerechte Sprache für eine Politikersprache, die wir nicht ernst nehmen müssen. Der Amtsschimmel wiehert eben gerne. Doch mir fällt etwas auf. Die Sprache der Verwaltung und der Bürokratie war früher eine beliebte Zielscheibe für Hechelscherz und Spottlob (diese Begriffe hatte einst Joachim Heinrich Campe vorgeschlagen als Ersatz für „Ironie“). Über die feministische Sprache wird selten gespottet. Hier hört der Spaß auf. Vielleicht liegt es daran, dass die Auseinandersetzung über den Sprachfeminismus jenseits von Ernsthaftigkeit und Humor liegt – d.h. man kann nicht ernsthaft darüber diskutieren und auch nicht darüber lachen. Die Scharfmacherinnen sind humorfern, sie stehen voll unter Dampf. Sie sind diejenigen, bei denen wir nachschauen sollten, was sie über die Sprache sagen. Alle anderen sind nur Mitläuferinnen, sie sind nur die Anhänger. Wer aber sind die Lokomotiven?

 

Soldatinnen und Soldaten

Wie verkrampft sich das anhört, sieht – und hört – man hier.

 

Arthur Brühmeier

hat mir geschrieben, dass sein Eintrag bei Wikipedia immer wieder verschwindet. Seinen hier zitierter Text, auf den ich immer wieder gerne hinweise, halte ich für einen Schlüsseltext: er ist kurz, sachlich und in einem überaus freundlichem Ton geschrieben. Sprachfeminismus in der Sackgasse.

 

Für eine sanfte Revolution der Sprache

So heißt die Veranstaltung. Es wirken mit: Gesine Agena (Frauenpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen), René_Hornstein (Vorstand Bundesverband Trans* (in dem Fall weist das Sternchen nicht auf eine Fußnote hin, sondern auf eine Besonderheit in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit)), Prof. Dr. Martin Leutzsch (der über die Bibel in gerechter Sprache sprechen wird), Dr. Andrea Lassalle (GenderKompetenzZentrum – Netzwerker_innen).

 

Die Veranstaltung leitet Dr. Franz Ferdinand Kaern-Biederstedt. Er hat sie auch vorbereitet. Sie findet am Freitag dem 26. Mai um 11.oo Uhr statt, im „Kosmos“, Saal 10, Karl-Marx-Allee 131A in Berlin Friedrichshain. Sie hat den Titel: „Für eine sanfte Revolution der Sprache“. Einladende Impulse für die Genderdebatte. Zentrum Regenbogen.

 

 

 

 

Frauenfußball und gelbe Karte

 

 

 

 

Eins zu Null für Lassahn

 

 

 

Nun kicken sie wieder und ich gucke nicht hin. Es ist lange her, dass ich mir so etwas zusammen mit meiner Mutter, die damals noch lebte, angesehen habe. Sie hatte sich ziemlich geärgert, weil sie eigentlich ihre Lieblingsserie sehen wollte, aber die wurde verschoben, weil Frauenfußball vordringlich war. Pech. Nun sahen wir uns die Bescherung an.

 

Ich weiß noch, dass eine der beiden Mannschaften aus Brasilien war – hätte ich jetzt sagen müssen: eine der beiden Frauschaften oder Mannschaftinnen? Jedenfalls war eins der beiden Teams aus Brasilien. Ich weiß nicht mehr, ob sie gewonnen oder verloren haben, ich habe es nicht bis zum Schluss angeguckt; ich wollte es nicht wissen. Ich gestehe, dass mir die Brasilianerinnen herzlich unsympathisch waren. Dennoch bin ich ihnen dankbar. Sie haben mir deutlich gemacht, was das Besondere am Frauenfußball ist.

 

Es fiel mir gleich auf: Die Spielerinnen applaudierten. Immer wenn es einen einigermaßen guten Spielzug ihres Teams gab, applaudierten sie sich selbst, ganz unabhängig davon, ob die Aktion zum Erfolg geführt hatte oder nicht. Nicht das Publikum applaudierte. Die Spielerinnen taten es. Man hörte es nicht, man sah es nur. Sie spendeten sich Applaus dafür, dass sie ihrer Meinung nach gut gespielt und sich ordentlich Mühe gegeben hatten. Sie brachten sich damit in die richtige Stimmung, es sollte vermutlich so etwas wie eine positive Verstärkung sein.

 

Ich musste an die Zeit zurückdenken, als ich in Amerika Sportler war. Da wurde ein gut gemachter, wenn auch gescheiterter Wurf, als „nice try“ gelobt. Das war’s. Darin lag allerdings eine Spur von Herablassung, als sollte damit gesagt sein: Da müssen wir noch dran arbeiten, nächstes Mal machst du das besser. Letztlich zählte das Ergebnis.

 

Applaudiert wurde nicht. Der Coach klatschte nicht. Wir Spieler taten es auch nicht. Wir wären überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen. Wenn es nach einem Wettkampf im Umkleideraum ein anerkennendes Nicken von einem Teamkollegen gab, dann war’s das. Das reichte.

 

Die Sportlerinnen aus Brasilen waren großzügig. Man kann auch sagen: Sie waren nicht besonders anspruchsvoll. Sie klatschen. Und klatschten. Und klatschten. Womöglich war es ihre spezielle Art, sich Mut zuzusprechen. Ich fand es billig. Es wirkte so, als wären sie auf irgendeine Scharlatanin reingefallen, die ihnen den letzten Schrei in Sachen Motivationstraining angedreht hatte. Wahrscheinlich sagten sie schon am frühen Morgen zu ihrem Spiegelbild: „Tschaka, Tschaka, du schaffst es, dies ist dein Tag.“

 

Es wirkte so, als hätten sie es nötig. So als hätten sie keine echte Motivation, sondern müssten die erst herstellen, wie jemand, der eigentlich keine Lust hat, etwas zu tun, aber trotzdem anfängt und sich sagt: Mal sehen, Appetit kommt vielleicht beim Essen. Man konnte wirklich nicht sagen, dass sie in einem Rausch der Spielfreude über das Feld huschten und dabei über sich hinauswuchsen. Es sah eher so aus, als wollten sie ihre Rolle als Fußballspielerinnen erst noch konstruieren, immer unter dem Vorbehalt, jederzeit wieder abzubrechen und auszusteigen, falls sie nicht genug gelobt werden oder sie sich das wieder anders überlegt haben.

 

Dann kriegte jemand vom gegnerischen Team eine gelbe Karte. Was taten die Brasilianerinnen? Sie applaudierten. Nun wurde es ein anderer Applaus. Damit beklatschten sie nicht ihren eigenen mickrigen Erfolg, sondern den Misserfolg der Gegenseite. Sie beklatschen nicht ihre eigene Stärke, sondern die Schwäche des Gegners. Nicht ihr eigenes Geschick, sondern das Missgeschick der anderen.

 

Schadenfreude ist ein Wort, das auch in Amerika kursiert, als müssten sie ein Wort aus Deutschland importieren, weil sie so etwa nicht kennen. Die Brasilianerinnen kannten es.

 

Deshalb mochte ich sie nicht. Und ich mochte sie nicht, weil mich in dem Moment Frauenfußball an Frauenpolitik erinnerte. An eine Politik, bei der die Erfolge darin bestehen, dass andere geschädigt werden. Ich musste sofort an das Zitat von Alice Schwarzer aus den achtziger Jahren denken, das es inzwischen zu trauriger Berühmtheit gebracht hat: „Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen.“ So kann man reden, wenn man weder einen Sohn, noch eine Tochter hat.

 

So wurde es dann auch gemacht. Die Benachteiligung der Jungs ist inzwischen gut dokumentiert. Gefeiert wird sie als Erfolg der Mädchen. Wie in der Bildung, so in der Politik, im Berufsleben, in der Wirtschaft. Frauenpolitik hat viele Erfolge zu vermelden. Überall gibt es Frauen, denen es leichter gemacht wird, indem man es Männern schwerer macht.

 

Als ich klein war und auf dem Dorf lebte, wollte ich auch – so wie die anderen Jungs – Fußball spielen. Wir hatten einen Ball, mehr nicht. Wir hatten nicht mal den Namen „street football“ für das, was wir da machten. Wir improvisierten. Unseren Tornister waren unsere Torpfosten. Wir vereinfachten die Regeln: fünf Ecken = ein Elfer. Also: Wenn es zum fünften Mal zum Eckball (den wir nicht gut verwandeln konnten) gekommen war, wurde ersatzweise ein Elfmeter (der in eher ein Fünfmeter war) gegeben. Soweit, so gut. Es fehlte nur an Spielern.

 

Die Mädchen wollten nicht. Wir konnten sie schließlich überreden, indem wir die Spielregeln änderten. Das Mädchentor wurde verkleinert, damit es schwerer zu treffen war und für sie galt: drei Ecken ein Elfer. Ich weiß nicht mehr, ob sie gewonnen oder verloren haben. Ich weiß nur noch, dass es kein Rückspiel gab, kein weiteres Spiel.

 

Wir sollten uns an diesen wunderbaren Mädchen (die wir erstaunlicherweise „Wichter“ nannten) ein Beispiel nehmen! Ich habe sie in bester Erinnerung. Sie haben sich zwar in einer schwachen Minute überreden lassen, es mit „affirmative action“ und mit positiver Diskriminierung zu probieren, haben es dann aber bleiben lassen und haben lieber das getan, wozu sie wirklich Lust hatten (für Lust hatten wir erstaunlicherweise eine Art Plural, wir sprachen von „Lusten“).

 

Die Mädchen haben nur gemacht, was sie wirklich wollten. Sie haben vermutlich instinktiv gewusst – man soll die Mädchen vom Land nicht unterschätzen –, dass sie nur dann zu einem echten Selbstbewusstsein kommen, wenn sie ohne Motivationstraining auskommen, ohne Girls’ Day und ohne diesen ständigen Druck, eingefahrene Rollenbilder zu ändern und zu dekonstruieren.

 

Ich bin sicher, dass sie so ein Aufmunterungs-Video wie das von der Allianz lächerlich finden. Was sehen wir da? Da wird uns in einem humorfernen Sketch mit dem kecken Comedy-Sternchen Carolin Kebekus gezeigt, dass Frauen alles besser können. Es ist so offensichtlich falsch, so verlogen, so gehässig, dass sich sogar die Dummerchen aus den großen Städten gelangweilt abwenden. Der faule Zauber gelingt nur, wenn die Frau gleichzeitig Schiedsrichterin und Kommentatorin ist – und wenn alles unecht ist. Es ist brasilianisches Klatschen. Der Erfolg beruht auf gelben Karten für die Gegner. Und die gelben Karten sind Fehlentscheidungen der Schiedsrichterin.

 

 

Die Mädchen aus dem Dorf wären darauf nicht reingefallen. Ich möchte sie herzlich grüßen: Anneliese, Irmgard, Hannelore, Gerda, Ingetraut, Christa, Renate, Jutta … und wie sie alle hießen.

 

Ich heiße Lassahn. Das Dorf mit den wunderbaren Mädchen heißt nicht so. Doch es gibt einen Ort, der so heißt. Da gibt es eine Fußballmannschaft. Und die ist mit einem legendären Tor Führung gegangen: 1 zu 0 für Lassahn! Siehe oben!